Zugang

Lucy: Hallo, hier ist Lucy vom Château du Soleil Couchant aus Bordeaux.

Gemeindevertreter: Hallo Lucy. Was kann ich heute für Sie tun?

Lucy: Wir vom Château du Soleil Couchant führen Gespräche mit mehreren anderen Weingütern über die Idee, eine Koalition zur Einführung eines neuen Hagelkanonensystems auf unseren Grundstücken zu bilden. Wir haben die Unterstützung von 12 der 14 regionalen Weingüter erhalten; wir benötigen jedoch einen Mechanismus, der Offenheit, faire Beschlussfassung und die Verteilung der Kosten und Vorteile auf alle beteiligten Akteurinnen und Akteure garantiert.

Lucy: Um dies zu erreichen, benötigen wir einen Governance-Rahmen, der die Beteiligung benachbarter Weingüter fördert. Wir haben festgestellt, dass die Weinhandelsvereinigung mit ihren gemeinsamen Bemühungen große Erfolge erzielt hat, und wir möchten ihr Modell nachahmen.

Gemeindevertreter: Vielen Dank für den Überblick. Könnten Sie näher darauf eingehen, warum Sie diese Tools für die Zusammenarbeit benötigen?

Lucy: Sicher. Es gab Skepsis unter den örtlichen Weingütern in Bezug auf die Wirksamkeit von Hagelkanonen, aber die neueste Generation wurde wissenschaftlich auf ihre Fähigkeit zur Unterbrechung der Hagelsturmbildung getestet. Hagel ist seit langem eine Bedrohung für unsere Ernten. Um wirksam zu sein, müssen diese Systeme weit verbreitet sein. Wir starten ein Pilotprogramm, um vor Ort Vertrauen aufzubauen. Aber ein Verwaltungssystem, das dem ähnelt, was dem Weinhandelsverband bei der Bewältigung seiner Differenzen geholfen hat, wäre von unschätzbarem Wert.

Gemeindevertreter: Vielen Dank für Ihre Ausführungen. Der Kooperationsrahmen, den der französische Weinhandelsverband verwendet, wurde 2036 nach dem Vorbild des US-amerikanischen Wein- und Spirituosenverbandes angepasst. Basierend auf dem, was Sie beschrieben haben, haben wir ihn bereits so angepasst, dass er besser zu Ihren regionalen Gegebenheiten passt. Es ist jedoch wichtig zu beachten, dass diese Instrumente dazu dienen, eine inklusive Diskussion und einen Konsens zu fördern, und nicht dazu, bestimmte Ergebnisse wie die Einführung von Hagelkanonen voranzutreiben.

Lucy: Verstanden, und ich danke Ihnen für die Klarstellung.

Gemeindevertreter: Gut. Ich habe die Plattform gerade auf der Grundlage unserer Diskussion konfiguriert und unter www.bordeauxhailcannon.assoc gestartet. Ein detailliertes Änderungsprotokoll wurde an Sie gesendet. Sollten Sie weitere Änderungen benötigen, lassen Sie es mich bitte wissen.

Lucy: Das werde ich auf jeden Fall. Könnten Sie mir auch einige Ratschläge oder Informationen zu häufigen Hürden geben, mit denen andere konfrontiert waren?

Gemeindevertreter: Selbstverständlich. Ich kann zwar keine vertraulichen Details aus früheren Projekten weitergeben, aber ich kann Ihnen die allgemeine Verwendung dieser Tools sowie unsere bisherigen Erkenntnisse erläutern.

Lucy: Das klingt perfekt, vielen Dank. Ich werde das Änderungsprotokoll durchsehen und mich bis morgen bei Ihnen melden.

Gemeindevertreter: Ausgezeichnet, einen schönen Abend noch.


Schon lange vor dem Aufkommen des Internets war der Zugang zu Informationen ein entscheidender Bestandteil der menschlichen Zivilisation: Wie Sir Francis Bacon vor Jahrhunderten sagte: „Wissen ist Macht“. Im heutigen Informationszeitalter und noch mehr in der Zukunft, die wir in diesem Buch beschreiben, wird die Wahrheit dieses Sprichworts immer deutlicher. Während sich die vorherigen Kapitel dieses Teils auf die Aspekte des digitalen Lebens konzentrieren, die die Menschenrechte gewährleisten, bedeuten diese nichts für das menschliche Leben, wenn nicht alle Menschen sicher und zuverlässig auf diese von uns erdachte Welt zugreifen können. In diesem Kapitel werden wir untersuchen, was es bedeutet, einen solchen Zugang zu einem Grundrecht zu machen.

