Pluralität · 3-3
Der verlorene Dao
Entscheidungen über die Entwicklung und Nutzung von Computertechnologie müssen nicht nur “im öffentlichen Interesse” getroffen werden, sondern die Öffentlichkeit muss selbst in die Lage versetzt werden, aktiv die Prozesse zu gestalten, die ihre Zukunft bestimmen. – J. C. R. Licklider, “Computer und Regierung”, 1980[1]
Kann ein ⿻-Verständnis der Gesellschaft die Grundlage für soziale Transformationen schaffen, die ebenso tiefgreifend sind wie jene, die Disziplinen wie die Quantenmechanik und die Ökologie in den Naturwissenschaften, der physischen Technologie und unserem Verhältnis zur Natur bewirkt haben? Liberale Demokratien rühmen sich oft, pluralistische Gesellschaften zu sein – was darauf hindeutet, dass sie die aus der ⿻-Sozialwissenschaft verfügbaren Lehren bereits gezogen haben. Doch trotz dieses formellen Bekenntnisses zu Pluralismus und Demokratie wurde fast jedes Land durch die begrenzt verfügbarer Informationssysteme gezwungen, soziale Institutionen in einem monistisch-atomistischen Modell zu vereinheitlichen und zu vereinfachen – ein Ansatz, der in direktem Konflikt mit ihren eigenen Werten steht. Die große Hoffnung der ⿻-Sozialwissenschaft und der darauf aufbauenden ⿻-Technologie ist es, das Potenzial der Informationstechnologie zu nutzen, um diese Einschränkungen zu überwinden.
⿻ startet
Dies war die Aufgabe, der sich die jüngere Generation verschrieb, die Wieners Vorbild folgte, jedoch stärker aus den Human- und Sozialwissenschaften stammte. Diese Generation umfasste eine Reihe von Pionier:innen der angewandten Kybernetik, darunter die Anthropologin Margaret Mead[2] (die die Ästhetik des Internets maßgeblich beeinflusste), W. Edwards Deming[3] (dessen Einfluss auf die japanischen und, in etwas geringerem Umfang, taiwanesischen inklusiven industriellen Qualitätspraxen wir bereits oben betrachtet haben), sowie Stafford Beer[4] (der die Unternehmenskybernetik begründete und zu einer Art Vordenker für soziale Anwendungen von Wieners Ideen wurde – einschließlich in Chiles kurzer kybernetisch-sozialistischer Phase der frühen 1970er-Jahre). Sie entwickelten seine Vision weiter, wenn auch eher pragmatischer, und schufen Technologien, die das Informationszeitalter grundlegend prägten. Doch die ehrgeizigste und weitreichendste Auswirkung dieser Arbeit wurde durch ein Ereignis angekündigt, das im Oktober 1957 wie eine Lichtkugel über den Himmel zog. In seinem Buch The Dream Machine hat M. Mitchell Waldrop dieses Ereignis meisterhaft erzählt. Vieles, was jetzt folgt, stammt aus seiner Darstellung.[5]
Sputnik und die Advanced Research Projects Agency
Einen Monat nach dem Start des ersten Orbitalsatelliten durch die Sowjetunion wurde der Bericht des Gaither-Komitees verbreitet, in dem behauptet wurde, dass die USA bei der Entwicklung von Raketen hinter die Sowjets zurückgefallen sei. Die darauffolgende moralische Krise hatte panische Züge und zwang die Eisenhower-Regierung zu Notmaßnahmen, um die strategische Überlegenheit Amerikas gegenüber der Öffentlichkeit unter Beweis zu stellen. Dabei hatte Eisenhower – trotz oder gerade wegen seiner eigenen militärischen Vergangenheit – tiefes Misstrauen gegenüber dem, was er den “militärisch-industriellen Komplex” Amerikas bezeichnete, und hegte gleichzeitig grenzenlose Bewunderung für Wissenschaftler.[6] Er zielte daher darauf ab, die Emotionen des Kalten Krieges in eine nationale Strategie zur Verbesserung von wissenschaftlicher Forschung und Bildung umzulenken.[7]
Diese Strategie verfolgte viele Ansätze, wobei die Gründung einer quasi-unabhängigen, wissenschaftlich geleiteten Advanced Research Projects Agency (ARPA, deutsch: Behörde für fortgeschrittene Forschungsprojekte) im Verteidigungsministerium zentral war. Sie sollte auf Expertise von Universitäten zurückgreifen, um ehrgeizige und potenziell transformative wissenschaftliche Projekte mit Anwendungsmöglichkeiten für die militärische Verteidigung zu beschleunigen.
Obwohl ARPA zunächst viele Ziele verfolgte, von denen einige bald an neu gegründete Behörden wie die National Aeronautics and Space Administration (NASA) übertragen wurden, fand sie unter ihrem zweiten Direktor Jack Ruina schnell eine Nische. Sie sollte als ambitionierteste staatliche Einrichtung besonders gewagte und “abwegige” Projekte unterstützen. Ein Bereich sollte sich als besonders repräsentativ für diesen risikofreudigen Ansatz erweisen: das Information Processing Techniques Office (deutsch: Technisches Büro für Informationsverarbeitung) unter der Leitung von Joseph Carl Robnett (JCR) Licklider.
Licklider stammte aus einem völlig anderen Feld als der politischen Ökonomie von George, der Soziologie von Simmel, der politischen Philosophie von Dewey oder der Mathematik von Wiener: “Lick”, wie er gemeinhin genannt wurde, erwarb 1942 seinen Doktortitel im Bereich der Psychoakustik. Nach Jahren, in denen er Anwendungen zur menschlichen Leistung bei hochsensiblen Interaktionen mit Technologie entwickelte – insbesondere in der Luftfahrt – wandte er sich zunehmend den Möglichkeiten menschlicher Interaktion mit der am schnellsten wachsenden Maschinenform zu: der “Rechenmaschine” (englisch: computing machine). Er trat dem Massachusetts Institute of Technology (MIT) bei, um zur Gründung des Lincoln Laboratory und des Psychologieprogramms beizutragen. Später wechselte er in den privaten Sektor als Vizepräsident von Bolt, Beranek and Newman (BBN), einem der ersten Forschungs-Startups aus dem Umfeld des MIT.
Nachdem er die Führung von BBN davon überzeugt hatte, ihre Aufmerksamkeit auf Rechenmaschinen zu richten, begann Lick mit der Entwicklung einer alternativen technologischen Vision zum damals aufkommenden Bereich der künstlichen Intelligenz. Ausgehend von seinem psychologischen Hintergrund schlug er die “Mensch-Computer-Symbiose” vor – so der Titel seiner bahnbrechenden Arbeit von 1960. Lick stellte die Hypothese auf, dass “früher oder später …‘Maschinen’ das menschliche Gehirn in den meisten Funktionen ersetzen werden, die wir heute als ausschließlich dem Gehirn zugehörig betrachten… in der Zwischenzeit, die ziemlich lange dauern wird, werden die wichtigsten Fortschritte dort erzielt, wo Menschen und Computer zusammenarbeiten … diese Jahre werden intellektuell wohl die kreativsten und aufregendsten in der Geschichte der Menschheit sein”.[8]
Diese Visionen kamen genau zum richtigen Zeitpunkt für ARPA, die auf der Suche nach kühnen Missionen war, um ihren Platz in der sich rasch verdichtenden nationalen Landschaft der Wissenschaftsverwaltung zu sichern. Ruina ernannte Lick zum Leiter des neu gegründeten Information Processing Techniques Office (IPTO). Lick nutzte diese Gelegenheit, um einen Großteil der Struktur dessen zu gestalten, was später zum Feld der Computerwissenschaften (Informatik) werden sollte.
Das Intergalaktische Computernetzwerk
Obwohl Lick nur zwei Jahre bei ARPA verbrachte, legte er den Grundstein für einen Großteil dessen, was in den folgenden vierzig Jahren in diesem Feld geschah. Mit einem Netzwerk von “Time-Sharing”-Projekten schuf er in den USA eine Infrastruktur, die Nutzer:innen ermöglichte, direkt mit Großrechenanlagen zu interagieren – und leitete damit die Ära des “Personal Computers” (PC) ein. Die fünf dabei unterstützten Universitäten (Stanford, MIT, UC Berkeley, UCLA und Carnegie Mellon) wurden später zu Kerninstitutionen des sich herausbildenden akademischen Fachgebiets der Informatik.
