Demokratie · 5-2
Allumfassende geteilte Realität
„Steh auf und schau in den Spiegel“ – dieser zunächst harmlose, aber allmählich bedrohlicher werdende Refrain hallt durch Courtney Cogburns “1000 Cut Journey".[1] Es sind einfache Worte, die die Besuchenden dieser immersiven Realität dazu einladen, das Leben durch die Augen, Ohren und den Körper von Michael Sterling, einem schwarzen Mann, zu erleben. Kleine Momente beiläufigen Rassismus’ steigern sich zu einem Crescendo der Hoffnungslosigkeit und lösen ein allgegenwärtiges Gefühl der Hilflosigkeit aus. Wahrnehmung oder Realität? Es kommt darauf an, in wessen Schuhen man geht. Manche ziehen ihre Schuhe vielleicht aus, sobald sie die VR-Brille abnehmen, aber für Michael Sterling gibt es nichts, was er (oder nun sie) tun könnte, um die Spuren der direkten Erfahrung zu löschen.
In „Becoming Homeless“ sehen Sie sich in Ihrer bereits kahlen Wohnung um, um zu entscheiden, welche Besitztümer Sie als Nächstes verkaufen möchten.[2] Sie verlieren ihr Zuhause, also spielt es keine Rolle mehr, und Sie wählen einfach etwas aus. Ab dem Moment der tatsächlichen Obdachlosigkeit beschleunigt sich die Abwärtsspirale. Sie verlieren Ihre Würde, Ihre physische Sicherheit und Ihre Gesundheit in schneller Folge. Keine Hoffnungen und Träume mehr, Gedanken und Gebete können Ihnen jetzt nicht mehr helfen. Der neue Alltag verkürzt die Lebenserwartung um 25 Jahre, schneller, als der „Wolf of Wall Street" Jordan Belfort eine Flasche Champagner entkorken könnte. „Viel Glück!“, „Arbeite hart!“ und – leider – „Ich liebe dich!“ sind jetzt nur noch Worte, die Sie vielleicht vor langer Zeit gehört haben, gesprochen zu einer Person, an die Sie sich kaum noch erinnern können.
Immersive Shared-Reality-Technologien schlagen ein neues Kapitel in der menschlichen Interaktion auf, indem sie modernste Virtual-Reality- (VR), Augmented-Reality- (AR) und Mixed-Reality-Systeme (MR) nutzen. Im Gegensatz zum zutiefst persönlichen und sensorisch reichen Austausch der postsymbolischen Kommunikation bietet die geteilte immersive Realität eine breitere Leinwand für die menschliche Interaktion und ermöglicht es den Menschen, gemeinsame, multisensorische Erfahrungen zu machen. Dieses Kapitel befasst sich mit der Landschaft der immersiven Technologien, den heutigen Anwendungen, dem Potenzial von morgen und den Grenzen des Machbaren. Es zeigt, wie immersive Technologien gemeinsame Erfahrungen ermöglichen können, die physische und virtuelle Realität miteinander verbinden und die menschliche Erfahrung durch Interaktionen ergänzen und erweitern, wodurch physische, räumliche und soziale Grenzen überwunden werden. Die immersive geteilte Reality (ISR) schafft Räume, in denen Gemeinschaften zusammenkommen können, um Kontakte zu knüpfen, zu spielen, sich zu unterhalten und vieles mehr. Dabei entstehen Verbindungen, die zwar weniger intensiv sind als post-symbolische Kommunikation, aber dennoch bedeutungsvoll und emotional ansprechend. Von Virtual-Reality-Treffen, die Menschen auf der ganzen Welt zusammenbringen, bis hin zu Online-Gaming-Events und virtuellen Musikfestivals erweitern diese digitalen Arenen den Möglichkeitsraum gemeinsamer menschlicher Erfahrungen.
