Informationstechnologie und Demokratie · 2-2
Das Leben einer digitalen Demokratie
Wenn wir “Internet der Dinge” sehen, lasst uns daraus ein Internet der Lebewesen machen. Wenn wir “virtuelle Realität” sehen, lasst uns daraus eine geteilte Realität machen. Wenn wir “maschinelles Lernen” sehen, lasst uns daraus gemeinschaftliches Lernen machen. Wenn wir “Nutzererfahrung” sehen, lasst uns es zur menschlichen Erfahrung machen. Wenn wir hören “die Singularität ist nah” — lasst uns daran denken: Die Pluralität ist hier.
— Audrey Tang, Stellenbeschreibung, 2016
Ohne in Taiwan zu leben und es regelmäßig zu erleben, ist es schwer zu erfassen, was eine solche Errungenschaft bedeutet. Und für diejenigen, die dort seit langem leben, werden viele dieser Eigenschaften als selbstverständlich angesehen. Deshalb zeigen wir hier mit konkreten Beispielen und quantitativen Analysen auf, wodurch sich Taiwans digitale Bürgerbeteiligungsinfrastruktur von der in den meisten anderen Ländern der Welt unterscheidet. Die Beispiele sind zahlreich. Wir konzentrieren uns auf sechs Hauptprojekte zwischen 2012 und heute und listen weitere Programme am Ende kurz auf.
Illustrative Beispiele
g0v
Mehr als jede andere Institution symbolisiert g0v (ausgesprochen “gov-zero”) das zivilgesellschaftliche Fundament der digitalen Demokratie in Taiwan. 2012 von Civic Hackern wie Kao Chia-liang gegründet, entstand g0v aus der Unzufriedenheit mit der Qualität staatlich, digitaler Angebote und der Datentransparenz.[1] Civic Hacker begannen, Internetseiten der Regierung (normalerweise mit der Endung gov.tw) zu durchsuchen und alternative Formate für Datendarstellung und Interaktion für dieselbe Website zu entwickeln, die sie dann unter g0v.tw hosteten. Diese “geforkten” Versionen von Internetseiten der Regierung erwiesen sich oft als populärer, was dazu führte, dass einige Regierungsminister wie Simon Chang begannen, diese Designs in staatliche Angebote zu übernehmen.
g0v baute auf diesem Erfolg auf, um eine lebendige Gemeinschaft von Civic Hackern zu etablieren, die bei regelmäßigen Hackathons, sogenannten “jothons” (basierend auf einem Mandarin-Wortspiel, das etwa “Join-athon” bedeutet), mit einer Reihe nicht-technischer zivilgesellschaftlicher Gruppen interagiert. Obwohl Hackathons weltweit stattfinden, unterscheidet sich g0v in mehreren Punkten: Die Teilnehmer:innen sind sehr vielfältig – meist nicht-technische Personen mit nahezu ausgeglichenem Geschlechterverhältnis –, der Fokus liegt auf gesellschaftlichen statt kommerziellen Zielen, und es gibt eine enge Zusammenarbeit mit verschiedenen Bürgerorganisationen. Diese Merkmale werden vielleicht am besten durch den Slogan “Frag nicht, warum niemand das macht. Du bist der ‚niemand’!” zusammengefasst, was dazu geführt hat, dass die Gruppe als “Niemand-Bewegung” bezeichnet wird. Sie spiegeln sich auch in einem Venn-Diagramm wider, das häufig zur Erklärung der Absichten der Bewegungen verwendet wird und in Abbildung A dargestellt wird. Wie wir unten feststellen werden, sind die meisten der Initiativen, die wir hier vorstellen, aus g0v und eng verwandten Projekten hervorgegangen.
Sonnenblume
g0v gewann bereits in seinen ersten Jahren beträchtliche öffentliche Aufmerksamkeit und Unterstützung. Während der oben beschriebenen Sonnenblumen-Bewegung war die öffentliche Wahrnehmung jedoch am stärksten. Zur Erinnerung: Diese Proteste gegen das intransparent verhandelte Handelsabkommen mit China führten 2014 zur Besetzung des Parlaments. Hunderte Mitwirkende der g0v-Gemeinschaft waren während der Besetzung des Legislativ-Yuan (LY), des Parlaments, anwesend und halfen beim Übertragen, beim Dokumentieren und Kommunizieren ziviler Aktionen. Debatten, die live gestreamt wurden, entfachten hitzige Diskussionen in der Öffentlichkeit. Straßenhändler:innen, Anwält:innen, Lehrer:innen und Designer:innen krempelten die Ärmel hoch, um an verschiedenen Online- und Offline-Aktionen teilzunehmen. Digitale Werkzeuge brachten Ressourcen für Crowdfunding und Kundgebungen zusammen. Auch internationale Unterstützung bekam dadurch eine Stimme.
Am 30. März 2014 gingen eine halbe Million Menschen auf die Straße, in der größten Demonstration in Taiwan seit den 1980er Jahren. Ihre so formulierten Forderungen nach einem Überprüfungsverfahren vor Verabschiedung des Handelsabkommens für sogenannte Cross-Straits-Dienstleistungen wurden am 6. April vom Parlamentspräsidenten Wang Jin-pyng angenommen, etwa drei Wochen nach Beginn der Besetzung. Kurz darauf lösten sich die Proteste auf. Die Beiträge von g0v zu beiden Seiten und ihr Beitrag zur Auflösung der Spannungen führten dazu, dass die amtierende Regierung den Wert von g0vs Methoden erkannte. Außerdem rekrutierte Kabinettsmitglied Jaclyn Tsai mich, Audrey, als jugendliche “Reverse Mentorin” und begann, g0v-Treffen zu besuchen und zu unterstützen. Gleichzeitig wurden immer mehr Regierungsdokumente über g0v-Plattformen öffentlich zugänglich gemacht.