Wir sind nicht an einem bloßen Zugang interessiert, sondern an einem Zugang mit Integrität. Wenn die Informationen, die einige erhalten, korrekt sind und bei anderen verfälscht werden, ist dies schlimmer, als wenn Letztere überhaupt keinen Zugang hätten. Demokratie hängt von einer Bevölkerung ab, die sich voll und ganz beteiligen kann: Jede Stimme ist entscheidend. Wie wir bereits betont haben, interpretieren verschiedene Gemeinschaften das Muster der Fakten unterschiedlich. Diese Vielfalt der Perspektiven muss jedoch auf einem gemeinsamen Zugang zu unverfälschten Daten basieren, wenn sie zu einer ⿻ Zukunft beitragen soll. Wir alle können und müssen unseren eigenen Sinn im Leben finden, aber dieses Recht wird uns verweigert, wenn einige von uns manipulierte Versionen der Inhalte des globalen Informationsraums erhalten.

Von der Verabschiedung der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte durch die Vereinten Nationen im Jahr 1948 bis zur Erklärung zur Zukunft des Internets im Jahr 2022 hat die menschliche Gesellschaft immer wieder die Bedeutung der Meinungsfreiheit und des Zugangs betont. Diese beiden Dokumente veranschaulichen einen Weg, der von den grundlegenden Menschenrechten bis hin zu den Prinzipien der Freiheit und Sicherheit im digitalen Zeitalter reicht. Im Jahr 2023 befasste sich die Globale Erklärung zur Informationsintegrität im Internet direkt mit den kollektiven Herausforderungen, die sich durch generative Künstliche Intelligenz und ihr Potenzial für Massenmanipulation ergeben.

Einfach ausgedrückt müssen wir sicherstellen, dass alle den gleichen Zugang zu kontextuell vollständigen Informationen haben; andernfalls können diese wertlos oder sogar zu einer schädlichen Waffe werden. Diese Notwendigkeit wird nicht nur durch die digitale Technologie angetrieben, sondern erfordert auch eine kollektive, universelle und inklusive digitale Allianz, die von einer demokratischen Struktur unterstützt wird. In der heutigen Zeit, in der der Internetzugang als digitales Menschenrecht gilt, fließt der Geist von ⿻ nahtlos über den ganzen Globus, ähnlich wie das alte Konzept des „Dao“. Dieser Geist ist aus Nullen und Einsen gesponnen, erweitert kontinuierlich unser „Internet of Beings“ (deutsch: Internet aller Lebewesen) und integriert sich in gesellschaftliche Strukturen auf eine Weise, die demokratische Regierungsführung mit kollaborativer Technologie verbindet. „Zugang“ bedeutet also nicht nur technologische Verfügbarkeit, sondern trägt auch zur Verwirklichung der individuellen Vision aller Menschen bei und fördert auf natürliche Weise Vertrauen, gegenseitigen Respekt und Sicherheit.

Als Nächstes werden wir den aktuellen Stand des Internetzugangs, die Bemühungen der Länder um Zugang sowie unsere Erwartungen an die digitale Umgebung und die Aussichten für die zukünftige Entwicklung erläutern.

Überwindung der digitalen Kluft

Im Zuge der globalen Digitalisierung haben Länder wie Taiwan, Estland und die skandinavischen Länder durch proaktive staatliche Unterstützung der Internetentwicklung, interdisziplinäre Zusammenarbeit und die Einbeziehung von Mitarbeiter:innen lokaler Gemeinschaften als wichtige politische und umsetzende Akteur:innen Pionierarbeit für das Prinzip des digitalen Zugangs als Grundrecht geleistet. Dies ist jedoch nur eine Anzahlung auf die langfristige Investition, die wir zur Unterstützung der digitalen öffentlichen Infrastruktur benötigen. Diese gemeinsamen Anstrengungen treiben nicht nur den gesellschaftlichen Wandel voran, sondern tragen auch dazu bei, demokratische Werte zu festigen und einen kollektiven Konsens zu schaffen. Es ist keine Überraschung, dass diese Länder, die beim Zugang führend sind, auch diejenigen sind, die sich am stärksten für die substantielle digitale Demokratie einsetzen, die wir im nächsten Abschnitt des Buches erörtern.

Diese positiven Ergebnisse sind jedoch nicht weit verbreitet. Die digitale Ungleichheit ist ein Beispiel für die soziale Polarisierung, insbesondere zwischen ländlichen und städtischen Gebieten. Vor der Pandemie hatten weltweit 76 % der städtischen Haushalte Zugang zu einem Internetanschluss zu Hause, was fast doppelt so viel war wie die 39 % in ländlichen Regionen. Die Pandemie hat die öffentliche Aufmerksamkeit auf solche Ungleichheiten gelenkt, da immer mehr Lebensbereiche – von der Arbeit über die Bildung sowie viele andere Formen gesellschaftlicher Aktivitäten– ins Internet verlagert wurden.[1]

Die International Telecommunication Union (ITU) berichtet, dass allein im Jahr 2020 466 Millionen Menschen das Internet zum ersten Mal genutzt haben. Während die Zahl und die globale Verbreitung der Internetnutzer:innen weiter gestiegen ist, bestehen nach wie vor vielfältige Ungleichheiten beim Zugang. Diese tragen zu einer Vielzahl wirtschaftlicher, politischer und sozialer Ungleichheiten bei.