In naher Zukunft werden ISR-Technologien voraussichtlich rasant wachsen. Der technologische Fortschritt wird die sensorische Integration dieser virtuellen Erfahrungen vertiefen und über das Sehen und Hören hinausgehen – sie wird auch Berührung, Geruch und sogar Geschmack umfassen. Diese Zukunft, die von hybriden Realitätsumgebungen und emotionaler Verbundenheit geprägt ist, läutet eine neue Ära der menschlichen Interaktion ein, in der digitale Räume die Realität nicht nur simulieren, sondern verbessern, indem sie Barrieren überbrücken und ein breiteres Verständnis fördern. ISR birgt jedoch auch Gefahren. Von der zunehmenden Überwachung bis hin zur Flucht in die virtuelle Realität erfordern diese Herausforderungen eine sorgfältige Abwägung, um sicherzustellen, dass unsere digitale Zukunft den Reichtum menschlicher Erfahrungen erweitert und nicht verschleiert.
Co-Präsenz heute
Im Laufe der Geschichte gehörte multisensorische Co-Präsenz zu den bedeutungsvollsten menschlichen Erfahrungen. Religiöse Zeremonien sprechen oft viele Sinne in großen Gruppen an. Clubs und Partys gehören aufgrund ihrer multisensorischen Wirkung zu den beliebtesten Unterhaltungserlebnissen. Politische Kundgebungen, Gruppenversammlungen (sei es in Schulen oder bei Konzerten), gemeinsame Ausflüge (wie Wandern, Sport etc.) sprechen alle eine Reihe von Sinnen an.
In den letzten Jahren hat die Technologie zunehmend eine Rolle bei der Ermöglichung einer solchen Co-Präsenz gespielt, insbesondere über große Entfernungen hinweg. ISR bezieht sich auf eine Technologie, die eine gemeinsame virtuelle Umgebung schafft, in der Nutzende in Echtzeit interagieren können. Diese Art von „Realität“ kann als Teilmenge der vermittelten Realität betrachtet werden, wie in Abbildung A dargestellt. Vermittelte oder geteilte Realität (Shared Reality) ist ein umfassenderer Begriff, der verschiedene Technologien umfasst, die unsere Wahrnehmung der Realität beeinflussen – einschließlich der virtuellen (virtual), erweiterten (augmented) und gemischten (mixed) Realität (auch bekannt als VR, AR, MR).
ISR kann auf viele menschliche Interaktionen angewendet werden. Einige der häufigsten Anwendungen sind Sozialisierung, Gaming, Unterhaltung, Sport und Fitness:
- VR-Treffen: Diese digitalen Räume ermöglichen es Menschen aus der ganzen Welt, in einer gemeinsamen virtuellen Umgebung zu interagieren. Hier repräsentieren Avatare die Teilnehmenden und ermöglichen ausdrucksstarke Bewegungen und Interaktionen, die über die verbale Kommunikation hinausgehen. Diese virtuellen Treffen können von gemeinsamen Arbeitstreffen bis hin zu gesellschaftlichen Veranstaltungen reichen, bei denen das Gefühl der Anwesenheit durch die immersive 3D-Umgebung verstärkt wird. Die Teilnehmenden erleben ein Gefühl der Zusammengehörigkeit und Gemeinschaft, wodurch Verbindungen entstehen, die zwar nicht so intensiv sind wie physische Interaktionen, aber dennoch bedeutungsvoll und emotional ansprechend.
- Massen-Online-Gaming: Online-Multiplayer-Spiele schaffen ausgedehnte Welten, in denen die Spielenden zusammenarbeiten, gegeneinander antreten und gemeinsam Strategien entwickeln. Die Kommunikation ist eine Mischung aus Gesten im Spiel, strategischer Planung und schneller Entscheidungsfindung, oft unter Zeitdruck. Diese Umgebung fördert eine Form von Partnerschaft und kollektiver Intelligenz, da die Spielenden sich auf die Spielstile und Taktiken der anderen einstellen und auf gemeinsame Ziele hinarbeiten.
- Online-Gottesdienste: Im digitalen Zeitalter haben sich religiöse Versammlungen auf Online-Plattformen ausgeweitet, sodass Gemeinden aus der Ferne an Gottesdiensten und Ritualen teilnehmen können. Diese Form des gemeinschaftlichen Gottesdienstes bietet zwar nicht die physische Nähe traditioneller Gottesdienste, vermittelt aber dennoch ein Gefühl des gemeinsamen Glaubens und vereint die Teilnehmenden in einer geteilten religiösen Erfahrung.