Viele Sonnenblumen-Teilnehmer:innen widmeten sich der Open-Government-Bewegung; die folgenden Kommunalwahlen (2014) und Parlamentswahlen (2016) zeigten einen dramatischen Umschwung in den Ergebnissen von etwa 10 Prozentpunkten zugunsten des Grünen Lagers. Die Sonnenblumen-Anführer:innen gründeten auch eine neue politische Partei, die New Power Party, zu der auch der führende taiwanische Rockstar Freddy Lim gehörte. Insgesamt verstärkten diese Ereignisse die Dynamik hinter g0v erheblich und führten zur Ernennung von mir (Audrey) zur Ministerin ohne festes Ressort (Minister without Portfolio), verantwortlich für offene Regierung, soziale Innovation und Jugendbeteiligung.
vTaiwan und Join
Während dieses Prozesses der Institutionalisierung von g0v wuchs die Nachfrage, die Methoden, die diese Streitbeilegungen ermöglicht hatten, auf eine breitere Palette politischer Themen anzuwenden. Dies führte zur Gründung von vTaiwan, einer Plattform und einem Projekt, das von g0v zur Erleichterung der Beratung über kontroverse öffentliche Politikdebatten entwickelt wurde. Der Prozess umfasste viele Schritte (Vorschlag, Meinungsäußerung, Reflexion und Gesetzgebung), die jeweils eine Reihe von Open-Source-Software-Tools nutzten. Aus diesem Prozess wurde aber am bekanntesten die Verwendung des damals (2015) neuartigen, auf maschinellem Lernen basierenden Open-Source-“Wikisurvey”/Social-Media-Tools Polis, das wir in unserem Kapitel über Augmented Deliberation weiter unten ausführlicher behandeln. Kurz gesagt funktioniert Polis ähnlich wie herkömmliche Microblogging-Dienste wie Twitter/X, verwendet aber Techniken zur Dimensionsreduktion, um Meinungen zu clustern, wie in Abbildung B gezeigt. Anstatt Inhalte anzuzeigen, die das Engagement maximieren, zeigt Polis die existierenden Meinungscluster auf und hebt Aussagen hervor, die eine Brücke zwischen ihnen schlagen. Dieser Ansatz erleichtert sowohl die Konsensbildung als auch ein besseres Verständnis der Konfliktlinien.
vTaiwan war bewusst als experimentelle, betreuungsintensive Plattform für engagierte Teilnehmer:innen konzipiert. Auf ihrem Höhepunkt erreichte sie etwa 200.000 Nutzer:innen – rund 1% der taiwanesischen Bevölkerung – und führte detaillierte Beratungen zu 28 Themen durch. Bemerkenswert: 80% dieser Diskussionen führten zu konkreten gesetzgeberischen Maßnahmen. Die Themen konzentrierten sich hauptsächlich auf Technologieregulierung, darunter Ridesharing, nicht-einvernehmliche intime Bilder, Fintech-Experimente und KI-Regulierung.
Als dezentrale, bürgergesteuerte Gemeinschaft ist vTaiwan auch ein lebendiger Organismus, der sich natürlich entwickelt und sich fortwährend anpasst, während sich Bürger:innen als Freiwillige auf verschiedene Weise beteiligen. Das Engagement der Gemeinschaft erlebte nach dem Ausbruch der COVID-19-Pandemie einen Rückgang, da persönliche Treffen nicht mehr möglich waren, was insgesamt zu einer verringerten Teilnahme führte. Die Plattform stand vor Herausforderungen aufgrund des intensiven ehrenamtlichen Aufwands, fehlender Mandate der Regierung und ihres etwas engen Fokus. Als Reaktion auf diese Herausforderungen hat vTaiwan’s Gemeinschaft in den letzten Jahren eine neue Rolle zwischen Öffentlichkeit und Regierung gesucht und ihre Reichweite über den Bereich der taiwanesischen Regulierung hinaus ausgedehnt. Ein bedeutender Versuch, vTaiwan zu revitalisieren, war die Zusammenarbeit mit OpenAIs Democratic Input in das AI-Projekt im Jahr 2023. Durch Partnerschaften mit Chatham House und die Organisation mehrerer physischer und Online-Beratungsveranstaltungen zum Thema KI-Ethik und Lokalisierung gelang es vTaiwan erfolgreich, lokale Perspektiven in den globalen Diskurs über KI und Technologie-Governance zu integrieren. Mit Blick auf 2024 plant vTaiwan, sich an Beratungen über KI-bezogene Regulierungen in Taiwan und darüber hinaus zu beteiligen. Zusätzlich zu Polis experimentiert vTaiwan ständig mit neuen Beratungs- und Abstimmungstools und integriert LLMs für die Darstellung von Ergebnissen. Die vTaiwan-Gemeinschaft bleibt dem demokratischen Experimentieren und dem Finden von Konsens in der Öffentlichkeit für die Politikgestaltung verpflichtet. Die frühere Erfahrung von vTaiwan außerhalb der Regierung inspirierte auch das Design der offiziellen Join-Plattform, die von Bürger:innen aktiv als Mittel genutzt wird, der Regierung Themen und Ideen vorzuschlagen.
Der Public Digital Innovation Space (PDIS), den ich (Audrey) 2016 in meiner Ministerrolle zur Zusammenarbeit mit vTaiwan und anderen Projekten, die wir unten diskutieren, gründete, unterstützte daher eine zweite, verwandte Plattform: Join. Obwohl Join manchmal auch Polis verwendete, hat es eine schlankere Benutzeroberfläche und konzentriert sich hauptsächlich darauf, Input, Vorschläge und Initiativen von einer breiteren Öffentlichkeit einzuholen. Es verfügt zudem bei der Umsetzung über einen Mechanismus, bei dem Regierungsbeamt:innen antworten müssen, wenn ein Vorschlag ausreichende Unterstützung erhält. Im Gegensatz zu vTaiwan behandelt Join außerdem eine Reihe von politischen Themen, einschließlich kontroverser nicht-technologischer Fragen wie dem Schulbeginn an Gymnasien. Join hat heute eine starke kontinuierliche Nutzung von etwa der Hälfte der Bevölkerung über die gesamte Laufzeit und durchschnittlich 11.000 tägliche Besucher:innen.
Hackathons, Koalitionen und quadratische Signale
Dieses Ausmaß digitaler Bürgerbeteiligung wirkt auf viele Menschen im “Westen” vielleicht überraschend, doch dahinter steht ein einfaches Prinzip: Energie, die sonst in endlosen Online-Streitereien in sogenannten “sozialen” Medien verpufft, wird zur Lösung echter gesellschaftlicher Probleme genutzt. Die taiwanische Regierung hat diesen Ansatz durch die offizielle Unterstützung der g0v-Hackathons weiter verstärkt – insbesondere durch den Presidential Hackathon (PH) und eine Reihe weiterer unterstützender Institutionen.