Über den Aufbau des informationstechnischen und wissenschaftlichen Fundaments des modernen Computings hinaus konzentrierte sich Lick besonders auf die “menschlichen Faktoren”, in denen er sich spezialisiert hatte. Er zielte darauf ab, das Netzwerk auf zwei Weisen zu gestalten, die die sozialen und persönlichen Aspekte der Menschheit widerspiegeln sollten. Einerseits schenkte er Projekten besondere Aufmerksamkeit und Unterstützung, von denen er glaubte, sie könnten Computing näher an das Leben der Menschen bringen und so mit der Funktionsweise menschlichen Denkens verschmelzen. Das herausragendste Beispiel hierfür war das Augmentation Research Center, das Douglas Engelbart an der Stanford-Universität etablierte.[9] Andererseits bezeichnete er das Kollaborationsnetzwerk zwischen diesen Zentren mit seiner typischen Selbstironie als “Intergalaktisches Computernetzwerk” und hoffte, es würde ein Modell für computergestützte Zusammenarbeit und gemeinsame Governance werden.[10]
Dieses Projekt trug auf vielfältige Weise Früchte, sowohl unmittelbar als auch langfristig. Engelbart entwickelte schnell viele grundlegende Elemente des Personal Computers, einschließlich der Computermaus, eines Bitmap-Bildschirms – ein Kernelement des Vorläufers der grafischen Benutzeroberfläche und des Hypertexts. Seine Vorführung dieser Arbeit, nur sechs Jahre nach Licks ursprünglicher Finanzierung, als “oNLine System” (NLS) gilt als “Mutter aller Demos” und als Schlüsselmoment in der Entwicklung persönlicher Computer.[11] Dies half wiederum Xerox Corporation davon zu überzeugen, ihr Palo Alto Research Center (PARC) zu gründen, das dann einen Großteil der Entwicklung des persönlichen Computers vorantrieb. US News and World Report führt vier der fünf von Lick finanzierten Abteilungen als die vier besten Informatik-Departements des Landes auf.[12] Besonders bedeutsam war jedoch, dass sich das Intergalaktische Computernetzwerk nach Licks Wechsel in den privaten Sektor unter der Leitung seines Mitarbeiters Robert W. Taylor zu etwas weniger fantastischem, aber umso tiefgreifendem entwickelte.
Ein Netzwerk von Netzwerken
Taylor und Lick waren naturgemäß Kollegen. Obwohl Taylor nie seine Doktorarbeit abschloss, lag auch sein Forschungsfeld in der Psychoakustik, und während Licks Leitung des IPTO fungierte er als dessen Pendant bei der NASA, die sich gerade von ARPA abgespalten hatte. Kurz nach Licks Weggang (1965) wechselte Taylor zum IPTO, um Licks Netzwerkvision unter der Leitung von Ivan Sutherland weiterzuentwickeln, der dann in die Wissenschaft zurückkehrte und Taylor die Leitung des IPTO und des Netzwerks überließ – das er etwas bescheidener als ARPANET bezeichnete. Er nutzte seine Autorität, um BBN, Licks ehemalige Wirkungsstätte, damit zu beauftragen, den ersten funktionsfähigen Prototyp des ARPANET-Rückgrats (englisch: Backbone) zu entwickeln. Mit wachsendem Schwung durch Engelbarts Vorführungen des Personal Computers und die ersten erfolgreichen Versuche des ARPANET, formulierten Lick und Taylor ihre Vision für die zukünftigen Möglichkeiten des persönlichen und sozialen “Computing” in ihrem Artikel von 1968 "Der Computer als Kommunikationsgerät ". Sie beschrieben damit vieles von dem, was Jahrzehnte später zur Kultur des Personal Computers, des Internets und sogar der Smartphones werden sollte.[13]
1969 hatte Taylor den Eindruck, dass die Mission des ARPANET auf Erfolgskurs war, und wechselte zu Xerox PARC, wo er das Computer Science Laboratory leitete. Dort setzte er einen Großteil dieser Vision in funktionsfähige Prototypen um. Diese wurden wiederum zum Kern des modernen Personal Computers, den Steve Jobs bekanntlich von Xerox “entwendete”, um den Macintosh zu entwickeln, während sich ARPANET zum modernen Internet weiterentwickelte.[14] Kurz gesagt, lassen sich die technologischen Revolutionen der 1980er und 1990er Jahre direkt auf diese vergleichsweise kleine Gruppe von Innovatoren der 1960er Jahre zurückverfolgen. Während wir uns den später allgemein bekannteren Entwicklungen gleich zuwenden werden, lohnt es sich, den Kern des Forschungsprogramms zu betrachten, der all dies ermöglichte.
Im Kern der Entwicklung dessen, was später das Internet wurde, stand der Austausch zentralisierter, linearer und atomisierter Strukturen durch ⿻-Beziehungen und Governance. Dies geschah auf drei Ebenen, die sich Anfang der 1990er Jahre zum World Wide Web zusammenfügten:
- Paketvermittlung, die zentrale Vermittlungsstellen ersetzen;
- Hypertext zum Ersatz linearer Texte;
- Offene Standardisierungsprozesse zum Ersatz von top-down Entscheidungsfindungen durch Regierungen und Unternehmen.
Alle drei Ideen hatten ihre Ursprünge an den Rändern der frühen Gemeinschaft, die Lick formte, und entwickelten sich zu Kernmerkmalen der ARPANET-Gemeinschaft.
Während das Konzept von Netzwerken, die Redundanz und das Teilen von Informationen von Licks ursprünglicher Vision durchdrungen war, war es Paul Barans Bericht von 1964 “Über verteilte Kommunikation”, der klar artikulierte, wie und warum Kommunikationsnetzwerke eine ⿻ statt einer zentralisierten Struktur anstreben sollten.[15]
Baran argumentierte, dass zentralisierte Vermittlungsstellen zwar unter normalen Bedingungen hohe Zuverlässigkeit bei geringen Kosten erreichten, aber gegenüber Störungen fragil seien. Im Gegensatz dazu könnten Netzwerke mit vielen Zentren aus billigen und weniger zuverlässigen Komponenten aufgebaut werden und dennoch selbst verheerende Angriffe überstehen – indem sie “um Schäden herumrouten” und dynamische Wege durch das Netzwerk basierend auf Verfügbarkeit wählen, statt einer vorab spezifizierten Planung folgen. Während Baran Unterstützung und Ermutigung von Wissenschaftlern der Bell Labs erhielt, wurden seine Ideen von AT&T, dem nationalen Telefonmonopolisten, rundweg abgelehnt. In dessen Firmenkultur war eine hochwertige, zentralisiert ausgerichtete Maschinerie tief verwurzelt.
Trotz der offensichtlichen Bedrohung, die sie für private Interessen darstellte, erregte die Paketvermittlung die positive Aufmerksamkeit einer anderen Organisation, die ihre Entstehung der Gefahr verheerender Angriffe verdankte: ARPA. Auf einer Konferenz 1967 lernte ARPANETs erster Programmmanager, Lawrence Roberts, die Paketvermittlung durch eine Präsentation von Donald Davies kennen, der die gleiche Idee wie Baran gleichzeitig und unabhängig entwickelte und sich bald auf Barans Argumente stützte, um das Konzept dem Team zu verkaufen. Abbildung A zeigt die dezentrale logische Struktur des frühen ARPANET.
Abbildung 3-3-A. Frühe logische Struktur des ARPANET. Quelle: Wikipedia, public domain.
Während das vernetzte Denken einerseits von technischer Resilienz motiviert war, wurde es auf einem anderen Weg vom Wunsch nach kreativer Gestaltung angetrieben. Ted Nelson, der ursprünglich Soziologie studierte, ließ sich in seiner Arbeit von einem Campusbesuch im Jahr 1959 inspirieren, bei dem er die Kybernetik-Pionierin Margaret Mead empfing, deren Vision demokratischer und pluralistischer Medien ihn stark prägte. Im weiteren Verlauf entwickelte er sich zu einem Künstler. Nach diesen frühen Erfahrungen widmete er ab seinen frühen Zwanzigern sein Leben der Entwicklung von „Project Xanadu“, das darauf abzielte, eine revolutionäre, menschenzentrierte Schnittstelle für Computernetzwerke zu schaffen. Obwohl Xanadu so viele Bestandteile umfasste, die Nelson für unverzichtbar hielt, dass es erst in den 2010er-Jahren vollständig veröffentlicht wurde, lag seine zentrale Idee – gemeinsam mit Engelbart entwickelt – im „Hypertext“, wie Nelson ihn nannte.
Nelson sah Hypertext als Werkzeug, um Kommunikation von der Tyrannei linearer Interpretation zu befreien Mit seinem Ansatz, der einen “Pluralismus” (wie er es nannte) ermöglichen sollte, können Materialien durch ein Netzwerk bidirektionaler Verknüpfungen in verschiedenen, individuell wählbaren Sequenzen erkundet werden.[16] Diese “Wähle dein eigenes Abenteuer”-Qualität[17] ist heute Internet-Nutzenden vor allem durch ihre Browsing-Erfahrungen vertraut, tauchte aber bereits in kommerziellen Produkten der 1980er Jahre auf (wie Computerspiele auf Basis von Hypercard). Nelson stellte sich vor, dass solch eine Leichtigkeit der Navigation und Rekombination die Bildung neuer Kulturen und Narrative mit beispielloser Geschwindigkeit und Reichweite ermöglichen würde. Die Stärke dieses Ansatzes wurde der breiteren Masse deutlich, als Tim Berners-Lee ihn Anfang der 1990er Jahre zum zentralen Element seines “World Wide Web”-Projekts machte. Durch diese Art der Navigation läutete er das Zeitalter der breiten Internetnutzung ein.
Engelbart und Nelson waren zeitlebens Freunde und teilten viele ähnliche Visionen, verfolgten jedoch sehr unterschiedliche Wege zu deren Verwirklichung. Wie wir sehen werden, findet sich auf jedem dieser Wege ein Körnchen Wahrheit. Engelbart, selbst ein Visionär, war ein ausgefeilter Pragmatiker und geschickter politischer Akteur, der schließlich als Pionier des Personal Computers anerkannt wurde. Nelson hingegen war ein verkünstelter Purist. Unerbittlich verfolgte er sein Projekt Xanadu über Jahrzehnte, um alle seine siebzehn aufgelisteten Prinzipien zu erfüllen. Damit begrub er seine Karriere.