- Virtuelle Musikfestivals und Partys: Mit dem Aufkommen der Streaming-Technologie haben Musikfestivals und Partys in der virtuellen Welt eine neue Heimat gefunden, und zwar in einer Reihe von Medien, von der Oper im Kino bis hin zu VR-Konzerten und Musikfestivalerlebnissen. Virtuelle Elemente sind sogar für die beliebtesten Musikveranstaltungsorte, die nur mit persönlicher Anwesenheit besucht werden können, immer wichtiger geworden, was zu massiven Investitionen führt, die digitale und physische Erfahrungen immer enger miteinander verbinden.
- E-Sport-Turniere: E-Sport hat enorm an Popularität gewonnen, wobei Zuschauende und Spielende an hochkompetitiven Spielen auf professionellem Niveau teilnehmen. Diese Veranstaltungen, die oft für ein großes Publikum gestreamt werden, schaffen ein gemeinsames Gefühl der Begeisterung und Verbundenheit unter den Fans.
- Fitnesskurse aus der Ferne: Der Aufstieg des Online-Fitness, insbesondere während der Pandemie, hat Menschen auf der Suche nach Gesundheit und Wohlbefinden zusammengebracht. Die Teilnehmenden nehmen von zu Hause aus an synchronisierten Workouts, Yoga-Sitzungen oder Tanzkursen teil und teilen ein gemeinsames Ziel und ein Gefühl der Gruppenmotivation.
- Virtueller Tourismus: Reisende können abgelegene Orte erleben, durch historische Städte spazieren oder fremde Landschaften bequem von zu Hause aus besuchen. Diese Technologie ermöglicht es ihnen, virtuell durch historische Städte zu spazieren, Naturwunder zu bestaunen und in fremde Landschaften einzutauchen.
- Immersive künstlerische Erlebnisse: Mit dem Aufkommen von gemeinsamen Erfahrungen aus der Ferne hat sich ein neues Genre der immersiven Kunst entwickelt, das an der Schnittstelle von Live-Unterhaltung und Museen immer beliebter wird. Die Teilnehmenden erforschen gemeinsam Rätsel, lösen Escape-Puzzles, leben in der Welt eines Künstlers, der die Welt mit anderen Augen sah, oder umgeben sich mit Welten neuartiger taktiler und visueller Empfindungen, die sie zu einem neuen gemeinsamen Verständnis des Möglichen führen.
Immersive Shared Reality von morgen
Die ISR-Technologie verbindet Menschen, um in bisher ungekanntem Umfang und über soziale Distanzen hinweg gemeinsam zu lernen und Empathie zu entwickeln, wie in unserem Eröffnungsbeispiel hervorgehoben wurde. Die Zukunft der ISR verspricht, entfernte oder imaginäre Erfahrungen greifbar und real werden zu lassen und die Nutzenden in eine synthetische Welt zu versetzen, die mehrere Sinne gleichzeitig simuliert. Während der traditionelle Fokus auf Bild und Ton lag, versprechen neue Sensoren und Aktoren (Ausgabegeräte) eine tiefere Integration von Berührung, Geruch und sogar Geschmack. Haptische Feedback-Systeme werden die Feinheiten des physischen Kontakts nachbilden. Die Geruchstechnologie wird es ermöglichen, Düfte und Gerüche in VR-Erlebnisse in den Bereichen Storytelling, Bildung und sogar Einzelhandel zu integrieren. Das „Geschmacks-Retargeting“ wird virtuelle kulinarische Erlebnisse durch die Veränderung der Geschmackswahrnehmung durch die Zuführung chemischer Substanzen in den Mund ermöglichen.[3] Hier sind einige geplante Fortschritte und neuartige Beispiele, die das Konzept der ISR in neue Dimensionen erweitern:
- Hybrid-Reality-Umgebungen: Durch die kombinierte Nutzung von Augmented Reality (AR) und Virtual Reality (VR) verschmelzen in diesen Umgebungen physische und digitale Elemente nahtlos. Stellen Sie sich vor, Sie nehmen an einer Konferenz teil, bei der Teilnehmende aus der Ferne als Hologramme in voller Größe erscheinen und in Echtzeit mit physischen Objekten und anderen Teilnehmenden interagieren können – eine Technik, die ich (Audrey) häufig für Fernauftritte verwende. Dadurch verschwimmt die Grenze zwischen physischer und digitaler Anwesenheit.
