Was ist Pluralität?

“Das Handeln ist die einzige Tätigkeit der Vita activa, die sich ohne die Vermittlung von Materie, Material und Dingen direkt zwischen Menschen abspielt. Die Grundbedingung, die ihr entspricht, ist das Faktum der Pluralität, nämlich die Tatsache, dass nicht ein Mensch, sondern viele Menschen auf der Erde leben und die Welt bevölkern.” - Hannah Arendt, Vita activa oder Vom tätigen Leben, 1958[1]

“(E)in Ideal der ‘sozialen Verbundenheit’… bezeichnet eine Gesellschaft, in der Brücken schlagende Verbindungen über Unterschiede hinweg in hohem Maße entstehen.” – Danielle Allen, “Towards a Connected Society”, 2017[2]

“Demokratie ist eine Technologie. Wie jede Technologie wird sie besser, wenn mehr Menschen daran arbeiten, sie zu verbessern.” – Audrey Tang, Interview mit Azeem Azhar, 2020[3]


Die zunehmenden Spannungen zwischen Demokratie und Technologie werfen eine zentrale Frage auf: Wie können diese beiden scheinbar gegensätzlichen Kräfte sinnvoll miteinander interagieren? Taiwan bietet eine faszinierende Antwort – eine Perspektive, die zeigt, wie Technologie und demokratische Prozesse harmonisch zusammenwirken, und die zeigt, dass wir Demokratie ähnlich flexibel gestalten könnten wie Technologie. Während technologische Lösungen sich ständig an veränderte Kontexte anpassen, verharren bisher politische Systeme oft in starren Strukturen. Am Beispiel Taiwans wissen wir, dass wir demokratische Prozesse ähnlich wandlungsfähig und responsiv entwickeln können, wie wir es bei technologischen Innovationen gewohnt sind. Auch haben wir erfahren, dass soziale Unterschiede, auch wenn diese Konflikte erzeugen könnten, sich zu einer grundlegenden Quelle des Fortschritts zu entwickeln vermögen.

Diese Idee ist nicht neu – sie findet sich bereits im bekanntesten Werk der Science-Fiction, Star Trek. Die Vulkanier propagieren eine Philosophie der “Unendlichen Vielfalt in unendlichen Kombinationen” und glauben, dass Schönheit, Wachstum und Fortschritt aus der Vereinigung des Unähnlichen entstehen. In diesem Sinne definieren wir “⿻ 數位 Pluralität” als “Technologie zur Zusammenarbeit über gesellschaftliche Unterschiede hinweg”. Im Gegensatz dazu stehen Libertarismus (Freiheitsmaximierung des Individuums) und Technokratie (Gesellschaftssteuerung durch Expertenwissen) –, die Menschen entweder als isolierte Einzelwesen oder als austauschbare Rädchen in einem großen gesellschaftlichen Getriebe betrachten. Wir nennen diese vereinfachende Sichtweise “monistischen Atomismus”. Beiden Denkrichtungen entgeht eine entscheidende Erkenntnis: Die soziale Welt ist keine Ansammlung von Einzelteilen, sondern ein lebendiges Netzwerk von Beziehungen. Menschen sind keine starren Individuen, sondern wandelbare Wesen mit vielfältigen Zugehörigkeiten. Ihre Identität entsteht und wechselt durch ständige Wechselwirkungen zwischen verschiedenen Gruppen und Gemeinschaften.

Three-part definition of Plurality displayed as a Venn diagram, entitled "Infinite Diversity in Infinite Combinations".  The first circle shows an image of Hannah Arendt, the interlocking square unicode character for Plurality and the words "Is Science".  The second shows an image of Danielle Allen, a square made up of a ring of smaller round-edged squares in rainbow colors and the words "Should Judge".  The third shows an image of Audrey Tang, the Traditional Mandarin characters 數位 and the words "Does Action".  Intersection of first two is "Philosophy", intersection of second two is "Design" and of the first and third "Technology".  At the center of all is the cover image of the book, combining all three images.

Abbildung 3-0-A. Dreiteilige Definition der ⿻ 數位 Pluralität.



Um präziser zu sein, können wir Pluralität in drei Bereiche aufteilen: beschreibend (wie Pluralität existiert, nach Hannah Arendt), wertorientiert (wie Pluralität sein sollte, nach Danielle Allen) und gestaltend (wie wir Pluralität konkret umsetzen können, nach Audrey Tang).

  1. Beschreibend: Die soziale Welt ist weder eine unorganisierte Sammlung isolierter Individuen noch ein monolithisches Ganzes. Stattdessen ist sie ein Gewebe aus diversen und sich überschneidenden Zugehörigkeiten. Diese definieren sowohl unsere persönlichen Identitäten als auch unsere kollektive Organisation. Wir verbinden dieses Konzept mit Hannah Arendt und insbesondere mit ihrem Buch Vita activa oder Vom tätigen Leben. Dort bezeichnet sie Pluralität als das fundamentalste Element der menschlichen Bedingung. Wir identifizieren dieses beschreibende Element der Pluralität besonders mit dem Universal Coded Character (Unicode) ⿻. Dieser erfasst die Betonung auf die intersektionale, sich überlappende Natur der Identität sowohl für Gruppen als auch für Individuen. Darüber hinaus heben wir im nächsten Kapitel, Leben in einer ⿻ Welt, etwas Wichtiges hervor: Diese Beschreibung trifft nicht nur auf das menschliche Sozialleben zu. Laut moderner Komplexitätswissenschaft gilt sie für im Wesentlichen alle komplexen Phänomene in der natürlichen Welt.

