Wirkung · 6-3
Medien
Immersive und telepathische Medienerfahrungen versprechen, die Beziehungen über Unterschiede hinweg zu transformieren. Sie haben das Potenzial, die Erfahrungen marginalisierter Gruppen für uns ebenso greifbar zu machen wie die unserer Nachbar:innen. Der kollaborative Journalismus verspricht, die Zahl der Bürger:innen deutlich zu erhöhen, die unsere gemeinsame Erzählung der Zeitgeschichte im Moment ihres Entstehens mitgestalten können… Die kryptografische Sicherung von Quellen kann die Pressefreiheit stärken. Dies könnte dazu führen, dass jedes Land im Weltindex für Pressefreiheit von „Reporter ohne Grenzen“ eine Kategorie aufsteigt (beispielsweise von „befriedigend“ auf „gut“), indem die Kompromisse zwischen der Vertraulichkeit von Quellen und Staatsgeheimnissen reduziert werden. Die Schaffung einer stärker ⿻-artig strukturierten Aufmerksamkeitsverteilung und entsprechender Geschäftsmodelle, könnte den Anstieg der gefühlten Polarisierung in vielen Ländern umkehren. Möglicherweise ließe sich dadurch das Polarisierungsniveau auf das Niveau jener Gesellschaften senken, die heute am wenigsten polarisiert sind – etwa Taiwan oder die Niederlande.
Die unmittelbaren Erfahrungen, die die meisten von uns im Alltag machen, ermöglichen nur einen winzigen Einblick in das Weltgeschehen. Fast alles, was wir darüber hinaus wissen, wird durch Beziehungen, Schulbildung und vor allem durch „Medien“ vermittelt. Dies geschieht insbesondere durch Journalismus (Radio, Fernsehen, Zeitungen), soziale Medien sowie durch gezielte Kommunikation in kleinen oder großen Gruppen wie E-Mail- und Gruppenchats. Ein bedeutendes Versprechen der digitalen Technologie zielt auf die Transformation der Medienlandschaft. Wir greifen diese Möglichkeit hier auf, sind uns dabei jedoch der Gefahren und Schäden bewusst, die weithin der digitalen Technologie und den sozialen Medien zugeschrieben werden. Unser Fokus liegt darauf, wie ⿻ dazu beitragen könnte, viele dieser Schäden zu beheben und einen Teil des Potenzials zu verwirklichen, das Internetpioniere wie J. C. R. Licklider und Robert Taylor in den digitalen Medien sahen.[1]
Wir beleuchten insbesondere, wie die kommende Welle von ⿻-Technologien folgende Veränderungen bewirken könnte:
- Die Empathie wird über soziale Distanzen hinweg noch dramatischer zunehmen, als es Fotografie und Fernsehen vermochten.
- Die Zahl der Menschen, die sinnvoll und konstruktiv am journalistischen Prozess teilnehmen können, wird sich um eine Größenordnung oder mehr erhöhen.
- Das Vertrauen in die Medien und in die Normen für die Wahrung der Vertraulichkeit wird weitestgehend wieder auf den Stand von Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts anwachsen, wo es seinen Höhepunkt hatte.
- Die Zunahme der „gefühlten Polarisierung“ (d. h. der Uneinigkeit über politische Grenzen hinweg) nicht nur innerhalb nationaler Staaten, sondern auch in einer Reihe anderer sozialer Organisationen wird weitgehend rückgängig gemacht.
- Eine nachhaltige und ausgewogene Finanzierung der Medien wird wiederhergestellt.
Kurz gesagt, wir zeigen auf, wie ⿻ dazu beitragen kann, viele der Krisen, mit denen die Medien heute konfrontiert sind, anzugehen und umzukehren.