- Emotionale Verbundenheit: Neue Technologien zielen darauf ab, nuancierte menschliche Emotionen und körperliche Empfindungen durch VR zu übertragen, indem sie fortschrittliches haptisches Feedback, biometrische Sensoren und emotionale generative Basis-Modelle verwenden. Dies könnte es den Nutzenden ermöglichen, die Wärme eines Händedrucks, den Druck einer Umarmung oder sogar die Feinheiten des emotionalen Ausdrucks, der durch einen virtuellen Avatar vermittelt wird, zu spüren. Dadurch werden die Verbindungen und das Einfühlungsvermögen zwischen den Teilnehmenden vertieft und Menschen mit Seh- oder Hörbehinderungen erhalten die Möglichkeit, sich über andere Sinne zu beteiligen.
- Massive Multi-User Online-Laboratorien (MMOLs): Forschende können gemeinsam Experimente in einem geteilten virtuellen Labor durchführen. MMOLs könnten die Zusammenarbeit in Echtzeit bei wissenschaftlicher Forschung und Bildung auf der ganzen Welt erleichtern, indem sie Zugangsbarrieren abbauen und eine Form der immersiven, kollektiven Entdeckung ermöglichen.
- Digitale Bürgerräume: Digitale Nachbildungen von Bürgerzentren, Rathäusern und Gemeinschaftsräumen, in denen sich Menschen versammeln können, um zu diskutieren, zu debattieren und Entscheidungen über ihre Gemeinden zu treffen. Diese Räume würden eine inklusivere und zugänglichere Form des bürgerschaftlichen Engagements ermöglichen und es den Teilnehmenden ermöglichen, sich von überall auf der Welt an lokalen Regierungs- oder Planungsprozessen zu beteiligen. Diese digitalen Räume können unsere gewohnten Verhaltensweisen aus der physischen Welt viel besser aufgreifen als heutige Online-Plattformen und dadurch das Entstehen von Kontext und gemeinsamem Verständnis fördern.
- Immersives Lernen: Von virtuellen Exkursionen bis hin zu interaktiven historischen Nachstellungen werden Bildungsinhalte immersiver, sodass Lernende aller Altersgruppen auf eine Weise lernen und forschen können, die fesselnd, einprägsam und wirkungsvoller ist als herkömmliche Methoden. Ein solches Lernen kann von der Vertiefung von Verbindungen zu historischen Erfahrungen durch Immersion bis hin zur Bereitstellung von Berufsausbildungen in einem weitaus breiteren Spektrum von Risikoszenarien reichen, als dies derzeit möglich ist.[4]
- Interkultureller Austausch: Plattformen, die speziell darauf ausgelegt sind, das Verständnis und die Empathie zwischen verschiedenen kulturellen Gruppen zu fördern, indem sie die Nutzenden in die Erfahrungen von Menschen mit unterschiedlichem Hintergrund eintauchen lassen. Durch Erzählungen, Rituale und Alltagsaktivitäten könnten diese Plattformen VR und AR nutzen, um kulturelle Unterschiede zu überbrücken und ein globales Gemeinschaftsgefühl zu schaffen. Sprachlernanwendungen nutzen diese Technologie beispielsweise, um Nutzende in die sprachliche und kulturelle Welt anderer eintauchen zu lassen. Ein weiteres Beispiel ist das Portals Policing Project [5], das die Erfahrungen von Menschen mit Strafverfolgungsbehörden in einer kontrollierten, aber realistischen virtuellen Umgebung teilt und so das Verständnis und das Vertrauen auf beiden Seiten verbessert.