Als aktiver Teilnehmer in Licks Netzwerk mäßigte Engelbart seine Ambitionen. Er sah die Notwendigkeit, andere Netzwerkknoten zu überzeugen, seine Herangehensweise zu unterstützen, zu übernehmen oder sie zumindest kompatibel zu gestalten. Während verschiedene Benutzerschnittstellen und Netzwerkprotokolle sich ausbreiteten, gab er seinen Ehrgeiz zur Perfektion auf. Engelbart und noch mehr seine Projektkollegen begannen stattdessen, eine Kultur der Kollegialität zu entwickeln – unterstützt durch das Kommunikationsnetzwerk, das sie aufbauten, und dies über die oft konkurrierenden Universitäten hinweg, an denen sie arbeiteten. Die physische Distanz machte eine enge Koordination der Netzwerke unmöglich. Aber die Arbeitsweise, eine minimale Interoperabilität zu gewährleisten und klare Best Practices zu verbreiten, wurde zu einem Kernmerkmal der ARPANET-Gemeinschaft.
Diese Kultur manifestierte sich in der Entwicklung des “Request for Comments” (RFC)-Prozesses durch Steve Crocker, der als einer der ersten “wiki”-ähnlichen Prozesse informeller und größtenteils additiver Zusammenarbeit über geografisch und sektoral (staatlich, wirtschaftlich, universitär) verteilte Mitarbeitende gelten kann. Dies trug wiederum zur Entwicklung des gemeinsamen Network Control Protokolls und schließlich der Transmission Control und Internet Protokolle (TCP/IP) bei – unter der berühmten, fast missionarischen, aber inklusiven und responsiven Führung von Vint Cerf und Bob Kahn. Das geschah zwischen 1974, als TCP erstmals als RFC 675 zirkulierte, und 1983, als sie zu den offiziellen ARPANET-Protokollen wurden. Im Kern des Ansatzes stand die Vision eines “Netzwerks von Netzwerken”, die dem “Internet” seinen Namen gab: Viele verschiedene und lokale Netzwerke (an Universitäten, Unternehmen und Regierungsbehörden) konnten so interoperabel werden und eine nahezu nahtlose Kommunikation über große Distanzen ermöglichen, im Gegensatz zu zentralisierten Netzwerken (wie dem zeitgleichen französischen Minitel), die von oben herab von einer Regierung standardisiert wurden[18]. Zusammen konvergierten diese drei Dimensionen des Netzwerkens – technische Kommunikationsprotokolle, kommunikative Inhalte und Governance von Standards – und schufen das Internet, wie wir es heute kennen.
Triumph und Tragödie
Ein Großteil dessen, was aus diesem Projekt hervorging, ist so weithin bekannt, dass es kaum einer Wiederholung bedarf. Während der 1970er Jahre produzierte Taylors Xerox PARC eine Reihe teurer und daher kommerziell erfolgloser, aber revolutionärer “persönlicher Arbeitsstationen”, die viele Elemente enthielten, die später den Personal Computer der 1990er Jahre ausmachten. Zeitgleich begannen Unternehmen wie Apple und Microsoft, als Computerkomponenten einer breiteren Bevölkerung zugänglich wurden, erste erschwingliche Computer auf den Markt zu bringen – auch wenn sie noch nicht wirklich benutzerfreundlich waren. In dem Bemühen, seine Erfindungen zu kommerzialisieren, gewährte Xerox dem Apple-Mitbegründer Steve Jobs Zugang zu seiner Technologie im Austausch für Unternehmensanteile – was zur Einführung des Macintosh als modernem Personalcomputer führte. Kurz danach kam es auch zur Massenverbreitung von Microsofts Windows-Betriebssystem. Bis zum Jahr 2000 besaß die Mehrheit der Amerikaner einen Personalcomputer und die Internetnutzung verbreitete sich stetig, wie in Abbildung B dargestellt.
Abbildung 3-3-B. Anteil der Bevölkerung mit Internetzugang im Zeitverlauf weltweit und in verschiedenen Regionen. Quelle: Our World in Data.[19]
Das Internet und seine Unzulänglichkeiten
Parallel dazu entwickelte sich von Beginn an auch das Internet. Es wuchs immer weiter, um diese Personalcomputer zu verbinden. Während der späten 1960er und frühen 1970er Jahre entstanden verschiedene Netzwerke parallel zum größten Netzwerk, dem ARPANET. Sie breiteten sich unter Universitäten, Regierungen außerhalb der Vereinigten Staaten, internationalen Standardisierungsgremien und innerhalb von Unternehmen wie BBN und Xerox aus. Unter der Führung von Kahn und Cerf und mit Unterstützung von ARPA (nun in DARPA umbenannt, um seinen “Verteidigungs”-Fokus zu betonen) begannen diese Netzwerke, das TCP/IP-Protokoll zu nutzen, um miteinander zu kommunizieren. Als dieses Netzwerk wuchs, suchte DARPA nach einer anderen Agentur, um es zu betreuen, angesichts der eigenen Grenzen seiner fortschrittlichen Technologiemission. Obwohl verschiedene US-Regierungsbehörden sich daran versuchten, verfügte die National Science Foundation über die größte Gruppe wissenschaftlicher Teilnehmer:innen, und ihr NSFNET wuchs schnell zum größten Netzwerk heran. Das führte schließlich zur Stilllegung des ARPANET im Jahr 1990. Zur gleichen Zeit begann das NSFNET, sich mit Netzwerken in anderen wohlhabenden Ländern zu verbinden.
Eines dieser Länder war das Vereinigte Königreich, wo der Forscher Tim Berners-Lee 1989 einen “Webbrowser”, einen “Webserver” und eine Hypertext Mark-Up Language (HTML, Programm zur Erstellung von Internetseiten) vorschlug, die Hypertext vollständig mit der Paketvermittlung verband und Internetinhalte einer breiten Gruppe von Endnutzer:innen zugänglich machte. Von der Einführung von Berners-Lees World Wide Web (WWW) 1991 an wuchs die Internetnutzung von etwa 4 Millionen Menschen (überwiegend in Nordamerika) auf über 400 Millionen (mehrheitlich weltweit) bis zum Ende des Millenniums. Mit dem Boom von Internet-Startups im Silicon Valley und dem Beginn der Online-Migration vieler Lebensbereiche in die Computer, die nunmehr in vielen Haushalten standen, war das Zeitalter des vernetzten Personal Computers (von “Der Computer als Kommunikationsgerät”) angebrochen.[20]
In der Boom- und Bust-Euphorie der Jahrtausendwende schenkte jedoch kaum jemand in der Technikwelt dem Gespenst Aufmerksamkeit, das bald die Branche heimsuchte: dem längst vergessenen Ted Nelson. Gefangen in seiner jahrzehntelangen Suche nach dem idealen Netzwerk- und Kommunikationssystem warnte Nelson unermüdlich vor der Unsicherheit, der ausbeuterischen Struktur und den unmenschlichen Aspekten des entstehenden World Wide Web. Ohne sichere Identitätssysteme (Xanadu-Prinzipien 1 und 3) würde eine Mischung aus Anarchie und Landnahmen durch Nationalstaaten und Unternehmen unvermeidlich sein. Ohne eingebettete Protokolle für Handel (Xanadu-Prinzipien 9 und 15) würde Online-Arbeit entwertet oder das Finanzsystem von Monopolen kontrolliert werden. Ohne bessere Strukturen für den sicheren Informationsaustausch und die Informationskontrolle (Xanadu-Prinzipien 8 und 16) würden Überwachung und Informations-Silos allgegenwärtig sein. Unabhängig von seinem scheinbaren Erfolg sei das WWW-Internet dazu verdammt, böse zu enden.
Obwohl Nelson eine Art Außenseiter war, wurden seine Bedenken überraschend breit geteilt, selbst von den Mainstream-Internet-Pionieren, die scheinbar allen Grund hatten, ihren Erfolg zu feiern. Bereits 1980, während sich TCP/IP formierte, skizzierte Lick in seinem klassischen Essay “Computer und Regierung” “zwei Szenarien” (eines gut, das andere schlecht) für die Zukunft des “Computing”: Es könnte entweder von monopolistischer Unternehmenskontrolle dominiert und sein Potenzial erstickt werden, oder es könnte eine umfassende gesellschaftliche Mobilisierung geben, die das Computing dazu bringt, der Demokratie zu dienen und sie zu unterstützen.[21] In dem negativen Szenario prognostizierte Lick verschiedene gesellschaftliche Missstände, die den Beginn des Informationszeitalters unterm Strich zu einem Hindernis für die demokratische gesellschaftliche Entfaltung machen könnten. Diese umfassten:
- Allgegenwärtige Überwachung und öffentliches Misstrauen gegenüber der Regierung;
- Lähmung der Regierungsfähigkeit, Gesetze zu erlassen oder durchzusetzen, da sie hinter den starken Technologien zurückbleiben, die Bürger:innen nutzen;
- Entwertung kreativer Berufe;
- Monopolisierung und unternehmerische Ausbeutung;
- Allgegenwärtige digitale Fehlinformationen;
- Informations-Silos, die einen Großteil des Netzwerk-Potenzials untergraben;
- Regierungsdaten und -statistiken werden zunehmend ungenau und irrelevant;
- Kontrolle der Basis-Plattformen für Sprache und öffentlichen Diskurs durch private Einrichtungen.