In den Schuhen der anderen gehen
Wie bereits erwähnt, besteht eine zentrale Aufgabe des Journalismus darin, Menschen die Möglichkeit zu geben, Ereignisse und Empfindungen aus Teilen der Welt zu erfahren, die sie möglicherweise nie persönlich besuchen werden. Jede neue Generation von Medientechnologie hat diese Erfahrungen anschaulicher gemacht und dadurch eine „kleinere Welt“ geschaffen:
- Fotografie: Abolitionisten wie Frederick Douglass nutzten sie, um den Weißen im Norden der USA die Erfahrungen der versklavten Menschen näherzubringen.[2]
- Radio: Es trug dazu bei, dass der Erste Weltkrieg zu einem echten globalen Konflikt wurde, indem es die Geräusche des Krieges weltweit hörbar machte.
- Fernsehen: Es ermöglichte Millionen von Menschen, Neil Armstrongs Landung auf dem Mond mitzuerleben.
Diese technologischen Fortschritte haben sukzessive die Grenzen zwischen direkter und vermittelter Erfahrung verwischt und unsere Fähigkeit zur Empathie über große Entfernungen hinweg erweitert.
Immersive geteilte Realität (Immersive shared reality, ISR) verspricht, noch tiefere empathische Verbindungen zu schaffen. Journalist:innen könnten in naher Zukunft in der Lage sein, soziale Gräben mit bisher unerreichtem Einfühlungsvermögen zu überbrücken. Obwohl die Technologie aufgrund der Bildqualität und der Probleme mit bestehenden Virtual-Reality-Headsets (VR), die Übelkeit auslösen können, bisher nur ein begrenztes Publikum erreicht hat, haben Medienschaffende und Künstler:innen bereits begonnen, eine Reihe eindrucksvoller VR-Erfahrungen zu erproben. Beispiele hierfür sind die Arbeit von Milica Zec und Winslow Porter, die es Menschen ermöglicht, ein Leben als nicht-menschliches Wesen, etwa eines Baumes, zu erleben, oder Decontee Davis’ Portrait einer der verheerendsten Krankheiten der Welt aus der Perspektive einer Ebola-Überlebenden und Yasmin Eyalats animiertes Eintauchen in die komplexe Welt der Cybersicherheit..[3] Diese Projekte zeigen das Potenzial von ISR, tiefgreifende und transformative Erfahrungen zu vermitteln, die unser Verständnis und unsere Empathie für verschiedenste Lebensrealitäten erweitern können.
Diese Projekte stellen jedoch nur die ersten erfolgreichen Vorstöße in ein neues Medium dar. Mit der Weiterentwicklung der Technologien für geteilte Realität, die sich auf weitere Sinne wie Geruch, Tastsinn und Geschmack ausdehnen, werden weitaus umfassendere multisensorische Verbindungen möglich. Gehirn-Computer-Schnittstellen werden dabei eine transformative Rolle spielen, deren volle Tragweite derzeit schwer zu erfassen ist. Die Zukunft des Journalismus, der uns befähigt, völlig andersartige Erfahrungen zu machen und zu verstehen, erscheint somit äußerst vielversprechend.
Diese Entwicklungen könnten unsere Fähigkeit zur Empathie und zum Verständnis fremder Perspektiven revolutionieren. Sie bergen das Potenzial, Barrieren zwischen unterschiedlichen Lebenserfahrungen und Weltanschauungen abzubauen und damit einen wichtigen Beitrag zur Überwindung gesellschaftlicher Spaltungen zu leisten.
Bürger-Co-Journalismus
Einer der bedeutendsten Trends des journalistischen Schaffens im Internetzeitalter ist der Aufstieg des sogenannten „Bürgerjournalismus“ und der verwandten „Open-Source-Intelligence“-Bewegung. Beide Ansätze zielen darauf ab, eine wesentlich breitere Vielfalt von Menschen zu befähigen, wichtige Ereignisse in ihrer Umgebung zu dokumentieren – weit über den Kreis der professionell tätigen Medienschaffenden oder der für Geheimdienste tätigen Fachleute hinaus.