Der PH bringt Teams zusammengesetzt aus Beamt:innen, Akademiker:innen, Aktivist:innen und Technolog:innen zusammen, die gemeinsam Werkzeuge, gesellschaftliche Praktiken und Modelle für die Datenverwaltung entwickeln. Diese ermöglichen es Bürger:innen, gemeinsam über ihre Daten zu bestimmen: Statt als Einzelpersonen den Datenhunger von Unternehmen und Behörden hinzunehmen, können sie als starke Gruppe “kollektiv verhandeln” und mitbestimmen, wie ihre Daten genutzt werden. Unterstützt wird dies durch das staatliche Programm der “Datenkoalitionen”, das bürgerliche Probleme angeht. Konkrete Beispiele sind die Überwachung der Luftqualität und Frühwarnsysteme für Waldbrände. Bei der Auswahl der Gewinner:innen kommt ein besonderes Abstimmungssystem zum Einsatz: Quadratic Voting. Dieses erlaubt es Teilnehmer:innen und Bürger:innen, ihre Unterstützung für verschiedene Projekte abgestuft auszudrücken – mehr dazu in unserem Kapitel über ⿻ Wahlen. Das System sorgt dafür, dass möglichst viele zumindest teilweise gewinnen: Jede:r unterstützt wahrscheinlich einige Gewinner:innen, und wer sich besonders stark für ein Projekt einsetzt, kann ihm einen deutlichen Vorteil verschaffen.
Die Gewinner:innen erhalten eine einzigartige Trophäe: einen Mikroprojektor, der die Aufzeichnung zeigt, wie die Präsidentin Taiwans ihnen den Preis verleiht. Dies verstärkt den Einfluss gegenüber Regierungsbehörden und Kommunen, die dann eher zur Zusammenarbeit bereit sind – dank der Legitimität, die g0v inzwischen gewonnen hat. Inzwischen geht diese Praxis weit über technische Lösungen hinaus: In “Ideathons” entwickeln Teams Zukunftsvisionen und erstellen dafür passende Medieninhalte. Aus symbolischer Unterstützung wurde echte Förderung – wertvolle Projekte wie bessere Kontrollen in der Landwirtschaft und Lebensmittelsicherheit erhalten tatsächlich finanzielle Unterstützung. Das funktioniert über Quadratic Funding, eine Weiterentwicklung von Quadratic Voting, die wir im Kapitel über Soziale Märkte behandeln.
Pandemie
Diese vielfältigen Ansätze versetzten die Regierung in die Lage, zivile Beteiligung agiler zu nutzen, und kamen während der Covid-19-Pandemie besonders stark zum Tragen. Taiwan wird allgemein (basierend auf Statistiken, die wir im nächsten Abschnitt dieses Kapitels diskutieren werden) als das Land betrachtet, das eine der weltweit effektivsten Reaktionen auf die verschiedenen Krisenphasen der Pandemie hatte. Bemerkenswert ist, dass es in Taiwan während dieser Pandemie im globalen Vergleich zu den niedrigsten Todesraten durch diese Krankheit kam, ohne Lockdowns zu verwenden. Gleichzeitig wurde eine der schnellsten Wirtschaftswachstumsraten der Welt beibehalten. Neben der Insellage spielte die Tatsache eine Rolle, dass Taiwan mit der Vizepräsidentin eine Epidemiologin hatte, die für notwendige Reaktionen sofort bereit war. Auch Reisebeschränkungen spielten eindeutig eine Schlüsselrolle, sowie eine Reihe wichtiger technologischer Interventionen.
Das am besten dokumentierte Beispiel und dasjenige, das am meisten mit den vorherigen Beispielen konsistent ist, war die “Masken-App”. Aufgrund früherer Erfahrungen mit SARS begannen Masken in Taiwan Ende Januar knapp zu werden, als der Großteil der Welt noch nicht einmal von Covid-19 gehört hatte. In dieser verzweifelten Situation entwickelten Civic Hacker unter der Leitung von Howard Wu eine App, die die Verfügbarkeit von Masken kartierte. Dazu nutzten sie Daten, die die Regierung entsprechend offener und transparenter Datenverfahren bereit stellte – Verfahren, die durch die g0v-Bewegung entwickelt und etabliert wurden. Dies ermöglichte es Taiwan, bis Mitte Februar eine weit verbreitete Maskennutzung zu erreichen, obwohl die Maskenvorräte angesichts der fehlenden globalen Produktionsreaktion in diesem frühen Stadium extrem knapp blieben.
Ein weiterer kritischer Aspekt der taiwanesischen Reaktion war die rigorose Anwendung von Tests, der Nachverfolgung und der unterstützten Isolation zur Vermeidung einer Ausbreitung der Krankheit. Während die Nachverfolgung meist durch eher traditionelle Mittel erfolgte, war Taiwan einer der wenigen Orte, der die telefonbasierte soziale Distanzierungs- und Nachverfolgungssysteme erfolgreich etablieren konnte. Diese Maßnahmen waren notwendig für die effektive Pandemiebekämpfung. Dies lag wiederum größtenteils an der engen Zusammenarbeit, die PDIS zwischen Regierungsbeamten der Gesundheitsbehörden und Mitgliedern der g0v-Gemeinschaft ermöglichte. Diese waren tief besorgt über den Datenschutz, insbesondere angesichts des Fehlens eines unabhängigen Datenschutzregimes in Taiwan – ein Punkt, zu dem wir unten zurückkehren. In der Folge wurden Systeme entwickelt, die stark anonymisiert und dezentralisiert ausgestaltet wurden, so dass sie breite Akzeptanz erhielten.
Informationsintegrität
Doch vielleicht war der wichtigste digitale Beitrag zu Taiwans Pandemie-Reaktion die Fähigkeit, schnell und effektiv auf Fehlinformationen und gezielte Versuche zur Verbreitung von Desinformation zu reagieren. Diese “Superkraft” hat sich jedoch weit über die Pandemie hinaus erstreckt und war entscheidend für die erfolgreichen Wahlen, die Taiwan zu einer Zeit abhielt, als mangelnde Informationsintegrität viele andere Länder herausforderte.