Je mehr sich die Internetnutzung ausbreitete, desto weniger relevant erschienen solche Bedenken. Die Regierung spielte nicht die zentrale Rolle, die Lick sich vorgestellt hatte. Aber bis zum Jahr 2000 gingen die wenigen Kommentator:innen, die überhaupt von seinen Warnungen wussten, davon aus, dass wir definitiv auf dem Weg zu Licks Szenario 2 seien. Doch an einigen Stellen wuchs die Besorgnis gegen Ende des ersten Jahrzehnts des neuen Jahrtausends. Der Virtual-Reality-Pionier Jaron Lanier läutete die Alarmglocken in zwei seiner Bücher (“Du bist kein Gadget” und “Wer besitzt die Zukunft?”) und unterstrich Nelsons und seine eigene Version von Licks Bedenken über die Zukunft des Internets.[22] Während diese zunächst nur als Verstärkung von Nelsons Randideen erschienen, brachte schließlich eine Reihe von Weltereignissen – die wir im Abschnitt “Informationstechnologie und Demokratie: Eine sich weitende Kluft” diskutieren werden – einen Großteil der Welt dazu, die Grenzen der entstandenen Internetwirtschaft und -gesellschaft zu erkennen. Das half, den Techlash zu entfachen. Dieses Muster hatte eine verblüffende Ähnlichkeit mit den Warnungen von Lick und Nelson. Der Sieg des Internets war möglicherweise ein weitaus größerer Pyrrhussieg, als es anfangs schien.
Den Dao verlieren
Wie konnten wir in die Falle tappen, die die Gründer des Hypertexts und des Internets bereits so deutlich vorhergesehen hatten? Weshalb traten Regierung und Universitäten nach den 1970er Jahren nicht entschieden gegen die Fehlentwicklungen des Informationszeitalters an, dessen Entstehung sie selbst maßgeblich gesteuert hatten?
Es waren die Warnzeichen, die Lick 1980 dazu brachten, seine Bedenken niederzuschreibe, als sich der Fokus von ARPA (nunmehr DARPA) vom Fördern von Netzwerkprotokollen hin zu direkter waffenorientierter Forschung verschob. Lick sah dies als Ergebnis zweier Kräfte, die sich am entgegengesetzten Ende des politischen Spektrums befanden. Einerseits zog sich mit dem Aufstieg des “Small Government Konservatismus” – später als “Neoliberalismus” bezeichnet – der Staat von der proaktiven Finanzierung und Gestaltung von Industrie und Technologie zurück. Auf der anderen Seite brachte der Vietnamkrieg einen Großteil der Linken dazu, sich gegen die Rolle des Verteidigungsestablishments bei der Forschungsgestaltung zu stellen. Dies führte zu den “Mansfield-Zusätzen (engl.: Amendments)” von 1970, 1971 und 1973, die ARPA untersagte, Forschung zu finanzieren, die nicht direkt mit der “Verteidigungsfunktion” zusammenhängen.[23] All diese Entwicklungen lenkten DARPAs Fokus auf Technologien wie Kryptographie und künstliche Intelligenz, da sie als direkte Unterstützung militärischer Ziele galten.
Selbst wenn die US-Regierung ihre Prioritäten nicht geändert hätte, entwickelte sich das Internet bereits so schnell, dass sie jeder Aufsicht und Kontrolle entglitt. Als es zu einem zunehmend globalen Netzwerk wurde, gab es – wie Dewey vorhergesagt hatte – keine klare öffentliche Autorität, um die notwendigen Investitionen zu tätigen, die notwendig gewesen wären, um die soziotechnischen Herausforderungen zu bewältigen und eine Netzwerkgesellschaft zum breiteren Erfolg zu führen.
Um Lick zu zitieren: “Aus Sicht der Computertechnologie selbst fördert der Export die Computerforschung und -entwicklung, [aber] aus Sicht der Menschheit wäre eine kluge und nicht eine schnelle Entwicklung wichtig… Entscheidende Fragen wie Sicherheit, Privatsphäre, Ausbildung, Partizipation und Fragilität müssen ausreichend gelöst werden, bevor man schlussfolgern kann, dass Computerisierung und Programmierung gut für das Individuum und die Gesellschaft sind… Obwohl ich nicht vollständig an die Fähigkeit der Vereinigten Staaten glaube, diese Fragen weise zu lösen, halte ich es für wahrscheinlicher als in jedem anderen Land. Das lässt mich daran zweifeln, ob der Export von Computertechnologie der Menschheit wirklich dienen wird. Die Vereinigten Staaten sollten vielmehr jede Anstrengung unternehmen, herauszufinden, welche Zukunft sie wirklich will, und dann die Technologie dazu entwickeln, die nötig ist, um sie zu verwirklichen.”
Wegen der abnehmenden Rolle öffentlicher und sozialer Sektorinvestitionen, blieben Investitionen in Kernfunktionen und -ebenen, die Vordenker wie Lick und Nelson für das Internet vorgesehen hatten (wie Identität, Privatsphäre/Sicherheit, Ressourcen-Sharing, Handel) aus. Darauf werden wir weiter unten zurückkommen. Obwohl in den folgenden Jahren sowohl bei den Anwendungen, die auf dem Internet aufbauten, als auch im World Wide Web enorme Fortschritte erzielt werden sollten, war ein Großteil der grundlegenden Investitionen in die Protokolle bereits zum Zeitpunkt von Licks Schreiben abgeschlossen. Die Rolle des öffentlichen und sozialen Sektors bei der Definition und Innovation des Netzwerks der Netzwerke wurde schnell in den Hintergrund gedrängt.
In das entstehende Vakuum drangen die zunehmend eifrigen Privatunternehmen vor, beflügelt vom Erfolg des Personalcomputers und angetrieben vom neoliberalen Zeitgeist der Reagan- und Thatcher-Ära. Während die International Business Machines (IBM), deren Einfluss Lick fürchtete und die die Entwicklung des Internets hätten dominieren und behindern können, nicht mit dem technologischen Wandel Schritt halten konnten, fanden sich viele willige und fähige Nachfolger. Eine kleine Gruppe von Telekommunikationsunternehmen übernahm das Internet-Rückgrat, das die NSF bereitwillig abgab. Web-Portale wie America Online und Prodigy kamen dazu, um die Internetinteraktionen der meisten Amerikaner:innen zu dominieren, während Netscape und Microsoft um die Vorherrschaft beim Webbrowsing wetteiferten. Die vernachlässigten Identitätsfunktionen wurden durch den Aufstieg von Google und Facebook gefüllt. Fehlende digitale Zahlungsmöglichkeiten wurden von PayPal und Stripe abgedeckt. Anstelle der Protokolle zum Teilen von Daten, Rechenleistung und Speicher, die ursprünglich die Arbeit am Intergalaktischen Computernetzwerk motivierten, wurden private Infrastrukturen (oft als “Cloud-Anbieter” bezeichnet) zu den Plattformen für Anwendungsentwicklung – wie Amazon Web Services und Microsoft Azure.[24]
Während sich das Internet-Rückgrat, wenn auch eingeschränkt, weiterentwickelte und ein paar Sicherheitsfunktionen und etwas Verschlüsselung hinzugefügt wurden, wurden die grundlegenden Funktionen, die Lick und Nelson als wesentlich erachteten, niemals integriert. Die öffentliche finanzielle Unterstützung für Netzwerkprotokolle versiegte weitgehend, wobei die verbleibende Open-Source-Entwicklung nun hauptsächlich von Freiwilligen oder von Arbeiten, die von Privatunternehmen unterstützt wurde, bestritten wurde. Während die Welt im Zeitalter des Internets aufwachte, verblassten die Träume seiner Gründer.
Qualitätskontrolle und die Nameraka-Gesellschaft
Während das Internet in erster Linie in den Vereinigten Staaten entwickelt wurde, fassten kybernetische Ideen auch anderswo auf der Welt Fuß und entwickelten sich dort auf ganz andere Weise weiter. Nirgendwo war dies wohl so offensichtlich wie in Japan, wo sich Wieners Ideen nicht über Computernetzwerke, sondern über Ansätze zur Industrieorganisation und Sozialtheorie verbreiteten. In einer auffälligen Parallele zu den Internetpionieren, die versuchten, die Kommunikation durch technologische Netzwerke neu zu gestalten, wandten japanische Praktiker kybernetische Prinzipien an, um Fertigungsprozesse und schließlich die soziale Organisation selbst neu zu gestalten. Nach dem Zweiten Weltkrieg war Japan materiell und psychologisch am Boden zerstört. Dennoch verlief der Wiederaufbau des Landes nach dem Krieg in bemerkenswertem Tempo, und Japan entwickelte sich in den 1980er Jahren zum weltweit führenden Fertigungsland. Die Management- und Produktionspraktiken über Rückkopplungsschleifen, den „PDCA-Zyklus (Plan-Do-Check-Act)” und „Kaizen”, spielten bei dieser Transformation eine wichtige Rolle. Solche Produktmanagementpraktiken sind ein weiterer Triumph von Wieners kybernetischem Konzept in Japan.
In der frühen Nachkriegszeit verfügte Japan noch nicht über eine robuste Infrastruktur für die Massenproduktion von Industriegütern oder einen soliden technologischen Rahmen, um eine hochwertige Fertigung zu gewährleisten. Produkte wurden oft als minderwertig angesehen. 1950 bat die Union japanischer Wissenschaftler und Ingenieure (JUSE) den amerikanischen Statistiker W. Edwards Deming, während seines Aufenthalts in Japan eine Vortragsreihe zum Thema Qualitätskontrolle (QC) zu halten.[3:1], [25] Die Vortragsreihe über QC und seine Managementphilosophie hatte einen tiefgreifenden Einfluss auf eine große Zahl japanischer Führungskräfte, Manager, Ingenieure und Forscher.