Diese Form des Journalismus hat bei der Dokumentation vieler bedeutender Ereignisse der letzten Jahre eine zentrale Rolle gespielt, von terroristischen Anschlägen über Kriege bis hin zu Fällen von Polizeigewalt. Allerdings sieht sie sich auch erheblicher Kritik und gesellschaftlichen Bedenken ausgesetzt, insbesondere in Bezug auf:
- Mögliche Voreingenommenheit
- Die Sorgfalt der Faktenüberprüfung
- Lesbarkeit und Verständlichkeit der Berichterstattung
Es ist offensichtlich, wie viele der jüngsten technologischen Entwicklungen diese Problematik erheblich verschärfen könnten. Generative Basismodelle (GFMs) werden die Herstellung realistischer Fälschungen deutlich erleichtern und das Misstrauen gegenüber jeglichem Material erhöhen, das nicht rigoros und mehrfach validiert wurde. Die Echokammern der antisozialen Medien könnten die Verbreitung solcher Fälschungen auch ohne gründliche Überprüfung begünstigen.[4] Sie tun dies, indem sie irreführende Inhalte multiplizieren und ein Umfeld – in der Art von Echokammern – schaffen, in dem Menschen eher geneigt sind, diesen Falschinformationen Glauben zu schenken.
Es gibt jedoch auch gute anschauliche Beispiele dafür, wie Technologie diese Herausforderungen ausgleichen könnte. Wikipedia hat gezeigt, wie schnell und umfassend große Beteiligung einfache, weitgehend übereinstimmende Einschätzungen zu vielen Ereignissen hervorbringen kann – wenn auch noch nicht in der für den Journalismus erforderlichen Geschwindigkeit. Viele der zuvor beschriebenen und im Folgenden näher erläuterten Tools können dazu beitragen, die Herausforderungen einer strengen Überprüfung über große Distanzen hinweg und in großem Maßstab zu bewältigen. Sie ermöglichen es, schnell einen einfachen und sozial kontextbezogenen Konsens zu erreichen, der einen angemesseneren Rahmen schafft, um auch über „Objektivität“ nachzudenken.
Eine der vielleicht interessantesten Möglichkeiten besteht jedoch darin, dass GFMs eine neue Form einer kohärenten, gut verständlichen, weit verbreitbaren und dennoch authentischen Gemeinschaftsstimme ermöglichen könnten… Im Journalismus gibt es seit langem ein Spannungsfeld, einerseits will man eine Gemeinschaft „für sich selbst sprechen lassen“, oft durch Zitate oder detaillierte Beschreibungen ihrer Praktiken, und andererseits muss eine überzeugende, für das Zielpublikum verständliche Geschichte erzählt werden. Dieses Spannungsfeld verstärkt sich noch, wenn Artikel für andere Zielgruppen übersetzt werden.
GFMs könnten diese Herausforderungen zunehmend lösen. Sie können von den Sprachmustern der Gemeinschaftsmitglieder lernen und diese zusammenführen, überprüfte Fakten einbeziehen und eine reibungslose Übersetzung in verschiedene Sprachen und subkulturelle Normen und Stile ermöglichen. Dies wird Bürgergruppen, die keine journalistische Ausbildung haben, dazu befähigen, ihre wichtigen Geschichten, die sie zu erzählen haben, präzise und klar einem vielfältigen Publikum zu vermitteln.
Kryptografisch sichere Quellen
Eines der am häufigsten diskutierten Spannungsfelder im Journalismus betrifft die Rolle der Vertraulichkeit von Quellen. Dieses Dilemma entsteht, wenn eine vertrauliche Quelle die Vertraulichkeit gegenüber dem Gegenstand des Berichts bricht, um die Glaubwürdigkeit der Information zu gewährleisten. Journalist:innen stehen dabei vor der Herausforderung, die Echtheit ihrer Quellen und der gelieferten Informationen zu überprüfen, gleichzeitig deren Geheimhaltung sicherzustellen – insbesondere gegenüber den Organisationen, über die berichtet wird – und die Glaubwürdigkeit ihres Berichts gegenüber der Öffentlichkeit zu gewährleisten. Oft geben vertrauliche Informant:innen Informationen weiter, die sie laut den Normen ihrer Organisation nicht preisgeben dürften. Dies führt zu starken Spannungen zwischen verschiedenen Werten, die wir oben beleuchtet haben, wie dem Schutz der Organisationen, der Gewährleistung der Integrität des öffentlichen Raums, d. h. dem Konflikt zwischen Informationsfreiheit und organisatorischer Geheimhaltung. Die zentrale Frage lautet daher: Wie können ⿻-Werkzeuge dazu beitragen, die Stromschnellen dieser komplexen Herausforderungen zu durchqueren?