Zentral für diese Bemühungen war wiederum das g0v-Projekt “Cofacts”, bei dem teilnehmende Bürger:innen schnell sowohl auf virale Social-Media-Inhalte als auch auf verdächtige Nachrichten reagieren konnten. Jemand, verunsichert durch eine fragwürdige Nachricht über WhatsApp/Telegram etc., schickt sie an Cofacts. Die Community überprüft dann öffentlich, ob es Fake News sind. Aktuelle Forschung zeigt, dass diese Systeme typischerweise schneller, ebenso genau und ansprechender auf Gerüchte reagieren können als professionelle Faktenchecker:innen, deren Kapazitäten viel stärker beschränkt sind.[2]
Die technische Kompetenz von Taiwans Zivilgesellschaft und dessen Unterstützung durch den öffentlichen Sektor haben auch auf andere Weise geholfen. Dies ermöglichte es Organisationen wie MyGoPen und privaten Unternehmen wie Gogolook, Chatbots für private Messaging-Dienste wie Line zu entwickeln, die mit öffentlicher Unterstützung schnell verbreitet wurden. Damit können Bürger:innen anonym schnelle Antworten auf möglicherweise irreführende Informationen erhalten. Die enge Zusammenarbeit von Regierungsvertreter:innen mit solchen zivilgesellschaftlichen Gruppen ermöglichte die Entwicklung von mutigen Strategien wie “Humor statt Gerüchte” (engl.: humor over rumor) und “schnell, unterhaltsam und fair” (engl.: fast, fun and fair). Als zum Beispiel während der Pandemie das Gerücht aufkam, dass durch die Massenproduktion von Masken ein Mangel an Toilettenpapier entstehen würde, verbreitete Taiwans Premier Su Tseng-chang bekanntermaßen ein Bild von sich, auf dem er mit seinem Hinterteil wackelte, um zu signalisieren, dass dieser nichts zu befürchten habe.
Zusammengefasst haben diese Strategien Taiwan dabei geholfen, die “Infodemie” ohne Zensur zu bekämpfen, genauso wie es die Pandemie ohne Lockdowns bekämpfte. Den Höhepunkt bildeten die Wahlen vom 13. Januar 2024: Selbst Chinas beispiellose KI-gestützte Einfluss-Kampagne konnte sie weder polarisieren noch nennenswert beeinflussen.
Andere Programme
Während dies einige der prominentesten Beispiele taiwanesischer digital-demokratischer Innovation sind, gibt es viele weitere Beispiele, für die uns der Platz für eine detaillierte Diskussion fehlt. Wir listen sie aber hier kurz auf:
- Ausrichtungsversammlungen: Taiwan ist Vorreiter, was die Beteiligung der Bürger:innen bei der Regulierung und Steuerung von KI-Basismodellen betrifft – ein Ansatz, der weltweit immer häufiger angewendet wird.
- Informationssicherheit: Taiwan ist weltweit führend bei zwei wichtigen Sicherheitsmaßnahmen: Erstens schützt es sich vor böswilligen Löschungen, indem Daten auf viele verschiedene Speicherorte verteilt werden. Zweitens sichert es Bürgerkonten mit “Zero Trust”-Prinzipien – dabei wird niemandem automatisch vertraut, alle müssen sich ständig neu beweisen.
- Gold cards: Taiwans “Gold-Card”-Programm bietet ungewöhnlich viele verschiedene Wege zur Daueraufenthaltsgenehmigung. Besonders bemerkenswert: Wer kostenlose Software entwickelt oder an gemeinnützigen digitalen Projekten arbeitet, kann ebenfalls eine Aufenthaltsgenehmigung bekommen – nicht nur Geschäftsleute oder Akademiker:innen.
- Transparenz: Taiwan baut die Datentransparenz der Regierung kontinuierlich aus. Ich, Audrey, ging dabei noch einen Schritt weiter: Ich veröffentlichte alle Aufzeichnungen und Transkripte meiner offiziellen Treffen ohne Urheberrechte.
- Bildung für digitale Kompetenz: Seit 2019 hat Taiwan einen 12-jährigen Schullehrplan vorangetrieben, der “Technik-, Informations- und Medienkompetenz” als Kernkompetenz verankert und Studierende dazu befähigt, aktive Mitgestalter:innen von Medien zu werden. Sie können Inhalte daher kompetent bewerten und sind nicht einfach passive Konsument:innen.
- Land und Sendefrequenzen: Taiwan nutzt die Ideen des Ökonomen Henry George für eine weltweit einzigartige Ressourcenpolitik: Durch spezielle Steuern wird sichergestellt, dass wertvolle Ressourcen wie Land und Funkfrequenzen nicht einfach gehortet, sondern tatsächlich genutzt werden. Wer sie nicht nutzt, kann zum Verkauf gezwungen werden (siehe dazu nachfolgende Kapitel).
- Netzwerk von Beauftragten für die Beteiligung: PDIS half dabei, ein Netzwerk von Beamt:innen verschiedener Abteilungen zu schaffen, die sich der Bürgerbeteiligung, der Zusammenarbeit zwischen Regierungsabteilungen und digitalem Feedback verpflichtet haben und als Unterstützer:innen und Vermittler:innen solcher Praktiken fungieren können.
- Breitbandzugang: Taiwan hat die weltweit höchsten Internetanschlussraten und wurde zwei Jahre in Folge als das Land mit dem schnellsten durchschnittlichen Internet der Welt anerkannt. 9 Offenes Parlament: Taiwan ist zu einem Vorreiter in der globalen Bewegung für das “Offene Parlament” geworden und experimentiert mit verschiedenen Ansätzen, parlamentarische Verfahren für die Öffentlichkeit transparent zu machen und sie probiert auch innovative Abstimmungsmethoden aus.
- Digitale Diplomatie: Basierend auf diesen Erfahrungen ist Taiwan zu einem führenden Berater und Mentor für Demokratien auf der ganzen Welt geworden, die sich ähnlichen Herausforderungen stellen und ähnliche Ambitionen haben: digitale Werkzeuge nutzen, um die Beteiligung und Widerstandsfähigkeit seiner Bürger:innen zu verbessern.
Schliesslich gewann diese Arbeit das Vertrauen der Öffentlichkeit und der Regierung. Im August 2022 schuf Taiwan ein Ministerium für Digitale Angelegenheiten, und ich, Audrey, bisher Ministerin ohne festes Ressort, wurde zur ersten Leiterin dieses neuen Ministeriums ernannt.
Ein Jahrzehnt der Erfolge
Während dies eine interessante Sammlung von Programmen ist, könnte man natürlich nach Belegen für deren Wirksamkeit fragen. Die kausalen Auswirkungen so vieler Projekte präzise zu verfolgen ist offensichtlich eine mühsame Aufgabe, die über unseren Rahmen hinausgeht. Aber zumindest erscheint es angebracht zu fragen, wie Taiwan insgesamt bei einer Reihe von Herausforderungen abgeschnitten hat, die den meisten liberalen Demokratien in den letzten Jahrzehnten so große Probleme bereitet haben. Wir betrachten jede dieser Kategorien der Reihe nach und müssen auch erwähnen, dass viele internationale Organisationen Taiwan nicht in ihre Vergleichsstudien aufnehmen, da Taiwans internationaler Status umstritten ist. Leider ist daher die Qualität der Analysen und Vergleiche nicht so gut, wie sie sein könnte.