Deming betonte, dass QC nicht einfach als das Problem der „Aussortierung fehlerhafter Produkte durch Inspektion” betrachtet werden sollte, sondern als ein Gesamtprozess, in dem der Produktionskreislauf selbst statistisch verwaltet und wiederholt verbessert wird. Deming forderte die Unternehmensleitung außerdem auf, mit Ingenieuren und Arbeitern zu kommunizieren und eine Unternehmenskultur aufzubauen, die Prozesse verbessert, indem sie deren Bewusstsein für eine umfassende Qualitätskontrolle in der Fertigung anerkennt. Dieser Schritt hin zu einer prozessorientierten Verbesserung veränderte die grundlegende Arbeitsweise der japanischen Fertigung.
Im Jahr 1951 festigte JUSE Demings Ideen durch die Einrichtung des Deming-Preises. Mit dieser Auszeichnung werden Unternehmen und Einzelpersonen gewürdigt, die einen bemerkenswerten Beitrag zur Weiterentwicklung der Qualitätskontrolle geleistet haben. Etwa zur gleichen Zeit stellte Toyota – ein Unternehmen, das später zu einem der größten der Welt werden sollte – von einer inspektionsorientierten Qualitätskontrolle auf einen stärker prozessorientierten Ansatz um.[26] Im Laufe der Jahre wurden diese sich weiterentwickelnden Praktiken unter den Begriffen PDCA-Zyklus und Kaizen bekannt und fanden schließlich breite Akzeptanz in der japanischen Industrie. Diese Praktiken sind eine der Errungenschaften, die Wieners kybernetisches Konzept der Rückkopplungsschleifen zur Selbstanpassung demonstrieren.
Wieners kybernetische Rückkopplungsschleifen bildeten auch die Grundlage für das, was später in den 1980er Jahren als „komplexe Systeme” bezeichnet wurde. Komplexe Systeme, initiiert von Stuart Kauffman und anderen, konzentrieren sich auf die Muster und Ordnungen höherer Ordnung (Selbstorganisation und emergente Phänomene), die aus den Interaktionen zwischen zahlreichen Elementen – seien es Menschen, Zellen, Moleküle oder Computer – entstehen und die sich aus den einzelnen Elementen allein nicht ergeben würden. Kybernetik und komplexe Systeme teilen die gemeinsame Frage, wie Systeme sich dynamisch verändern, lernen und Ordnung aufrechterhalten oder schaffen.
Aufbauend auf der Kybernetik florierten Bereiche wie komplexe Systeme, künstliches Leben, künstliche Intelligenz und Internet-Technologie in den Natur- und Ingenieurwissenschaften. Als das Internet in den 1990er Jahren rasch expandierte, stellte sich die Frage, wie diese Technologien zur Verbesserung sozialer Systeme genutzt werden könnten. Ken Suzuki, Forscher auf dem Gebiet komplexer Systeme und künstlichen Lebens sowie Unternehmer, stellte in den 2000er Jahren seine Vision einer „Nameraka-Gesellschaft” vor, die in 300 Jahren Realität werden könnte. Später fasste er seine Ideen in seinem einflussreichen japanischen Buch „Die Nameraka-Gesellschaft und ihre Feinde” (なめらかな社会とその敵) zusammen.[27]
Die „Nameraka Society“ ist eine Vision zur Schaffung von Systemen, die durch Technologie die Grenzen der menschlichen Wahrnehmung überwinden und eine stärker vernetzte Gesellschaft schaffen, in der Menschen in ihrer ganzen Komplexität leben können. Suzuki versteht die Welt als ein komplexes, netzartiges Geflecht. Innerhalb dieser Welt entstehen Systeme, die wie Zellmembranen Grenzen zwischen Innen (Körper) und Außen (Umwelt) schaffen und zu selbstadaptiven Systemen führen, mit denen der Körper seine Umgebung erkennen kann.
Diese membranartige Existenz ist maßstabslos und wurde im Laufe unserer Evolutionsgeschichte auf die Gesellschaft übertragen, was zu Institutionen wie modernen Nationen geführt hat, die eine strenge Staatsbürgerschaftspflicht für ihre Bürger vorschreiben. Gleichzeitig entstehen auch „kernartige” Einheiten als maßstabslose Mechanismen, die die Zelle selbst durch Parameter mit wenigen Freiheitsgraden, wie beispielsweise die DNA, steuern. Der „Zellkern“ fungiert als Ego, das auf individueller Ebene zwischen Selbst und Anderen unterscheidet, und auf gesellschaftlicher Ebene als Staatsmacht. Da sich diese Eigenschaften von Membran und Zellkern in unserer Evolutionsgeschichte wiederholen, ist auch unsere Gesellschaft als Membranen (Trennung von Innen und Außen) und Zellkerne (Macht und Autorität) aufgebaut, was die Auflösung binärer Gegensätze verhindert.
Durch Technologie versucht seine Vision, solche Membranen und Kernstrukturen aufzulösen und unser Leben zu einer stärker vernetzten Struktur zu machen. In einer Nameraka-Gesellschaft existieren Individuen nicht mehr als solche, sondern als „Dividuals“ (分人) – Multi-Agenten-Systeme, die durch die Zusammenarbeit mehrerer Zellen, einschließlich neuronaler Netzwerke im Gehirn, aufgebaut sind.[28] In Anlehnung an Carl Schmitts Konzept von Freund und Feind wies Suzuki auch darauf hin, dass die Nameraka-Gesellschaft die Grenzen zwischen Freund und Feind durch ein reibungsloses technologisches Management von Gewalt überwinden muss[29]. Infolgedessen können Menschen gleichzeitig mehreren Gemeinschaften angehören, ohne dass die Gesellschaft von ihnen erwartet, eine einzige Identität zu bewahren.
Um 2005 schlug Suzuki außerdem das Konzept der „Konstruktiven Sozialvertragstheorie” vor. Dieses zielte darauf ab, eine Gesellschaft unter dem Gesetz zu schaffen, die mithilfe von für Mensch und Maschine lesbaren Rechtssprachen automatisch ausgeführt werden konnte. Diese Vision ging der Erfindung von Ethereum im Jahr 2014 voraus, das eine Grundlage für Sozialverträge schuf, die auf der automatischen Ausführung von Smart Contracts mit Blockchain basieren. Suzuki scheint zu glauben, dass für das Gedeihen von Deweys emergenten Gemeinschaften die Quelle der Macht selbst emergent sein muss. Basierend auf diesen Ideen hat er auch experimentelle Ideen und soziale Systeme vorgeschlagen, wie beispielsweise die dividuale Demokratie, auch bekannt als „Divicracy“ (分人民主主義)[30], die eine Aufteilung und Delegierung von Stimmen ermöglicht, und PICSY (Propagational Investment Currency SYstem)[31], ein Währungssystem, in dem Beiträge und Werte weitergegeben werden. Die Vision und Initiativen der Nameraka Society beeinflussen weiterhin viele japanische Sozialwissenschaftler und Ingenieure, darunter Takahiro Anno, der bei den Gouverneurswahlen 2024 in Tokio kandidierte und dabei digitale Demokratie demonstrierte.[32]
Die Erkenntnisse aus Japans Wiederaufbau nach dem Krieg – nämlich die Praxis von Feedback-Schleifen und die Kultur der kontinuierlichen Verbesserung – spiegeln die Prinzipien der Kybernetik wider. Suzukis Vision, diese Erkenntnisse auf die heutige digitale, vernetzte Welt anzuwenden, kann als ein Projekt zur Wiederentdeckung und Rekonstruktion eines „weiteren verlorenen Dao” betrachtet werden. Obwohl diese Entwicklungen weitgehend parallel und unabhängig von der Entwicklung des Internets stattfanden, stellen sie einen weiteren Weg zur Verwirklichung des kybernetischen Denkens dar.
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Vergessene Träume bewahren eine eigenwillige Präsenz, die leise, aber unüberhörbar bleibt. Während Lick 1990 starb, erlebten viele der frühen Internet-Pioniere sowohl ihren Triumph als auch ihre Tragödie.
Abbildung 3-3-C. Ted Nelson an der Keio-Universität, Japan, 1999. Quelle: Wikipedia, verwendet unter CC 4.0 BY-SA.
Ted Nelson (zu sehen in Abbildung C) und viele andere Pioniere des Projekts Xanadu setzen ihre Kritik am Internet und ihre Reformbestrebungen bis heute fort. Engelbart sprach, organisierte und schrieb bis zu seinem Tod 2013 über seine Vision der “Steigerung des kollektiven IQ”. Zu diesen Aktivitäten gehörte – gemeinsam mit Terrence Winograd (Doktorvater der Google-Gründer) – die Unterstützung einer Gemeinschaft an der Stanford-Universität, die einerseits die Online-Deliberation und die nächste Generation von ⿻-Schlüsselpersonen hervorbrachte, wie wir weiter unten sehen werden. Während keiner dieser Ansätze die direkten Erfolge ihrer früheren Jahre erreichte, spielten sie entscheidende Rollen bei der Inspiration und in einigen Fällen sogar als Brutstätte für eine neue Generation von ⿻-Innovatoren, die dazu beigetragen haben, den Traum von ⿻ wiederzubeleben und zu artikulieren.