Viele Aspekte des oben beschriebenen Prozesses können durch die Instrumente bewältigt werden, die wir in den Kapiteln “Identität und Persönlichkeit” sowie “Assoziationsfreiheit und ⿻-Öffentlichkeit” beschreiben. Organisationen könnten die meisten Werkzeuge zum Schutz von ⿻-Öffentlichkeiten nutzen, um die Glaubwürdigkeit von Dokumenten zu schwächen, die außerhalb ihres vorgesehenen sozialen Kontexts geteilt werden. Gleichzeitig könnten Zero-Knowledge-Proofs (ZKPs), die auf öffentlichen Referenzen basieren, es den Quellen ermöglichen, selbst gegenüber Journalist:innen anonym zu bleiben, während sie der Zielgruppe der Journalisten ihre Position teilweise nachweisen.
Allerdings birgt dieser Ansatz ohne sorgfältige Abstimmung die Gefahr eines „Wettrüstens“, bei dem die Kryptographie eskaliert, ohne zu einem besseren gesellschaftlichen Ergebnis zu führen. Die Herausforderung besteht darin, ein Gleichgewicht zwischen Transparenz, Quellenschutz und organisatorischer Integrität zu finden, das den Journalismus stärkt, ohne die Vorteile der Vertraulichkeit zu untergraben.
Ein möglicher Ausweg aus diesem Dilemma ergibt sich aus den Nuancen, die diese Protokolle bei der Verifizierung ermöglichen:
- Öffentliche Positionen: Inhaber:innen können ihre Position in einer Organisation in der Regel mittels eines Zero-Knowledge-Proofs (ZKP) nachweisen, ohne andere Aspekte ihrer Identität preiszugeben. Sie können dann die damit verbundene Reputation nutzen, um Aussagen über Vorgänge in der Organisation zu machen.
- Sensible Informationen: Bei Behauptungen, die darüber hinausgehen, insbesondere von Personen in niedrigeren Positionen, ist oft eine zusätzliche Überprüfung nötig, um die Glaubwürdigkeit zu erhöhen. Hierfür gibt es zwei Hauptansätze: a) Offenlegung von mehr Information über sich selbst: Dies kann den Kreis potenzieller Quellen einengen und somit die Anonymität gefährden. b) Vorlage von Belegen („Quittungen“): Wenn diese durch Technologien wie Signaturen designierter Prüfer geschützt sind, erfordert dies möglicherweise die Offenlegung des „privaten Schlüssels“ gegenüber Dritten (z. B. Journalist:innen oder Justizbehörden). Dies birgt das Risiko des Missbrauchs, es sei denn, der Empfänger oder die Empfängerin der Nachricht ist absolut vertrauenswürdig.
Diese Methoden bieten flexible Möglichkeiten für Quellen, ihre Glaubwürdigkeit zu belegen, bringen aber auch neue Herausforderungen in Bezug auf Sicherheit und Vertrauen mit sich.
Die genauen Details variieren natürlich stark, abhängig von den Werkzeugen, die die einzelnen Teilnehmer:innen in diesem komplexen Prozess verwenden. Insgesamt zeigt sich jedoch, wie ⿻-Kryptographie eine vielschichtige Balance ermöglichen kann zwischen:
- vertrauenswürdigen und privaten Offenlegungen.