Aufbauend auf den vorherigen Kapiteln dieses Buches müssen wir das Grundrecht auf Zugang aus verschiedenen Perspektiven verstehen. Die Rolle der politischen Entscheidungsträger:innen ist dabei von entscheidender Bedeutung. Sie müssen sich auf die globale digitale Kluft konzentrieren und entsprechende Maßnahmen ergreifen, um die Ungleichheit beim Zugang zu überwinden. Zu diesen Schritten müssen auch Investitionen in die digitale öffentliche Infrastruktur gehören, um die kontextbezogene Integrität für den Online-Austausch zu schützen.

Während Offenheit gefördert wird, müssen auch die digitalen Teilnehmer:innen ihren Beitrag leisten, um die dunklen und heiklen Ecken des Internets zu beleuchten und eine sichere Umgebung für alle zu schaffen. Natürlich berührt dieses Thema globale soziale Strukturen und kulturelle Vielfalt. Glücklicherweise müssen wir nicht mehr wie de Tocqueville damals Ozeane überqueren, um aus den wertvollen Erfahrungen verschiedener Länder beim Aufbau einer digitalen Demokratie und einer nachhaltigen Entwicklung zu lernen. Um eine sicherere Umgebung für den digitalen Zugang zu schaffen und zu schützen, gibt es zwei wichtige Handlungsoptionen:

  1. Digitale Infrastruktur: Entwicklung eines interoperablen Modells für internationale Infrastrukturen, das die Herausforderungen kollektiven Handelns, die wir im Kapitel „Soziale Märkte" weiter unten erörtern, überwindet und so weltweit gerechte Dienstleistungen ermöglicht.
  2. Informationsintegrität: Bewältigung der Herausforderungen, die sich durch mimetische Modelle (sogenannte „Deepfakes“) stellen, um die semantische Sicherheit zu wahren und die Vorteile des digitalen Zeitalters weiterhin nutzen zu können.

Wenn wir diese beiden Grundrechte voranbringen können, können die anderen in diesem Teil des Buches beschriebenen Rechte in die Lebenswirklichkeit aller Menschen einfließen. Sie sind dann nicht nur als Substrat der kollektiven Intelligenz „online“, sondern dienen auch im täglichen Leben aller Menschen weltweit. Wie wir im Laufe des Buches hervorgehoben haben, scheinen viele öffentliche Dienstleistungen und soziale Interaktionen in der heutigen digitalen Umgebung vom Kapitalismus überschattet zu werden. Heutzutage ist die Aussage „Internetzugang ist ein Menschenrecht“ fast Konsens unter den Demokratien. Es bleibt also nur noch die Aufgabe, die Spannungen zwischen Demokratie und Internetzugang zu lösen.

Infrastrukturen für Informationsintegrität

Die Forstwirtschaftsexpertin Suzanne Simard konzentriert sich auf die Erforschung der kollaborativen Wesensart von Wäldern und betrachtet sie als intelligente Systeme.[2] Diese Wälder verfügen nicht nur über ein Selbstbewusstsein und spontane Entwicklungsfähigkeiten, sondern zeichnen sich auch durch enge Wechselwirkungen zwischen verschiedenen ökologischen Komponenten aus. Simard hat untersucht, wie Baumwurzeln und symbiotische Mykorrhizapilze in den Bodenschichten alter Wälder in British Columbia kommunizieren. Gemeinsam mit Kolleg:innen fand sie heraus, dass in dieser von Pilzgeflechten geprägten Umgebung verschiedene Baumarten sich gegenseitig Warnsignale zusenden und essenzielle Nährstoffe wie Zucker, Wasser, Kohlenstoff, Stickstoff und Phosphor miteinander teilen können.[3]

In einem solchen lebendigen Wald kann ein einzelner „Mutterbaum“ Verbindungen zu Hunderten anderer Bäume herstellen. Mehrere solcher Mutterbäume stellen durch überlappende Netzwerke die Kontinuität des gesamten Waldes als kollektiver Organismus sicher und sorgen durch offene Verbindungen für eine sichere und robuste Umgebung.