Lichtblicke
Während, wie wir in der Einleitung hervorgehoben haben, der vorherrschende Entwicklungsweg der Technologie in Richtungen geht, die ihn auf Kollisionskurs mit der Demokratie bringen, hat diese neue Generation von Führungspersönlichkeiten ein konträres Muster gebildet: verstreute, aber deutlich erkennbare Lichtblicke, die gemeinsam Hoffnung geben, dass ⿻ eines Tages die Technologie im Großen und Ganzen beleben könnte. Für den durchschnittlichen Internetnutzer ist vielleicht Wikipedia das anschaulichste Beispiel.
Dieses offene, gemeinnützige Kooperationsprojekt ist zur führenden globalen Ressource für Referenz und breit geteilte Sachinformationen geworden.[33] Im Gegensatz zur Informationszersplitterung und den Konflikten, die weite Teile der digitalen Sphäre durchdringen – wie wir in der Einleitung hervorgehoben haben – ist Wikipedia zu einer weithin akzeptierten Quelle gemeinsam geteilten Verständnisses geworden. Dies gelang durch die Nutzung einer grossflächigen, offenen und kollaborativen Selbstverwaltung.[34] Viele Aspekte dieses Erfolgs sind einzigartig, und Versuche, das Modell direkt zu übertragen, hatten gemischte Ergebnisse. Beispiele mit noch mehr Systematik und umfassendere Ansätze zu entwickeln, ist ein Schwerpunkt unserer weiteren Betrachtungen. Die Größenordnung des Erfolgs ist jedoch bemerkenswert. Jüngste Analysen zeigen, dass die meisten Websuchen zu Ergebnissen führen, die Wikipedia-Einträge prominent hervorheben. [35] Bei all der Feier des kommerziellen Internets ist diese eine öffentliche, beratende, partizipative und annähernd konsensbasierte Ressource vermutlich zum häufigsten Suchende im Internet geworden.
Das Konzept des “Wiki”, von dem Wikipedia seinen Namen ableitet, stammt aus dem Hawaiianischen und bedeutet “schnell”. Es wurde 1995 von Ward Cunningham geprägt, als er die erste Wiki-Software, WikiWikiWeb, entwickelte. Cunningham beabsichtigte, die zuvor hervorgehobenen Webprinzipien des hypertextuellen Navigierens und der inklusiven ⿻-Governance zu erweitern, indem er die schnelle Erstellung verknüpfter Datenbanken ermöglichte.[36] Wikis laden alle Nutzer:innen – nicht nur Expertinnen – ein, Seiten mit einem Standard-Webbrowser zu bearbeiten oder neue zu erstellen und diese miteinander zu verknüpfen und so eine dynamische, sich ständig weiterentwickelnde Weblandschaft im Geist von ⿻ zu gestalten.
Während Wikis selbst bedeutende Anwendungen gefunden haben, hatten sie einen noch breiteren Einfluss, indem sie die “Groupware”-Revolution stimulierten, die viele Internetnutzer:innen durch Produkte wie Google Docs kennen, deren Wurzeln jedoch im Open-Source-WebSocket-Protokoll liegen.[37] HackMD, ein kollaborativer Echtzeit-Markdown-Editor, wird in der g0v-Gemeinschaft genutzt, um Dokumente wie Sitzungsprotokolle gemeinsam zu bearbeiten und offen zu teilen.[38] Obwohl kollaborativ erstellte Dokumente diesen Ethos veranschaulichen, durchdringt er viel grundlegender die Fundamente der Online-Welt selbst. Open-Source-Software (OSS) verkörpert diesen Ethos partizipativer, vernetzter, transnationaler Selbstverwaltung. Bedeutend repräsentiert durch das Linux-Betriebssystem, bildet OSS die Grundlage der meisten öffentlichen Cloud-Infrastrukturen und verbindet sich mit vielen über Plattformen wie GitHub, die mittlerweile über 100 Millionen Mitwirkende zählt und in den letzten Jahren, besonders in der entwickelten Welt, rapide wächst – wie in Abbildung D dargestellt. Das Android-Betriebssystem, das über 70% aller Smartphones antreibt, ist ein OSS-Projekt, obwohl es primär von Google gepflegt wird. Der Erfolg und die Auswirkungen solcher “Peer Production” haben traditionelle Vorstellungen von Wirtschaft und Wertschöpfung radikal verändert.[39]
Abbildung 3-3-D. GitHub-Mitwirkende als Anteil der erwerbsfähigen Bevölkerung nach Ländern. Quelle: GitHub Innovation Graph[40], Weltbank[41] und Taiwanesisches Innenministerium[42].
Open-Source-Software (OSS) entstand als Reaktion auf die zunehmend kommerzielle und geheimhaltungsorientierte Softwareindustrie der 1970er Jahre. Der freie und offene Entwicklungsansatz der frühen ARPANET-Tage wurde auch nach dem Rückzug öffentlicher Finanzierung fortgeführt – dank eines globalen freiwilligen Engagements. Richard Stallman, der die geschlossene Natur des Unix-Betriebssystems von AT&T grundlegend kritisierte, wurde zum Vordenker der “Free-Software-Bewegung”. Er entwickelte die “GNU General Public License”, die es Nutzer:innen erlaubte, den Quellcode zu nutzen, zu studieren, zu teilen und zu modifizieren. Diese Bewegung wurde schließlich als Open-Source-Software (OSS) neu positioniert, mit dem ambitionierten Ziel, Unix durch Linux – eine offene Alternative – zu ersetzen, die von Linus Torvalds angeführt wurde.
Open-Source-Software (OSS) hat sich über verschiedene Internet- und Computerbereiche ausgebreitet und erlangte sogar Unterstützung von ehemals feindlich gesinnten Unternehmen wie Microsoft, das heute das führende OSS-Service-Unternehmen GitHub besitzt und mich, Glen (Co-Autor dieses Buches), beschäftigt. Dies repräsentiert die Praxis von ⿻ in großem Maßstab: das emergente, kollektive Co-Kreieren globaler Gemeinschaftsressourcen. Gemeinschaften bilden sich um gemeinsame Interessen, entwickeln kollaborativ bestehende Lösungen weiter, prüfen Beiträge durch unbezahlte Maintainer (Wartungsleute) und “forken” Projekte in parallele Versionen bei unvereinbaren Differenzen. Das Protokoll “git” unterstützt die kollaborative Verfolgung von Änderungen, wobei Plattformen wie GitHub und GitLab die Teilnahme von Millionen von Entwickler:innen ermöglichen. Dieses Buch ist selbst ein Produkt solcher Zusammenarbeit und wurde von Microsoft und GitHub unterstützt.
Allerdings steht Open-Source-Software (OSS) vor Herausforderungen wie chronischem Mangel an finanzieller Unterstützung aufgrund des Rückzugs öffentlicher Finanzierung – wie Nadia Eghbal (heute Asparouhova) in ihrem Buch Working in Public untersucht hat. Die Maintainer werden oft nicht angemessen entlohnt, und das Wachstum der Community erhöht die Belastung für sie. Nichtsdestotrotz sind diese Herausforderungen lösbar, und OSS verkörpert trotz der Grenzen seiner Geschäftsmodelle den Fortbestand des Ethos offener Zusammenarbeit (des verlorenen Dao), den ⿻ zu unterstützen beabsichtigt. Daher werden OSS-Projekte häufige Beispiele in diesem Buch sein.
Eine weitere gegenläufige Reaktion auf den Rückzug öffentlicher Investitionen in Kommunikationsnetzwerke wurde durch die Arbeit von Lanier beispielhaft aufgezeigt, den wir bereits erwähnt haben. Als Student und Kritiker des KI-Pioniers Marvin Minsky strebte er danach, ein ebenso ambitioniertes technologisches Programm wie die KI zu entwickeln – jedoch zentriert um menschliche Erfahrung und Kommunikation. Er stellte fest, dass die derzeitigen Kommunikationsformen durch Symbole eingeschränkt sind, die nur von Ohren und Augen verarbeitet werden können – wie Worte und Bilder. Daher strebte er danach, den Austausch zu vertiefen und auch das Empfinden von Erfahrungen und Empathie zu ermöglichen, die nur durch Sinne wie Berührung und Propriozeption (den inneren Sinn) erlebbar sind. Durch seine Forschung und sein Unternehmertum in den 1980er Jahren entwickelte sich daraus das Feld der “virtuellen Realität” – ein Bereich, der seitdem eine kontinuierliche Quelle der Innovation in der Nutzerinteraktion war, von der verkabelten Handschuh-Technologie[43] bis hin zu Vision Pro[44], die von Apple auf den Markt gebracht wurde.
Wie wir bereits aufgezeigt haben, trug Lanier nicht nur die kulturelle Vision des Computers als Kommunikationsgerät weiter; er teilte auch die Kritik von Nelson und wies auf die Lücken und Mängel im entstehenden Internet hin. Zu seinen wichtigsten Kritikpunkte zählten: Fehlende Protokolle und Mechanismen für sichere Zahlungen, den Datenaustausch, für den Herkunftsnachweis und für die Finanzierung von Open-Source-Projekten. Dieses Engagement verband sich mit der Entstehung des Bitcoin-Protokolls durch den (pseudonymen) Satoshi Nakamoto im Jahr 2008 und inspirierte eine Welle von Arbeiten in und um “Web3”-Gemeinschaften, die Kryptographie und Blockchain nutzen, um ein gemeinsames Verständnis von Herkunft und Wert zu schaffen.[45] Obwohl viele Projekte in diesem Bereich vom Libertarismus und der Hyperfinanzierung beeinflusst wurden, hat die anhaltende Verbindung zu den ursprünglichen Aspirationen des Internets – insbesondere unter der Führung von Vitalik Buterin (Gründer von Ethereum, der größten Smart-Contract-Plattform) – eine Reihe von Projekten inspiriert, wie GitCoin und dezentrale Identität, die heute zentrale Inspirationsquellen für ⿻ sind, wie wir weiter unten zeigen werden.