- Schutz gemeinschaftlicher Vertraulichkeitsnormen
- und der Fähigkeit, diese Normen im höheren gesellschaftlichen Interesse zu überschreiten, wenn es kritisch wird – auch auf Kosten des Einzelnen.
Dieser Ansatz schafft einen flexiblen Rahmen für den Umgang mit sensiblen Informationen, der sowohl den Schutz von Quellen als auch die Wahrung öffentlicher Interessen berücksichtigt.
Geschichten, die uns zusammenbringen
Viele Amerikaner:innen blicken nostalgisch auf die Geschichte der Presse zurück. Doch die Ära der „verantwortlichen Presse“, die sie als Maßstab für die Schäden heutiger anti-sozialer Medien heranziehen, begann tatsächlich erst in den 1940er-Jahren. In dieser Zeit entwickelte die „Hutchins Commission on Freedom of the Press“ einen Kodex der sozialen Verantwortung. Diesem zufolge sollte die Presse als „gemeinsamer Träger der öffentlichen Diskussion“ fungieren und eine Grundlage für ein gemeinsames Verständnis schaffen, auf der die öffentliche Debatte fortgeführt werden konnte.[5]
Die Hutchins-Kommission argumentierte, dass eine freie Presse in einer demokratischen Gesellschaft zwei wichtige Aufgaben hat:
- Konsens verdeutlichen: Sie soll allen Bürger:innen die Punkte aufzeigen, bei denen Einigkeit herrscht. Dies geschieht durch allgemein wahrgenommene, übereinstimmende Nachrichten – der sogenannte „Walter-Cronkite-Effekt“.
- Meinungsvielfalt zeigen: Gleichzeitig soll sie die Punkte hervorheben, bei denen es unterschiedliche Ansichten gibt. Dies wird durch die „Fairness-Doktrin“ erreicht, die verschiedene Perspektiven ausgewogen darstellt.
Beide Aspekte sollen dazu beitragen, dass die Selbstverwaltung der Bürger:innen gedeihen kann.
Während viele die Errungenschaften dieser Ära auf nationaler Ebene für ein bestimmtes Land schätzen, besteht das Wesen von ⿻ darin, dass wir – gerade heute – in einer weitaus reicheren und vielfältigeren Welt leben, mit zahlreichen Orten gelebter Demokratie: zwischen, innerhalb und jenseits von Nationalstaaten. Die sozialen Medien haben trotz ihrer Schwächen erreicht, dass diese Vielfalt das Medienökosystem prägt. Die Herausforderung besteht nun darin, diese Vielfalt zu erhalten, ohne die im Hutchins-Bericht formulierten sozialen Funktionen der Medien zu gefährden.
Unser obiges Kapitel über die erweiterte Meinungsbildung schlägt eine natürliche Strategie vor. Algorithmen in sozialen Medien könnten „Gemeinschaften“ bilden, basierend sowohl auf Plattform-internen Verhaltensmustern (z. B. Ansichten, Likes, Antworten, Verbreitung, Follows) als auch auf externen Daten wie sozialwissenschaftlichen Erkenntnissen oder der expliziten Selbstidentifizierung von Gruppen (hierzu später mehr). Für jede dieser Gemeinschaften könnten die Algorithmen „gemeinsame Inhalte“ – allgemein anerkannte Fakten und Werte der Gruppe, die interne Grenzen überbrücken – sowie wichtige Punkte der Spaltung innerhalb der Gemeinschaft aufzeigen. Die Inhalte könnten dann für die Mitglieder der Gemeinschaften in diesem sozialen Kontext präsentiert werden. Dies würde verdeutlichen, welche Inhalte in den Gemeinschaften, denen eine Person angehört, einen groben Konsens darstellen und welche spaltend wirken. Zugleich böte es den Bürger:innen die Möglichkeit, Inhalte zu erkunden, die auf der anderen Seite des jeweiligen Grabens konsensfähig sind.