  2. Wertorientiert: Vielfalt ist der Brennstoff des gesellschaftlichen Fortschritts und, obwohl sie wie jeder Brennstoff explodieren kann (in Konflikt), sind Gesellschaften weitgehend in dem Maße erfolgreich, in dem sie es schaffen, ihr Potenzial für Wachstum zu nutzen. Wir identifizieren dieses Konzept mit dem Ideal einer “Verbundenen Gesellschaft” (A connected society) der Philosophin Danielle Allen, und verbinden es zudem mit den Regenbogenelementen, die an der Überschneidung der Quadrate im elaborierten ⿻-Bild auf dem Buchcover und in der obigen Abbildung entstehen. Während Allen vielleicht die klarste Darstellung dieser Ideen gegeben hat, sind sie, wie wir in Der verlorene Dao erforschen, tief in einer philosophischen Tradition verwurzelt, die viele derjenigen amerikanischen Denker einschließt, welche Taiwan tiefgreifend beeinflusst haben, wie etwa Henry George und John Dewey.

  3. Gestaltend: Digitale Technologie sollte danach streben, Motoren zu entwickeln, die Vielfalt nutzen und gleichzeitig ihre potenziell destruktiven Aspekte eindämmen – ähnlich wie die Industrietechnologie Motoren schuf, die physischen Brennstoff nutzten und dessen Explosionsgefahr kontrollieren konnten. Als Digitalministerin Taiwans begann ich 2016, Pluralität als grundlegende Perspektive für technologische Innovation zu begreifen. Die Mandarin-Zeichen 数位 meines Titels spiegeln diese Idee wider: Sie bedeuten je nach Kontext “plural” oder “digital” und symbolisieren so die Verschmelzung gesellschaftsphilosophischer Ideen mit dem Entwicklungspotenzial digitaler Technologien. Im letzten Kapitel dieses Abschnitts, Technologie für kollaborative Vielfalt, argumentieren wir, dass diese Philosophie, obwohl weniger explizit, einen Großteil der Entwicklung dessen antrieb, was als “Internet” bezeichnet wird – eine Entwicklung, die seitdem verloren gegangen ist, weil sie nicht ausreichend artikuliert wurde. Mit diesem Buch wollen wir diese Vision so ausarbeiten, dass sie eine lebendige, dynamische Alternative zu den gegenwärtig herrschenden libertären, technokratischen und erstarrten demokratischen Narrativen wird.

Angesichts dieser reichhaltigen Definition und der Art, wie sie Elemente aus dem traditionellen Mandarin und verschiedenen englischen Traditionen miteinander verbindet, verwenden wir im Rest des Buches den Unicode ⿻, um diese Ideensammlung sowohl in Substantivform (d. h. als Ersatz für “Pluralität”) als auch in Adjektivform (d. h. als Ersatz für 數位) zu repräsentieren.

Im Deutschen kann dies je nach Kontext auf verschiedene Weise gelesen werden:

  • als “Pluralität”, typischerweise wenn es als Konzept verwendet wird[4],
  • als “digital”, “plural”, “shuwei”, “digital/plural” oder sogar als eine Reihe anderer Dinge wie “intersektional”, “kollaborativ” oder “vernetzt”, wenn es als Adjektiv verwendet wird.

Keines dieser bestehenden Wörter erfasst diese Ideensammlung perfekt, und daher könnte man in manchen Fällen einfach “Überlappung” oder “überlappend” sagen, um es wörtlich zu beschreiben. Der Rest des Buches beschreibt nun eingehender den Inhalt, die Vision und den Ehrgeiz von ⿻.


  1. Hannah Arendt, Vita activa oder Vom tätigen Leben, übers. von Sabine Gründer und Maria Lentz (München: Piper Verlag, 1981), Originalausgabe: The Human Condition, (Chicago: University of Chicago Press, 1958). ↩︎

  2. Danielle Allen, “Chapter 2: Toward a Connected Society,” in In Our Compelling Interests, (Princeton: Princeton University Press, 2017), https://doi.org/10.1515/9781400881260-006. ↩︎

  3. “View Section: 2020-10-07 Interview with Azeem Azhar,” SayIt, https://sayit.pdis.nat.gov.tw/2020-10-07-interview-with-azeem-azhar#s433950, 2020. ↩︎

  4. Anmerkung: Das Zeichen ⿻ könnte auch dazu dienen, die eng verwandten Bedeutungsnuancen der beiden gängigen Bezeichnungen für Audreys politische Heimat zu repräsentieren – Republik China (ROC) und Taiwan. Dies würde potenzielle Namenskonflikte überbrücken. Wir überlassen diese Beobachtung jedoch bewusst anderen Forscherinnen, da wir die Gefahr einer zu großen semantischen Unschärfe des Symbols ⿻ vermeiden möchten. ↩︎