Wirtschaft
Die wirtschaftliche Leistung Taiwans ist zwar nicht der wichtigste Aspekt, lässt sich aber leichter messen und bietet einen guten Ausgangspunkt für die weiteren Betrachtungen. Taiwan ist ein Land mit gehobenem mittlerem Einkommen, ähnlich wie große Teile Europas, mit einem Bruttoinlandsprodukt (BIP) pro Kopf von 34.000 Dollar im Jahr 2024 laut dem Internationalen Währungsfonds (IWF).[3] Allerdings sind die Preise in Taiwan im Durchschnitt viel niedriger als in fast jedem anderen reichen Land. Berücksichtigt man diese Kaufkraftunterschiede (Ökonomen sprechen von “Kaufkraftparität”), wird Taiwan zum zweitreichsten Land weltweit nach den USA – unter allen Ländern mit mehr als 10 Millionen Einwohnern. Darüber hinaus ist Taiwan, wie wir unten zeigen werden, viel gleichberechtigter als die USA. Taiwan hat vermutlich den höchsten durchschnittlichen Lebensstandard aller Länder vergleichbarer Größe. Taiwan sollte daher als eine der am weitesten entwickelten Volkswirtschaften der Welt betrachtet werden, nicht als Land mit mittlerem Einkommen.
Auch die Wirtschaftsstruktur Taiwans sticht hervor. Während perfekt vergleichbare Daten schwer zu bekommen sind, ist Taiwan mit ziemlicher Sicherheit die digital exportintensivste Volkswirtschaft der Welt, wobei Exporte von Elektronik sowie Informations- und Kommunikationsprodukten etwa 31% der Wirtschaft ausmachen, verglichen mit weniger als der Hälfte dieses Anteils bei anderen führenden Technologieexporteuren wie Israel und Südkorea.[4] Weltweit bekannt ist Taiwan vor allem für seine Tech-Industrie. Hier werden die meisten Halbleiter der Welt hergestellt, vor allem die fortschrittlichsten Chips. Auch große Smartphone-Produzenten wie Foxconn haben hier ihre Basis.
Taiwan ist unter den reichen Ländern auch ungewöhnlich in seiner relativ niedrigen Steuerquote: Laut der Asiatischen Entwicklungsbank wurden nur 11% des BIP als Steuern erhoben, während der OECD-Durchschnitt bei 34% liegt.[5] Passend dazu belegte Taiwan Platz 4 weltweit im Wirtschaftsfreiheitsindex der Heritage Foundation.[6]
Vor diesem Hintergrund stechen mehrere Merkmale von Taiwans wirtschaftlicher Leistung im letzten Jahrzehnt hervor.
- Wachstum: Taiwan verzeichnete im letzten Jahrzehnt ein durchschnittliches reales BIP-Wachstum von 3%, verglichen mit weniger als 2% für die OECD, etwas über 2% für die USA und 2,7% weltweit.[7]
- Arbeitslosigkeit: Taiwan hatte im letzten Jahrzehnt eine stetig durchschnittliche Arbeitslosenquote von knapp unter 4%, verglichen mit einem OECD-Durchschnitt von 6%, einem US-Durchschnitt von 5% und einem weltweiten Durchschnitt von etwa 6%.
- Inflation: Während die Inflation weltweit, einschließlich in fast allen reichen Ländern, sprunghaft angestiegen und wild schwankend war, ist Taiwans Inflationsrate im letzten Jahrzehnt relativ stabil in der Spanne von 0 - 2% geblieben und lag laut IWF im Durchschnitt bei 1,3%.
- Ungleichheit: Bei der Messung von Einkommensungleichheit gibt es verschiedene Methoden, die zu unterschiedlichen Ergebnissen führen. Die traditionelle Methode in Taiwan zeigt über Familieneinkommens-Erhebungen einen Gini-Index von etwa 0,28 - das bedeutet relativ geringe Ungleichheit, vergleichbar mit Österreich und viel niedriger als die USA (0,4). Mit neueren Methoden verwenden andere Forscher (wie die bekannten Ökonomen Piketty und Saez) Steuerdaten und kommen zu anderen Ergebnissen. Danach besitzt das reichste 1% in Taiwan 19% aller Einkommen – weniger als in den USA (21%), aber mehr als in Frankreich (13%). Diese neueren Methoden haben jedoch ein Problem: In Ländern mit niedrigen Steuern (wie Taiwan) können reiche Menschen ihre Einkommen leichter vor dem Fiskus verstecken, was die Ungleichheit künstlich höher erscheinen lässt, als sie wirklich ist. Positiv ist, dass selbst nach den kritischeren Messungen die Ungleichheit in Taiwan im letzten Jahrzehnt gesunken ist, während sie in den USA und Frankreich gestiegen ist.[8] Taiwan ist daher wahrscheinlich ausgeglichener, als die neuen Messungen vermuten lassen, weil diese bei niedrigen Steuersystemen zu Verzerrungen neigen.[9]
Das Gesamtbild ist bemerkenswert: Taiwans Wirtschaft ist stark und sozial ausgewogen geblieben – und das trotz enormem Wohlstand und extremer Technologieorientierung. Dabei machen Ökonomen normalerweise die Technologie für viele wirtschaftliche Probleme verantwortlich: langsames Wachstum, Arbeitslosigkeit, steigende Ungleichheit. Doch in der technologieintensivsten Wirtschaft der Welt trifft das offenbar nicht zu.