Ein solches Design würde Individuen und Gemeinschaften weiterhin die Möglichkeit bieten, ihre eigene Identität zu gestalten und sich selbst zu verwalten. Gleichzeitig würde es jedoch den weit verbreiteten Effekt des „falschen Konsenses“ vermeiden. Bei diesem glauben Internetnutzer:innen, dass extreme oder individuelle Ansichten weithin geteilt werden. Dies führt oft zur Dämonisierung derjenigen, die diese Ansichten nicht teilen, und zu einem Gefühl der Verbitterung, wenn die damit verbundenen politischen Ergebnisse nicht erreicht werden. Zudem verhindert es die „pluralistische Ignoranz“, bei der die Nutzer:innen nicht in der Lage sind, kollektiv auf die Ansichten der „schweigenden Mehrheit“ zu reagieren.[6] Darüber hinaus, und das ist vielleicht das Wichtigste, würde es die Wahrnehmung von Journalist:innen und anderen Inhaltschaffenden verändern: weg von spaltenden Inhalten und hin zu Geschichten, die uns zusammenbringen. Dies ist nicht nur für den „harten Journalismus“ an sich von Bedeutung. Viele andere kulturelle Formen, wie beispielsweise Musik, profitieren ebenfalls von einem Publikum, das kulturelle Inhalte und Fangemeinden mit anderen teilen möchte.
⿻ Öffentliche Medien
Die Empfehlungen der Hutchins-Kommission wurden von führenden Medienunternehmen weitgehend als Teil der damals vorherrschenden Kampagne für „soziale Verantwortung“ übernommen. In jüngster Zeit erlebt dieses Konzept ein Comeback bei vielen Unternehmen, die sich zu den ESG Zielen verpflichten (ESG: engl. environmental, social and governance; deutsch: umweltgerechte, soziale Führung“ (ESG). Eine solidere Grundlage für die Förderung einer solchen Verantwortung wäre es jedoch, die Finanzierungsquellen der Medien stärker auf die oben genannten prosozialen Gestaltungsziele auszurichten.
Weder individuelle Abonnements noch Werbung bieten hier einen besonders vielversprechenden Weg. Beide zielen darauf ab, Konsument:innen und nicht Bürger:innen verschiedener Gemeinschaften anzusprechen. Dies führt dazu, dass den Konsument:innen nur der „Nachtisch“ serviert wird, der sie in Versuchung führt, anstatt dies mit dem „Gemüse“ auszugleichen, das sie mit ihren Gemeinschaften zusammenbringt.
Wenn wir wollen, dass soziale Medien uns zusammenführen, sollten wir anstreben, dass sie von Organisationen finanziert werden, die ein engagiertes Interesse an diesem Ziel haben, wie: kollektive Organisationen - einschließlich religiöse Gemeinschaften -, Bürgervereinigungen, Regierungen auf verschiedenen Ebenen, Wohlfahrtsverbände, Universitäten, Unternehmen und ähnliche Institutionen.
Um Werbung durch die Finanzierung aus einer Vielzahl von Communities zu ersetzen, bedarf es keiner großen Vorstellungskraft. Es reicht der Blick auf bestehende Geschäftsmodelle in vergleichbaren Branchen. Eines der größten und profitabelsten Geschäftsmodelle, das von Unternehmen wie Microsoft und Slack verfolgt wird, ist der Verkauf von Software an Organisationen zur Steigerung der Produktivität. Diese Software enthält häufig Social-Media-ähnliche Komponenten.
Diese Unternehmen, die solche Tools entwickeln, haben kein Interesse an „engagierten“ oder polarisierten Mitarbeitenden; das Ziel der Tools ist es vielmehr, Menschen zusammenzubringen, um gemeinsame Ziele zu erreichen und sich an Veränderungen anzupassen.