Die digitale Infrastruktur folgt einem ähnlichen Muster mit offenen Standards (Protokollen), Open-Source-Code und offenen Daten. Sie dient als öffentliche Grundlage, die der globalen Gemeinschaft offensteht, mit Zehntausenden von digitalen Gemeinschaften zusammenarbeitet, einen offenen und sicheren Internetzugang bietet und sich gemeinsam gegen aktuelle digitale Bedrohungen verteidigt.

Taiwan ist laut Cloudflares Bericht einer der weltweit wichtigsten Hotspots für verteilte Denial-of-Service-Angriffe (DDoS).[4] Die Regierung des Landes hat das im vorherigen Kapitel beschriebene IPFS-Framework für ihre Websites übernommen, wodurch sie sich sowohl mit privaten digitalen Diensten als auch mit neu entstehenden offenen Netzwerken verbinden kann. Diese Struktur ist nicht nur widerstandsfähiger gegen massive DDoS-Angriffe, sondern fördert auch die offene Zusammenarbeit und gegenseitige Unterstützung mit globalen Technologiegemeinschaften. Dies veranschaulicht, wie Systeme robuster gegen Informationsmanipulation gemacht werden können.

Darüber hinaus ist es wichtig sicherzustellen, dass Menschen das Recht haben, auf Informationen mit kontextbezogener Integrität zuzugreifen. Die Hauptziele offener Regierungsdaten stehen damit im Einklang: Durch die Stärkung der Bürger:innenrechte und die Erhöhung der Transparenz und Rechenschaftspflicht der Regierung können Korruption wirksam bekämpft und demokratische Systeme in die Lage versetzt werden, den Menschen effizienter zu dienen. Auch das ukrainische “Diia” und das estnische “mRiik” sind Beispiele, die die bidirektionalen Funktionen vertrauenswürdiger Netzwerke und die Offenheit von Informationen aufzeigen.

Sowohl Estland als auch die Ukraine setzen sich proaktiv für die Digitalisierung im Hinblick auf die Beteiligung der Öffentlichkeit ein. Sie machen digitale Technologie zu einem wirklich unverzichtbaren sozialen Instrument für die Öffentlichkeit, indem sie sichere digitale öffentliche Dienste bereitstellen, über die die Bürger:innen auf Regierungsdienste und Echtzeitinformationen zugreifen können. Diia hat der Welt gezeigt, wie digitale Technologie seit langem bestehende Korruption abbauen kann. In diesem Jahr hat Estland seine neueste App „mRiik“ auf den Markt gebracht, die weitgehend von der ukrainischen App Diia inspiriert ist.[5]

Die digitale Infrastruktur bietet keine Einheitslösung, die von allen gleichermaßen genutzt werden kann. Jedes Land muss sie an seine individuellen Entwicklungsbedürfnisse anpassen. Die grundlegenden Funktionen und das demokratische Wesen haben jedoch ähnliche Werte und bieten eine gemeinsame Grundlage für die Erweiterung. Taiwan, Estland und die Ukraine zeigen uns, wie Informationsintegrität und digitale Infrastruktur ineinandergreifen, um die gesellschaftliche Widerstandsfähigkeit zu stärken.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass das Recht auf Zugang ein Eckpfeiler für die Verwirklichung einer digitalen Demokratie und sozialer Inklusion ist. Um eine solche Zukunft zu erreichen, sind mehrdimensionale Anstrengungen erforderlich, einschließlich technologischer Innovation und politischer Zusammenarbeit. Im nächsten Kapitel werden wir uns eingehender mit diesen miteinander verflochtenen Themen befassen.


  1. International Telecommunications Union, Facts and Figures (2022) at https://www.itu.int/itu-d/reports/statistics/2022/11/24/ff22-internet-use-in-urban-and-rural-areas/. ↩︎

  2. Suzanne Simard, Finding the Mother Tree: Discovering the Wisdom of the Forest (New York: Knopf, 2021). ↩︎

  3. Suzanne W. Simard, David A. Perry, Melanie D. Jones, David D. Myrold, Daniel M. Durall and Randy Molina, “Net Transfer of Carbon Between Ectomycorrhizal Tree Species in the Field”, Nature 388 (1997): 579–582. ↩︎

  4. Omer Yoachimik and Jorge Pacheco, “DDoS threat report for 2023 Q4” Cloudflare Blog January 9, 2024 at https://blog.cloudflare.com/ddos-threat-report-2023-q4. ↩︎

  5. Beachte Ukraines Bereitschaft, seinen Code und UX/UI-Designmethoden mit Estland zu teilen (siehe Igor Sushon, „Estonia Launches the State Application MRiik, Built on the Basis of the Ukrainian Application Diia“, Mezha, 19. Januar 2023, https://mezha.media/2023/01/19/diia-mriik/.https://mezha.media/2023/01/19/diia-mriik/)" ↩︎