Andere Pioniere konzentrierten sich bei diesen Themen mehr auf Kommunikations- und Assoziationsebenen als auf Herkunft und Wert. Ihre Arbeiten wurden als “Dezentrales Web” oder “Fediverse” bezeichnet. Sie entwickelten Protokolle wie das von Christine Lemmer Webbers Activity Pub, die zur Grundlage für nicht-kommerzielle, gemeinschaftsbasierte Alternativen gegenüber kommerziellen sozialen Medien wurden – von Mastodon bis zu Twitters mittlerweile unabhängiger und gemeinnütziger BlueSky-Initiative. Dieser Bereich hat auch viele der kreativsten Ideen zur Neugestaltung von Identität und Privatsphäre hervorgebracht, die auf sozialen und gemeinschaftlichen Beziehungen gründen.
Den unmittelbarsten Bezug zu unseren ⿻-Wegen haben schließlich die Bewegungen, die den öffentlichen und multisektoralen Geist des frühen Internets wiederbeleben wollen – durch eine verstärkte digitale Teilhabe von Regierungen und demokratischer Zivilgesellschaft. Diese “GovTech” und “Civic Tech” Bewegungen nutzten Entwicklungspraktiken im Stil von Open-Source-Software, um staatliche Dienstleistungen zu verbessern und die Öffentlichkeit auf vielfältige Weise in politische Prozesse einzubeziehen. Zu den Führungsfiguren in den USA gehören Jennifer Pahlka, Gründerin des GovTech-Pioniers Code4America, und Beth Simone Noveck, Gründerin des GovLab.[46]. Hal Seki, einer der führenden Köpfe der japanischen Civic-Tech-Bewegung, leitete die Entwicklung von sinsai.info, einer Plattform zur Datenerfassung und -visualisierung, die nach dem großen Erdbeben in Ostjapan im Jahr 2011 ins Leben gerufen wurde. Später gründete er Code for Japan.
Insbesondere Noveck bildet eine wichtige Brücke zwischen der frühen Entwicklung von ⿻ und ihrer Zukunft. Sie war eine treibende Kraft hinter den oben erwähnten Workshops zur Online-Deliberation, entwickelte mit Unchat eine der frühesten Softwarelösungen, die diesen Zielen dienen sollten, und inspirierte damit unter anderem die Arbeit von vTaiwan und weiteren Initiativen.[47] In ihrer Arbeit mit dem US-Patent- und Markenamt und später als stellvertretende Technologiebeauftragte der USA, entwickelte sie viele der transparenten und inklusiven Verfahren, die den Kern der g0v-Bewegung bildeten, die wir zuvor hervorgehoben haben[48]. Noveck war eine entscheidende Mentorin nicht nur für g0v, sondern für eine Reihe anderer ehrgeiziger zivilgesellschaftlicher Technologieprojekte weltweit – von der kenianischen Plattform für Krisenberichterstattung Ushahidi, gegründet von Juliana Rotich und Mitarbeiter:innen, bis hin zu verschiedenen europäischen partizipativen Policy-Making-Plattformen wie Decidim, gegründet von Francesca Bria und Mitarbeiter:innen, sowie CONSUL, das aus der “Indignado”-Bewegung in Spanien hervorging. Einer von uns sitzt in dessen Aufsichtsrat. Trotz dieser bedeutenden Auswirkungen haben verschiedene Merkmale dieser Umgebungen es schwierig gemacht, systemische, nationale und damit leicht nachverfolgbare makroökonomische Auswirkungen zu erzielen, wie sie g0v in Taiwan hat.
Andere Länder haben natürlich in verschiedenen Elementen von ⿻ Herausragendes geleistet. Estland ist vielleicht das führende Beispiel und teilt mit Taiwan eine starke Geschichte des Georgismus und der Bodensteuern. Das Land wird oft als die am stärksten digitalisierte Demokratie der Welt zitiert und war früher als fast jedes andere Land Vorreiter der digitalen Demokratie – bereits Ende der 1990er Jahre[49]. Finnland baute auf dem Erfolg seines Nachbarn auf und skalierte ihn, indem es digitale Inklusion tiefer in Gesellschaft, Bildungssystem und Wirtschaft integrierte als Estland und zugleich Elemente digitaler demokratischer Partizipation übernahm. Singapur verfolgt die ehrgeizigsten Georgistischen Politiken weltweit und nutzt kreativere ⿻-Wirtschaftsmechanismen und fundamentalere Protokolle als jeder andere Staat. Südkorea hat umfangreich in digitale Dienste und digitale Kompetenzbildung investiert. Neuseeland war Vorreiter beim internetbasierten Wählen und nutzte die Zivilgesellschaft, um die Inklusion bei öffentlichen Dienstleistungen zu verbessern. Island setzte digitale Werkzeuge zur Erweiterung demokratischer Partizipation umfassender ein als jeder andere Staat. Kenia, Brasilien und insbesondere Indien waren Pioniere der digitalen Infrastruktur für die Entwicklungsarbeit. Wir werden auf viele dieser Beispiele in den folgenden Abschnitten zurückkommen.
Keiner dieser Länder hat jedoch die Breite und Tiefe von ⿻-Ansätzen zur soziotechnischen Organisation über Sektoren hinweg so institutionalisiert wie Taiwan. Diese Beispiele zu verallgemeinern ist daher schwierig. Sie reichen nicht aus, um zu zeigen, was ⿻ wirklich bedeuten könnte: die Fähigkeit, Gräben zwischen Nationen, Kulturen und Sektoren zu überbrücken und gleichzeitig die Grundlage und der Arbeitsauftrag für eine globale digitale Gesellschaft zu sein. Mit Taiwans Beispiel als Anker und den hoffnungsvollen Beispielen aus den anderen Ländern wenden wir uns nun der detaillierten Skizzierung von Möglichkeiten zu, die eine ⿻-globale Zukunft bereit hält.
J.C.R. Licklider, “Computers and Government” in Michael L. Dertouzos and Joel Moses eds., The Computer Age: A Twenty-Year View (Cambridge, MA: MIT Press, 1980) ↩︎
Fred Turner, The Democratic Surround: Multimedia and American Liberalism from World War II to the Psychedelic Sixties (Chicago: University of Chicago Press, 2013). ↩︎
Deming was a member of the Teleological Society with Wiener, Turing, von Neumann, and others during and after World War II. The society was an antecedent to the worldwide groundwork for cybernetics. It is uncertain that Deming had direct influence from Wiener’s cybernetics but his system design of total quality management has been recognized as a cybernetic organization. Jenkinson, A. “Management,” Cybernetics Society., Dec 22, 2024. https://cybsoc.org/?page_id=1489 ↩︎ ↩︎
Dan Davies, The Unaccountability Machine: Why Big Systems Make Terrible Decisions - and How The World Lost its Mind (London: Profile Books, 2024). ↩︎
M. Mitchell Waldrop, The Dream Machine (New York: Penguin, 2002). ↩︎
Katie Hafner and Matthew Lyon, Where the Wizards Stay up Late: The Origins of the Internet (New York: Simon & Schuster, 1998). ↩︎
Dickson, Paul. “Sputnik’s Impact on America.” NOVA | PBS, November 6, 2007. https://www.pbs.org/wgbh/nova/article/sputnik-impact-on-america/. ↩︎
J. C. R. Licklider. “Man-Computer Symbiosis,” March 1960. https://groups.csail.mit.edu/medg/people/psz/Licklider.html. ↩︎
“Douglas Engelbart Issues ‘Augmenting Human Intellect: A Conceptual Framework’ : History of Information,” October 1962. https://www.historyofinformation.com/detail.php?id=801. ↩︎
J.C.R. Licklider, “Memorandum For: Members and Affiliates of the Intergalactic Computer Network”, 1963 available at https://worrydream.com/refs/Licklider_1963_-_Members_and_Affiliates_of_the_Intergalactic_Computer_Network.pdf. ↩︎
Engelbart, Christina. “Firsts: The Demo - Doug Engelbart Institute.” Doug Engelbart Institute, n.d. https://dougengelbart.org/content/view/209/. ↩︎
https://www.usnews.com/best-colleges/rankings/computer-science-overall ↩︎
J.C.R. Licklider and Robert Taylor, “The Computer as a Communication Device” Science and Technology 76, no. 2 (1967): 1-3. ↩︎
Michael A. Hiltzik, Dealers of Lightning: Xerox PARC and the Dawn of the Computer Age (New York: Harper Business, 2000). ↩︎
Paul Baran, “On Distributed Communications Networks,” IEEE Transactions on Communications Systems 12, no. 1 (1964): 1-9. ↩︎
Theodor Holm Nelson, Literary Machines (Self-published, 1981), available at https://cs.brown.edu/people/nmeyrowi/LiteraryMachinesChapter2.pdf ↩︎