- Erfahrungen mit dem Klimawandel: Interaktive Simulationen, die es den Nutzenden ermöglichen, die potenziellen Auswirkungen des Klimawandels aus erster Hand zu erleben. So zeigt beispielsweise „ Tree“, wie VR Empathie und Mitgefühl für die natürliche Umwelt wecken kann, indem Nutzende in einen Regenwaldbaum verwandelt werden und mit den Bedrohungen durch Abholzung und Klimawandel konfrontiert werden.[6]
- Therapie: Durch die Nutzung der Möglichkeiten von VR zur Schaffung therapeutischer Umgebungen bieten Sitzungen zunehmend eine stark verbesserte kognitive Verhaltenstherapie, die es Patientinnen und Patienten ermöglicht, sich kontrolliert und schrittweise ihren Ängsten, vergangenen Traumata, angstauslösenden sozialen Situationen und anderen Herausforderungen zu stellen. Die Therapie für Kinder, die an Autismus-Spektrum-Störungen sowie an Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörungen leiden, zeigt zunehmend Erfolge.[7]
Mit zunehmender Reife dieser Technologien werden sie nicht nur zur Simulation der Realität, sondern auch zu deren Verbesserung eingesetzt, um eine Brücke zwischen verschiedenen Kulturen zu schlagen und eine globale Gemeinschaft zu fördern, in der Erfahrungen und gegenseitiges Verständnis unabhängig von Herkunft oder Sprache geteilt werden. Diese geplanten Anwendungen der ISR haben das Potenzial, die Art und Weise, wie wir mit der Welt und miteinander interagieren, zu verändern und das Verständnis, die Empathie und die Zusammenarbeit in allen Facetten des menschlichen Handelns zu fördern.
Neue Horizonte der immersiven geteilten Realität
Mit den Fortschritten in der ISR durchläuft die Natur der Gemeinschaftserfahrung und der menschlichen Verbindung eine tiefgreifende Metamorphose. Stellen Sie sich vor, Sie betreten eine Welt, in der gemeinsame virtuelle Räume keine bloßen Simulationen sind, sondern Erweiterungen unserer physischen Realität, die Erfahrungen bieten, die genauso reich und komplex sind wie die in der greifbaren Welt. In dieser Zukunft ermöglichen ISR-Technologien eine Verschmelzung von Sinnen, Gedanken und Emotionen. An den Grenzen der ISR sind wir nicht nur Betrachtende, sondern aktive Teilnehmende an einer Revolution der multisensorischen Integration.[8]
- Erdachte Welten und gemeinsame Träume: Eine verfeinerte und kontrolliertere Nutzung sensorischer Inputs (wie Geruch, Geschmack, visuelle und auditive Reize) wird es den Teilnehmenden ermöglichen, Realitäten zu erzeugen und zu teilen, die tief mit den Emotionen und Erinnerungen der Teilnehmenden übereinstimmen. Wenn solche Reize im Schlaf reaktiviert werden, können sie nicht nur diese Erinnerungen verstärken [9], sondern auch veränderte Bewusstseinszustände[10] und gemeinsame Klarträume ermöglichen.[11]Die Teilnehmenden können gemeinsam die unbewussten Spielwiesen des menschlichen Geistes erkunden. Generative Basis-Modelle ermöglichen es den Nutzenden bereits, mit Sprache Welten zu erschaffen, und je vielfältiger die Eingabemodalitäten werden, desto wahrscheinlicher wird es, dass wir unsere Vorstellungskraft und Träume teilen können.[12]
- Simulierte Welten: Virtuelle Umgebungen können Realitäten simulieren – sowohl die Zukunft als auch die Vergangenheit – unter verschiedenen Bedingungen. So können die Teilnehmenden beispielsweise mit Szenarien des Klimawandels experimentieren, wie dem Anstieg des Meeresspiegels oder den Auswirkungen extremer Wetterereignisse, wodurch heute scheinbar weit in der Zukunft liegende Modelle zu einer unmittelbaren und persönlichen Erfahrung werden, oder mögliche vorteilhafte Zukunftsszenarien planen, um sie zu erreichen und unbeabsichtigte Schäden zu vermeiden. Mit emotionssensitiver Datenverarbeitung (Affective Computing) kann sich das System basierend auf der Reaktion, der Physiologie sowie den Erinnerungen oder Vorlieben der Nutzenden an die Umgebung anpassen und so eine Rückkopplungsschleife schaffen, die das Bewusstsein und die Empathie schärft.