Ein neues, prosoziales Medienmodell könnte in einem solchen Umfeld entstehen und dann in einem breiteren sozialen Kontext an andere Organisationen verkauft werden, die an Solidarität und Dynamik interessiert sind. Dieses Modell würde darauf abzielen, Gemeinschaften zu stärken und konstruktive Interaktionen zu fördern, anstatt auf Engagement um jeden Preis zu setzen.
Es gibt zudem gute Gründe für die Annahme, dass solche Organisationen in der Lage wären, Werbeeinnahmen zu ersetzen. Viele demokratische Regierungen, wie Deutschland, Finnland und die Vereinigten Staaten, investieren jährlich mehr als eine Milliarde Dollar in die Unterstützung öffentlicher Medien und weit mehr in die Subventionierung anderer Kulturbereiche.[7] Selbst religiöse Medien in den Vereinigten Staaten erhielten 2022 mehr als 100 Millionen Dollar.[8] Zum Vergleich: Twitter (jetzt X) erzielte auf seinem Höhepunkt 2022 Werbeeinnahmen von rund 5 Milliarden Dollar.[9]
Es erscheint daher durchaus plausibel, dass ein Verbund von Organisationen, die das Gemeinwesen repräsentieren, gemeinsam die Werbung als Einnahmequelle ersetzen könnte. Dies setzt voraus, dass sich die Verantwortlichen des Gemeinwesens auf diesen Bereich konzentrieren und die sozialen Medien ihre Aufmerksamkeit auf dieses neue Geschäftsmodell richten. Ein solcher Ansatz könnte nicht nur die Finanzierung sicherstellen, sondern auch zu einer ausgewogeneren und eher am Gemeinwohl orientierten Ausrichtung der Medieninhalte führen.
Die Umsetzung dieses Konzepts könnte auf verschiedene Weisen erfolgen, aber ein einfacher Ansatz wäre folgender: Die Nutzer:innen entscheiden sich für eine Reihe von Gemeinschaften, mit denen sie sich identifizieren. Jede dieser Gemeinschaften würde die Nutzung durch ihre Mitglieder „sponsern“ und im Gegenzug die Aufmerksamkeit ihrer Mitglieder auf die oben erwähnten gemeinschaftsrelevanten Inhalte lenken.
Nutzer:innen, die keiner ausreichend zahlenden Gemeinschaft beitreten, müssten möglicherweise eine gewisse Menge an Werbung akzeptieren oder eine Abonnementgebühr entrichten. Der Dienst könnte zudem anhand seiner eigenen Nutzungsmuster Gemeinschaften identifizieren und deren Leitung kontaktieren, um eine finanzielle Beteiligung vorzuschlagen.
Im Kern würde dieser Ansatz bedeuten, dass soziale Medien zu einer ⿻-Version der öffentlichen Medien werden könnten. Dies würde nicht nur die Finanzierung sicherstellen, sondern auch eine stärkere Ausrichtung auf gemeinschaftliche Interessen und Werte fördern.
Insgesamt zeigen die oben genannten Beispiele, wie ⿻ ein neues prosoziales Medienumfeld fördern kann. Dieses Umfeld zeichnet sich durch folgende Merkmale aus:
- Es ermöglicht uns, enger mit Menschen sehr unterschiedlicher Hintergründe in Verbindung zu treten.
- Es bietet einen Raum, in dem Menschen zusammenkommen, um ihre Geschichten auf überzeugende und glaubwürdige Weise zu erzählen, ohne dabei die Privatsphäre der Gemeinschaft oder eines Individuums zu verletzen.
- Es fördert unser Verständnis dafür, was uns verbindet und was uns trennt, im Interesse der Dynamik und Solidarität all unserer Gemeinschaften.
Dieses neue Medienumfeld hat das Potenzial, sowohl die Vielfalt zu fördern als auch den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu stärken, indem es Transparenz, Vertrauen und gegenseitiges Verständnis in den Vordergrund stellt.