Soziales
International vergleichbare soziale Indikatoren sind für Taiwan noch schwieriger zu erheben als wirtschaftliche, da das Land von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) ausgeschlossen ist. Dennoch konnten wir annähernd vergleichbare Daten zu zwei häufig zitierten sozialen Indikatoren finden: Einsamkeit und selbst berichtete Technologiesucht. Die Einsamkeit unter älteren Erwachsenen über 65 liegt in Taiwan bei etwa 10 %. Damit erreicht Taiwan das Niveau nordeuropäischer Länder – der weltweit niedrigsten Werte. In Nordamerika sind es etwa 20 %, in der Volksrepublik China sogar über 30 %.[10] Ein weiterer Vergleich sind die selbst berichteten Handysucht-Raten, die in Taiwan relativ hoch sind (etwa 28%), aber viel niedriger als in den USA (58%).[11] Der Kontrast beim Drogengebrauch ist besonders stark: Die Zahl der Amerikaner:innen, die monatlich illegale Drogen nehmen, ist zehnmal höher als die Zahl der Taiwaner:innen, die jemals illegale Drogen probiert haben.[12]
Taiwan hat auch eine unter reichen Ländern einzigartige Religionslandschaft. Fast alle anderen wohlhabenden Länder werden von einer dominanten Religion geprägt – in den USA etwa vom Christentum. Zugleich erleben sie seit Jahrzehnten einen dramatischen Rückgang, was die Zugehörigkeit und Teilnahme betrifft.[13] Taiwan ist anders. Hier verteilen sich die Menschen etwa gleichmäßig auf fünf Gruppen: Volksreligion, Taoismus, Buddhismus, westliche und Minderheitsreligionen – sowie Konfessionslose.[14] Jede Gruppe macht etwa ein Fünftel der Bevölkerung aus. Zwar gab es Verschiebungen zwischen diesen Gruppen, doch der Anteil der Nicht-Gläubigen oder Nicht-Praktizierenden ist in Taiwan über die Jahrzehnte kaum gestiegen.[15]
Politik
International wird Taiwan für die Stärke seiner Demokratie gelobt – und dafür, wie sie sich gegen digitale Desinformation zu wehren vermag. Verschiedene Indizes, die von Organisationen wie Freedom House[16], der Economist Intelligence Unit[17], der Bertelsmann Stiftung und V-Dem veröffentlicht werden, stufen Taiwan durchweg als eine der freiesten und effektivsten Demokratien der Welt ein.[18] Während Taiwans genaue Platzierung in diesen Indizes variiert (von Platz eins bis zu den besten 15%), sticht es fast immer als stärkste Demokratie Asiens und als stärkste Demokratie hervor, die jünger als 30 Jahre ist. Betrachtet man auch die post-sowjetischen Demokratien, die kurz vor Taiwan entstanden sind, so haben diese fast alle deutlich weniger Einwohner:innen – meist sind sie um ein Vielfaches kleiner. Taiwan gilt somit mindestens als Asiens stärkste Demokratie und als stärkste junge Demokratie in dieser Größenordnung, und von vielen sogar als die absolut stärkste der Welt. Darüber hinaus ist die Demokratie laut diesen Indizes in den letzten zehn Jahren in jeder Weltregion zurückgegangen – Taiwans demokratische Werte hingegen sind erheblich gestiegen.
Taiwan überzeugt aber nicht nur durch seine demokratische Stärke, sondern auch durch seine Widerstandsfähigkeit gegen Polarisierung und Angriffe auf die Informationsintegrität, also die Qualität und Vertrauenswürdigkeit öffentlicher Informationen. Verschiedene Studien mit unterschiedlichen Methoden haben ergeben, dass Taiwan zu den am wenigsten politisch, sozial und religiös polarisierten Industrieländern der Welt gehört, wobei einige seit der Sonnenblumen-Bewegung einen leichten Aufwärtstrend bei der politischen Polarisierung festgestellt haben.[19] Dies gilt besonders für die affektive Polarisierung – das Hegen negativer oder feindseliger persönlicher Einstellungen gegenüber politischen Gegner:innen. Dabei gehört Taiwan durchweg zu den fünf am wenigsten affektiv polarisierten Ländern.[20]
Dies ist umso bemerkenswerter, als Analysen durchweg zeigen, dass Taiwan nachweislich mehr Desinformation ausgesetzt ist als jedes andere Land der Welt.[21] Ein Grund für dieses paradoxe Ergebnis könnte die Erkenntnis der Politikwissenschaftler Bauer und Wilson sein, dass ausländische Manipulation in Taiwan – anders als in vielen anderen Kontexten – nicht dazu führt, politische Spaltungen zu verschärfen. Stattdessen neigt sie dazu, eine einheitliche Haltung der Taiwaner:innen gegen externe Einmischung zu stärken.[22]
Rechtliches
Taiwan wird durchweg als eines der fünf sichersten Länder der Welt eingestuft und ist mit großem Abstand die sicherste Demokratie der Welt mit mehr als 100.000 Einwohner:innen.[23] Als ich (Glen) zum ersten Mal nach Taiwan reiste, machte es mich sehr nervös, meine Kostenerstattung für den Flug in einem großen Umschlag voller Bargeld zu erhalten – was die meisten Taiwaner:innen angesichts der extremen Sicherheit völlig entspannt mit sich herumtragen. Darüber hinaus geht die Kriminalität in Taiwan weiterhin stetig zurück, während Länder wie die USA dramatische Anstiege besonders bei Gewaltverbrechen verzeichnet haben.[24] Es ist jedoch erwähnenswert, dass Taiwan dies historisch mit einer relativ starken Polizeipräsenz erreicht hat (etwas höher als in den USA) und einer Inhaftierungsrate, die zwar weit unter der der USA liegt, aber nach globalen Maßstäben hoch ist.
Taiwans rechtlich-politisches System hat sich auch dadurch ausgezeichnet, dass es langanhaltende gesellschaftliche Konflikte unter Einbeziehung aller Beteiligten löst. 2017 entschied das Verfassungsgericht, dass die Regierung innerhalb von zwei Jahren ein Gesetz zur Legalisierung der gleichgeschlechtlichen Ehe verabschieden müsse. Nachdem ein Referendum über einen direkten Vorschlag zur gleichgeschlechtlichen Ehe 2018 gescheitert war, fand die Regierung einen kreativen Weg, den Interessen aller Seiten gerecht zu werden. Viele Kritiker:innen befürchteten, dass sie wegen der traditionellen Rolle der Großfamilie bei Hochzeiten zu einer Beteiligung gedrängt werden könnten, obwohl sie dagegen waren. Gleichzeitig wollten die meisten jungen Paare ohnehin eine privatere, partnerschaftsorientierte Ehe ohne große Familieneinbindung. Die Regierung fand eine Lösung: Sie verabschiedete ein Gesetz, bei dem Verwandte nicht in den Prozess der gleichgeschlechtlichen Eheschließung einbezogen werden mussten.