„Choose Your Own Adventure“ (dt. etwa: „Wähle dein eigenes Abenteuer“), interaktive Spielbücher basierend auf Edward Packards Konzept aus dem Jahr 1976 erreichten unter Bantam Books in den 80er und 90er Jahren ihren Popularitätshöhepunkt mit über 250 Millionen verkauften Exemplaren. In den 90er Jahren ging ihre Popularität aufgrund der Konkurrenz durch Computerspiele zurück. ↩︎
Mailland and Driscoll, op. cit. ↩︎
World Bank, “World Development Indicators” December 20, 2023 at https://datacatalog.worldbank.org/search/dataset/0037712/World-Development-Indicators. ↩︎
Licklider and Taylor, op. cit. ↩︎
Licklider, “Comptuers and Government”, op. cit. ↩︎
Jaron Lanier, You Are Not a Gadget: A Manifesto (New York: Vintage, 2011) and Who Owns the Future? (New York: Simon & Schuster, 2014). ↩︎
Phil Williams, “Whatever Happened to the Mansfield Amendment?” Survival: Global Politics and Strategy 18, no. 4 (1976): 146-153 and “The Mansfield Amendment of 1971” in The Senate and US Troops in Europe (London, Palgrave Macmillan: 1985): pp. 169-204. ↩︎
Ben Tarnoff, Internet for the People: The Fight for Our Digital Future (New York: Verso, 2022). ↩︎
JUSE. “How was the Deming Prize Established,” Dec 22, 2024. https://www.juse.or.jp/deming_en/award/ ↩︎
Toyota introduced QC in the early 1950s, and won the Deming Prize in 1965. Toyota Motor Corporation. “Changes and Innovations - Total Quality Management (TQM),” 75 Years of TOYOTA., Dec 22, 2024. https://www.toyota-global.com/company/history_of_toyota/75years/data/management/tqm/changes.html ↩︎
Ken Suzuki, “The Nameraka Society and Its Enemies” (なめらかな社会とその敵), (Keiso Shobo publishing, 2013). ↩︎
ジンメルの交差的(非)個人との共通性もみられる。ジンメルが社会的関係性からdividualを見たのに加えたが、鈴木はより生物学的視点から考察を試みたドゥルーズの”dividual”から着想している。 Gilles Deleuze, “Pourparlers” (Paris: les Editions de Minui, 1990) ↩︎
Carl Schmitt, Der Begriff des Politischen (Berlin: Duncker & Humbolt, 1932) ↩︎
Dividual democracy allows delegation of one’s vote to others and splitting one’s vote to multiple political issues. We will return to dividual democracy in the 5-6 voting - ⿻ Voting tomorrow footnote. ↩︎
PICSY (Propagational Investment Currency SYstem) is a kind of currency system. We will return to PICSY in the 5-7 social markets - Frontiers of social markets footnote. ↩︎
We will return to his detailed campaign during the 2024 Tokyo gubernatorial election in the 5-4 augmented-deliberation section. ↩︎
Tatsächlich haben Wissenschaftler:innen das Leseverhalten untersucht, gemessen an der von Nutzer:innen weltweit dafür aufgewendeten Zeit. Nathan TeBlunthuis, Tilman Bayer und Olga Vasileva, „Dwelling on Wikipedia“ (dt. etwa: „Verweilen auf Wikipedia“), Tagungsband des 15. Internationalen Symposiums zur Open Collaboration, 20. August 2019, https://doi.org/10.1145/3306446.3340829, (S. 1-14). ↩︎
Sohyeon Hwang und Aaron Shaw. „Rules and Rule-Making in the Five Largest Wikipedias“ (dt. etwa: „Regeln und Regelentwicklung in den fünf größten Wikipedias“), Tagungsband der Internationalen AAAI-Konferenz zu Web und Social Media 16 (31. Mai 2022): 347–57, https://doi.org/10.1609/icwsm.v16i1.19297, untersuchten die Regelentwicklung auf Wikipedia anhand von Verlaufsdaten aus 20 Jahren. ↩︎
In einem Experiment stellten McMahon und Kollegen fest, dass eine Suchmaschine mit Wikipedia-Links die relative Klickrate (eine Schlüsselmetrik) um 80% im Vergleich zu einer Suchmaschine ohne Wikipedia-Links erhöhte. Connor McMahon, Isaac Johnson und Brent Hecht, „The Substantial Interdependence of Wikipedia and Google: A Case Study on the Relationship between Peer Production Communities and Information Technologies“ (dt. etwa: „Die wesentliche Interdependenz von Wikipedia und Google: Eine Fallstudie zur Beziehung zwischen Peer-Production-Communities und Informationstechnologien“), Tagungsband der Internationalen AAAI-Konferenz zu Web und Social Media 11, Nr. 1 (3. Mai 2017): 142–51, https://doi.org/10.1609/icwsm.v11i1.14883. Motiviert durch diese Arbeit ergab eine Überprüfungsstudie, dass Wikipedia in etwa 70 bis 80% aller Suchergebnisseiten für „gängige“ und „trendige“ Suchanfragen erscheint. Nicholas Vincent und Brent Hecht, „A Deeper Investigation of the Importance of Wikipedia Links to Search Engine Results“ (dt. etwa: „Eine tiefere Untersuchung der Bedeutung von Wikipedia-Links für Suchmaschinenergebnisse“), Tagungsband der ACM zu Human-Computer Interaction 5, Nr. CSCW (13. April 2021): 1–15, https://doi.org/10.1145/3449078. ↩︎
Bo Leuf and Ward Cunningham, The Wiki Way: Quick Collaboration on the Web (Boston: Addison-Wesley, 2001). ↩︎
Der Begriff „Groupware“ wurde 1978 von Peter und Trudy Johnson-Lenz geprägt, wobei erste kommerzielle Produkte in den 1990er Jahren, wie Lotus Notes, die Zusammenarbeit über Distanz ermöglichten. Google Docs, hervorgegangen aus Writely, das 2005 gestartet wurde, hat das Konzept der kollaborativen Echtzeitbearbeitung weithin populär gemacht. ↩︎
Scrapbox, eine Kombination aus Echtzeit-Editor und Wiki-System, wird vom japanischen Forum dieses Buches genutzt. Besucher:innen des Forums können die Entwürfe lesen und in Echtzeit Fragen, Erklärungen oder Links zu verwandten Themen hinzufügen. Diese interaktive Umgebung unterstützt Aktivitäten wie Buchleseveranstaltungen, bei denen Teilnehmer:innen Fragen stellen, mündliche Diskussionen führen oder Protokolle dieser Diskussionen erstellen können. Die Funktion Schlüsselwörter umzubenennen und dabei die Netzwerkstruktur beizubehalten, hilft bei der Vereinheitlichung von Terminologievariationen und bietet einen Prozess zum Finden der besten Übersetzung. Je mehr Menschen durchlesen, wird ein Wissensnetzwerk gepflegt, das das Verständnis nachfolgender Leser:innen unterstützt. ↩︎
Yochai Benkler, “Coase’s Penguin, Or, Linux and the Nature of the Firm,” n.d. http://www.benkler.org/CoasesPenguin.PDF. ↩︎
GitHub Innovation graph at https://github.com/github/innovationgraph/ ↩︎
World Bank, “Population ages 15-64, total” at https://data.worldbank.org/indicator/SP.POP.1564.TO. ↩︎
Department of Household Registration, Ministry of the Interior, “Household Registration Statistics in January 2024” at https://www.ris.gov.tw/app/en/2121?sn=24038775. ↩︎
Ein Datenhandschuh ist ein Eingabegerät, das wie ein Handschuh funktioniert. Er ermöglicht Nutzer:innen, mit digitalen Umgebungen durch Gesten und Bewegungen zu interagieren, indem er physische Handaktionen in digitale Reaktionen übersetzt. Jaron Lanier, Dawn of the New Everything: Encounters with Reality and Virtual Reality (New York: Henry Holt and Co., 2017). ↩︎
Die Vision Pro ist ein Kopfdisplay, von Apple im Jahr 2024 veröffentlicht. Dieses Gerät integriert hochauflösende Displays mit Sensoren, die in der Lage sind, Bewegungen, Handaktionen und die Umgebung der Nutzer:innen zu verfolgen, um ein immersives Mixed-Reality-Erlebnis zu bieten. ↩︎
Satoshi Nakamoto, “Bitcoin: A Peer-to-Peer Electronic Cash System” at https://assets.pubpub.org/d8wct41f/31611263538139.pdf. ↩︎
Jennifer Pahlka, Recoding America: Why Government is Failing in the Digital Age and How We Can Do Better (New York: Macmillan, 2023). Beth Simone Noveck, Wiki Government: How Technology Can Make Government Better, Democracy Stronger, and Citizens More Powerful (New York: Brookings Institution Press, 2010). ↩︎
Beth Noveck, “Designing Deliberative Democracy in Cyberspace: The Role of the Cyber-Lawyer,” New York Law School, n.d. https://digitalcommons.nyls.edu/cgi/viewcontent.cgi?article=1580&context=fac_articles_chapters; Beth Noveck, “A Democracy of Groups,” First Monday 10, no. 11 (November 7, 2005), https://doi.org/10.5210/fm.v10i11.1289. ↩︎
Beth Simone Noveck, Wiki Government op. cit.; Vivek Kundra, and Beth Noveck, “Open Government Initiative,” Internet Archive, June 3, 2009, https://web.archive.org/web/20090603192345/http://www.whitehouse.gov/open/. ↩︎
Gary Anthes, “Estonia: a Model for e-Government” Communications of the ACM 58, no. 6 (2015): 18-20. ↩︎