Licklider and Taylor, op. cit. ↩︎
John Stauffer, Zoe Trodd, and Celeste-Marie Bernier, Picturing Frederick Douglass: An Illustrated Biography of the Nineteenth Century’s Most Photographed American (New York: Liveright, 2015). ↩︎
Milica Zec and Winslow Porter, Tree (2017). Decontee Davis, Surviving Ebola (2015). Yasmin Elayat, Zero Days VR (2017). ↩︎
Die Überprüfung durch mehrere Quellen gilt weithin als Standard im traditionellen Journalismus. Dabei werden Informationen oder Daten durch den Vergleich mehrerer unabhängiger Quellen überprüft. Dies geschieht, um die journalistische Integrität eines Mediums zu wahren, bevor die Gültigkeit einer Information bestätigt wird. In modernen Medienkreisen wie Blogs und sozialen Medien wird dies oft als weniger wichtig angesehen, da die Autoren der Beiträge häufig selbst die Quelle sind. ↩︎
The Commission on Freedom of the Press, A Free and Responsible Press: A General Report on Mass Communications (Chicago: University of Chicago Press, 1947). ↩︎
Gary Marks und Norman Miller, „Ten Years of Research on the False-Consensus Effect: An Empirical and Theoretical Review“, Psychological Bulletin 102, Nr. 1: 72-90. Deborah A. Prentice und Dale T. Miller, „Pluralistic Ignorance and the Perpetuation of Social Norms by Unwitting Actors“, Advances in Social Psychology 28 (1996): 161-209. Ein Beispiel für einen falschen Konsens ist, dass viele Beobachter glauben, dass SARS-Cov-2 aus einem Labor ent- wichen ist („Lab Leak“-Hypothese). Die rationalistische Website Rootclaim schätzte die Wahrscheinlichkeit eines „Lab Leaks“ sogar auf 89 % (~8 zu 1). Anschließend wurden gebildete Laien in einer über 18-stündigen kontradiktorischen Debatte mit den Beweisen konfrontiert und stellten fest, dass die Wahrscheinlichkeiten in der Größenordnung von ~800 zu 1 gegen ein Lab-Leck liegen, was einen Bayes-Faktor von ~100.000 zu 1 gegen ein Lab-Leck bedeutet. Trotz der starken Beweise hält sich die Behauptung des Lab-Leaks hartnäckig, da es der Zoonose (Sammelbegriff für Infektionskrankheiten, die bei Menschen und Tieren vorkommen) nicht nur an emotionaler Resonanz mangelt, sondern es auch harte Arbeit erfordert, sie zu bewerten, und keine kathartische Belohnung bietet. In ähnlicher Weise ist es aufgrund pluralistischer Ignoranz trotz der Tatsache, dass mehr als 81 Millionen Menschen in den Vereinigten Staaten 2020 für Joe Biden gestimmt haben, einer kleinen Gruppe von mehreren Tausend hoch motivierten Personen fast gelungen, die Auszählung der Stimmen im Electoral College am 6. Januar 2021 zu stören. Jonathan E. Pekar et al., „The Molecular Epidemiology of Multiple Zoonotic Origins of SARS-CoV-2“, Science 377, no. 6609 960-966. Michael Worobey et al., „The Huanan Seafood Wholesale Market in Wuhan was the Early Epicenter of the COVID-19 Pandemic“, Science 377, no. 6609: 951-959. ↩︎
Kleis Nielsen, Rasmus, and Geert Linnebank, “Public Support for the Media: A Six-Country Overview of Direct and Indirect Subsidies,” (Oxfordshire: Reuters Institute for the Study of Journalism: University of Oxford, 2011), https://reutersinstitute.politics.ox.ac.uk/sites/default/files/2017-11/Public support for Media.pdf. ↩︎
“Zuschüsse für religiöse Medienorganisationen” Cause IQ, n.d., https://www.causeiq.com/directory/grants/grants-for-religious-media-organizations/. ↩︎
“Advertising Revenue of X (Formerly Twitter) Worldwide from 2017 to 2027,” Statista, 2023, https://www.statista.com/statistics/271337/twitters-advertising-revenue-worldwide/. ↩︎