Existenzielles
Echte Krisen ereignen sich selten und sind schwer vorhersagbar. Daher lässt sich nur schwer einschätzen, wie gut Taiwan eine Krise vermeiden oder bewältigen könnte. Der beste Anhaltspunkt ist jedoch ein Notfall, der tatsächlich eingetreten ist: die Covid-19-Pandemie. Wie bereits erwähnt, galt Taiwan während dieser Zeit als eines der erfolgreichsten Länder weltweit – hier erläutern wir die quantitativen Gründe für diese Einschätzung.
Taiwans außergewöhnlicher Erfolg, der international so viel Anerkennung brachte, zeigte sich in der kritischen Anfangsphase der Pandemie. In dieser Zeit befand sich ein Großteil der Welt in wiederkehrenden Lockdowns, bevor Impfstoffe verfügbar waren. Diese “Krisen”-Phase der Pandemie können wir als beendet betrachten, als Impfstoffe breit verfügbar wurden – in den USA etwa ab Frühjahr 2021, global gesehen erst 2022. Vom Beginn der Pandemie bis zu diesem Zeitpunkt verzeichnete Taiwan nur 12 Todesfälle durch COVID-19 und hatte damit die mit Abstand niedrigste Todesrate aller Länder mit verlässlichen Statistiken. Noch bemerkenswerter: Taiwan erreichte dies ganz ohne Lockdowns und erzielte 2020 nach Irland das schnellste Wirtschaftswachstum aller reichen Länder. Darüber hinaus stuft die Crowdsourcing-Datenbank Numbeo Taiwans Gesundheitssystem seit fast einem Jahrzehnt als das weltweit effizienteste ein. Die Lebenserwartung in Taiwan gehört ebenfalls zu den höchsten der Welt.[25]
Es ist jedoch wichtig zu erwähnen, dass Taiwan in der “Post-Krisen”-Phase nach Mitte 2021 deutlich weniger beeindruckend abschnitt. In dieser Phase waren die Verfügbarkeit und die Verabreichung des Impfstoffs die entscheidenden Faktoren. Probleme bei der heimischen Impfstoffproduktion und -verteilung führten in den folgenden Jahren zu erheblichen Verlusten an Menschenleben. Taiwan behielt zwar eine der niedrigsten Todesraten und die beste Wirtschaftsleistung unter den größeren wohlhabenden Ländern bei, doch die außergewöhnliche Führungsrolle zu Beginn der Pandemie konnte nicht vollständig aufrechterhalten werden. Dies könnte darauf hindeuten, dass der durch Krisen (wie die Sonnenblumen-Bewegung und die Pandemie) geförderte Zusammenhalt und das bürgerschaftliche Engagement Taiwan ermöglichen, effektiver als jedes andere Land der Welt zu reagieren. Gleichzeitig zeigt es aber auch, dass zusätzliche Sorgfalt und Aufmerksamkeit nötig sind, um sicherzustellen, dass diese Bemühungen institutionalisiert und nachhaltig werden – eine wichtige Richtung für die Zukunft, die wir weiter unten ausführlicher diskutieren.
Eine weitere schleichende Krise, die diese Herausforderung veranschaulichen könnte, ist der Klimawandel. Taiwan hat wie viele andere Länder das Ziel der Klimaneutralität bis 2050 gesetzlich verankert und wurde für seine Pläne zur Erreichung dieses Ziels gelobt, doch die bisherigen Fortschritte waren bescheiden.[26] Generell hat Taiwan zwar eine solide, aber nicht herausragende Bilanz beim Umweltschutz.[27]
Dennoch zeigt Taiwan ungewöhnlich hohe Partizipations- und Vertrauensraten in seine Institutionen, insbesondere in seine Demokratie. Die Wahlbeteiligung gehört zu den höchsten der Welt – abgesehen von Ländern mit Wahlpflicht.[28] 91% betrachten die Demokratie als mindestens “ziemlich gut”, ein deutlicher Kontrast zu den dramatischen Rückgängen der Demokratieunterstützung in den letzten Jahren, selbst in vielen etablierten Demokratien.[29]
Kurz gesagt: Taiwan verdient einen führenden Platz unter den globalen Vorbildern, der ihm viel zu selten zugestanden wird – trotz seiner Schwächen, wie sie jedes Land hat. Im Westen schwärmt die politische Linke regelmäßig von skandinavischen Ländern, während die Rechte Singapur lobt. Diese Länder bieten alle wichtige Lektionen und haben tatsächlich viele Gemeinsamkeiten mit Taiwan, doch nur wenige Orte können eine so große Bandbreite an Lösungsansätzen für die heutigen, großen Herausforderungen vorweisen und dabei so unterschiedliche Gruppen ansprechen. Taiwan verbindet wirtschaftliche Freiheit mit starker Bürgerbeteiligung. Das macht es für alle westlichen politischen Richtungen interessant – und zum besten Beispiel dafür, wie Demokratie sich selbst erneuern kann. Dies ist umso bemerkenswerter angesichts Taiwans Ausgangslage: ohne reiche Bodenschätze oder strategische Lage, in einem fragilen geopolitischen Umfeld, mit einer kulturell heterogenen Bevölkerung, erst vor wenigen Jahrzehnten demokratisiert und in weniger als einem Jahrhundert aus bitterer Armut aufgestiegen.
Die genauen Zusammenhänge zwischen Taiwans bemerkenswerten digitalen demokratischen Praktiken und seinen vielfältigen Erfolgen bei der Lösung aktueller komplexer Probleme zu verstehen, wird zweifellos Jahrzehnte brauchen. Doch angesichts dieser beeindruckenden Bilanz ist es wichtig, schon jetzt die dahinterliegende Philosophie zu durchdringen – so wie es andere für Skandinavien und Singapur getan haben. Genau darum geht es im Rest dieses Buches: Welche Prinzipien aus Taiwans digitaler Demokratie lassen sich auf andere Länder übertragen?
g0v Manifesto Das MoeDict definiert es als “eine überparteiliche, gemeinnützige, zivilgesellschaftliche Bewegung”. Moe-Dict, ein frühes g0v-Projekt, wurde von mir Audrey geleitet… ↩︎
Andy Zhao and Mor Naaman, “Insights from a Comparative Study on the Variety, Velocity, Veracity, and Viability of Crowdsourced and Professional Fact-Checking Services”, Journal of Online Trust and Safety 2, no. 1. https://doi.org/10.54501/jots.v2i1.118. ↩︎
“BIP pro Kopf, aktuelle Preise”, Internationaler Währungsfonds, o.J., https://www.imf.org/external/datamapper/NGDPDPC@WEO/ADVEC/WEOWORLD/TWN/CHN. ↩︎
“Exporte,” Trading Economics, n.d., https://tradingeconomics.com/country-list/exports. ↩︎
“Datenbank der Schlüsselindikatoren", Asiatische Entwicklungsbank, o.J., https://kidb.adb.org/economies/taipeichina; “Steuerstatistik 2015 - die Vereinigten Staaten”, OECD, 2015, https://www.oecd.org/tax/revenue-statistics-united-states.pdf. ↩︎
“Index of Economic Freedom.” The Heritage Foundation, 2023. https://www.heritage.org/index/. ↩︎
“BIP-Wachstum (jährlich %)", Weltbank, 2023. https://data.worldbank.org/indicator/ny.gdp.mktp.kd.zg; “BIP pro Kopf, aktuelle Preise”, Internationaler Währungsfonds, o.J., https://www.imf.org/external/datamapper/NGDPDPC@WEO/ADVEC/WEOWORLD/TWN/CHN. ↩︎
Gerald Auten, and David Splinter, “Income Inequality in the United States: Using Tax Data to Measure Long-Term Trends,” Journal of Political Economy, November 14, 2023. https://doi.org/10.1086/728741. ↩︎
Die interessanteste Statistik, über die wir berichten möchten, ist der Anteil der Arbeit am Einkommen und dessen Entwicklung in Taiwan. Allerdings gibt es nach unserem Kenntnisstand keine überzeugende und international vergleichbare Studie dazu. Wir hoffen, dass es bald mehr Forschung zu diesem Thema geben wird. ↩︎
S. Schroyen, N. Janssen, L. A. Duffner, M. Veenstra, E. Pyrovolaki, E. Salmon, and S. Adam, “Prevalence of Loneliness in Older Adults: A Scoping Review.” Health & Social Care in the Community 2023 (September 14, 2023): e7726692. https://doi.org/10.1155/2023/7726692. ↩︎
"Mehr als die Hälfte der Jugendlichen gibt Telefonsucht zu.” Taipei Times, February 4, 2020. https://www.taipeitimes.com/News/biz/archives/2020/02/04/2003730302; "Studie findet, dass fast 57 % der Amerikaner zugeben, von ihren Telefonen abhängig zu sein - CBS Pittsburgh.” CBS News, August 30, 2023. https://www.cbsnews.com/pittsburgh/news/study-finds-nearly-57-of-americans-admit-to-being-addicted-to-their-phones/. ↩︎
“NCDAS: Substanzmissbrauch und Suchtstatistiken [2020],” National Center for Drug Abuse Statistics, 2020, https://drugabusestatistics.org/; Ling-Yi Feng, and Jih-Heng Li, “New Psychoactive Substances in Taiwan,” Current Opinion in Psychiatry 33, no. 4 (March 2020): 1, https://doi.org/10.1097/yco.0000000000000604. ↩︎
Ronald Inglehart, “Giving up on God: The Global Decline of Religion,” Foreign Affairs 99 (2020): 110. https://heinonline.org/HOL/LandingPage?handle=hein.journals/fora99&div=123&id=&page=. ↩︎
“2022 Report on International Religious Freedom: Taiwan,” American Institute in Taiwan, June 8, 2023, https://www.ait.org.tw/2022-report-on-international-religious-freedom-taiwan/#:~:text=According to a survey by. ↩︎
“Religion in Taiwan”, Wikipedia, Wikimedia Foundation, January 12, 2020. https://en.wikipedia.org/wiki/Religion_in_Taiwan. ↩︎
“Freedom in the World”. Freedom House, 2023, https://freedomhouse.org/report/freedom-world. ↩︎
“Democracy Index 2023,” Economist Intelligence Unit, n.d., https://www.eiu.com/n/campaigns/democracy-index-2023. ↩︎
“Democracy Indices,” Wikipedia, Wikimedia Foundation, March 5, 2024. https://en.wikipedia.org/wiki/Democracy_indices#:~:text=Democracy indices are quantitative and… ↩︎
Laura Silver, Janell Fetterolf, and Aidan Connaughton, “Diversity and Division in Advanced Economies,” Pew Research Center, October 13, 2021, https://www.pewresearch.org/global/2021/10/13/diversity-and-division-in-advanced-economies/.; ↩︎
Andres Reiljan, Diego Garzia, Frederico Ferreira da Silva, and Alexander H. Trechsel. “Patterns of Affective Polarization toward Parties and Leaders across the Democratic World.” American Political Science Review 118, no. 2 (2024): 654–70. https://doi.org/10.1017/S0003055423000485. ↩︎
Adrian Rauchfleisch, Tzu-Hsuan Tseng, Jo-Ju Kao, and Yi-Ting Liu, “Taiwan’s Public Discourse about Disinformation: The Role of Journalism, Academia, and Politics,” Journalism Practice 17, no. 10 (August 18, 2022): 1–21, https://doi.org/10.1080/17512786.2022.2110928. ↩︎
Fin Bauer, and Kimberly Wilson, “Reactions to China-Linked Fake News: Experimental Evidence from Taiwan,” The China Quarterly 249 (March 2022): 1–26. https://doi.org/10.1017/S030574102100134X. ↩︎
"Kriminalitätsindex nach Ländern”, Numbeo, 2023, https://www.numbeo.com/crime/rankings_by_country.jsp. ↩︎
“Taiwan: Kriminalitätsrate”, Statista, o.J., https://www.statista.com/statistics/319861/taiwan-crime-rate/#:~:text=In 2022%2C around 1%2C139 crimes. ↩︎
https://www.numbeo.com/health-care/rankings_by_country.jsp ↩︎
“Net Zero Tracker,” Energy & Climate Intelligence Unit, 2023. https://eciu.net/netzerotracker. ↩︎
“Ergebnisse des Umweltleistungsindex 2022”, Environmental Performance Index, 2022, https://epi.yale.edu/epi-results/2022/component/epi. ↩︎
Drew DeSilver, “Wahlbeteiligung in den USA ist in letzten Wahlen stark gestiegen, liegt aber nach einigen Maßstäben immer noch hinter der vieler anderer Länder”, Pew Research Center, 1. November 2022. https://www.pewresearch.org/short-reads/2022/11/01/turnout-in-u-s-has-soared-in-recent-elections-but-by-some-measures-still-trails-that-of-many-other-countries/. ↩︎
Taiwan Länderbericht", BTI Transformationsindex, o.J., https://bti-project.org/en/reports/country-report/TWN. ↩︎