- Virtuelle Designstudios: Gemeindemitglieder, Architektinnen und Architekten sowie Ingenieurinnen und Ingenieure können zusammenkommen, um gemeinsam die Grünflächen von morgen zu gestalten und so den Begriff „Planung“ neu zu definieren. Die Teilnehmenden berühren virtuell die Rinde der Bäume, die gepflanzt werden sollen, und atmen den Duft der Blüten ein, die für die Gärten bestimmt sind. Das Feedback der Teilnehmenden kann die Simulation in Echtzeit verändern und ermöglicht so ein sensorisches Eintauchen in verschiedene Projektvisionen. Mit den Methoden aus unserem Kapitel „Augmented Deliberation“ weiter unten könnten die Teilnehmenden die Möglichkeiten für ein gemeinsames Design, welche sie gemeinsam erarbeitet haben, virtuell erleben und zum Leben erwecken, bevor das Design schließlich im physischen Raum manifestiert wird.
- Kollektive Erinnerungspaläste (Memory Palaces): Stellen Sie sich virtuelle Umgebungen vor, in denen ganze Gemeinschaften kollektive Erinnerungen und Wissen ablegen, teilen und erleben können. Diese Erinnerungspaläste dienen nicht nur als Aufbewahrungsorte für gemeinschaftliches Wissen, sondern auch als Räume, in denen Einzelpersonen historische Ereignisse erneut erleben oder die kollektive Psyche der Menschheit erforschen können, wodurch ein tieferes Verständnis und eine engere Verbindung zwischen den Generationen gefördert wird. Sie könnten auch die Erfahrung der Erinnerung an kollektive Traumata neu definieren und es ermöglichen, diese flexibel und aus verschiedenen Perspektiven zu erzählen.
- Empathieverstärker: ISR könnte es uns ermöglichen, die Welt durch die Augen anderer zu erleben. Dieser direkte Erfahrungsaustausch würde als Empathieverstärker dienen, Vorurteile abbauen und ein tiefes Gefühl der Einheit und des Verständnisses zwischen verschiedenen Gruppen von Menschen fördern. Stellen Sie sich Simulationen vor, die es Einzelpersonen ermöglichen, die kollektiven Erfahrungen ganzer Gemeinschaften, Nationen oder Zivilisationen zu durchleben und ihre Kämpfe, Freuden und Herausforderungen als ihre eigenen zu empfinden. Dies könnte als wirksames Instrument für Bildung und Konfliktlösung dienen und den Frieden auf globaler Ebene fördern.
- Globale Bewusstseinsnetzwerke: Stellen Sie sich eine Zukunft vor, in der Menschen ihre Gedanken, Gefühle und Erfahrungen über ein weltweites Netzwerk miteinander teilen können und so Teil eines sich ständig wandelnden Stromes des kollektiven Bewusstseins werden. Dieses Netzwerk würde eine Form der Kommunikation und Verbindung ermöglichen, die über die Sprache hinausgeht und eine beispiellose Synchronisierung menschlicher Absichten und Handlungen bei globalen Herausforderungen ermöglichen.
- Artenübergreifende Kommunikationsplattformen (Kommunikation mit anderen Spezies und Lebewesen): Über die Interaktion von Mensch zu Mensch hinaus könnte ISR die Grenzen der Kommunikation erweitern und andere Arten einbeziehen, wie wir im Kapitel „Umwelt“ weiter unten erörtern. Durch die Übersetzung nichtmenschlicher Sprachen und Erfahrungen in Formate, die wir verstehen können, und umgekehrt, könnten diese Plattformen ein beispielloses Maß an Empathie und Zusammenarbeit zwischen Menschen und anderen Lebensformen auf unserem Planeten fördern.
- Digitale Vermächtnisse: ISR könnte es Einzelpersonen ermöglichen, digitale Vermächtnisse zu schaffen – ganze Welten, die aus ihren Erinnerungen, Gedanken und Erfahrungen bestehen. Diese Welten würden nicht nur als eine Form der Unsterblichkeit dienen, sondern auch als Mittel für zukünftige Generationen, das Leben und die Erkenntnisse ihrer Vorfahren auf eine zutiefst persönliche und interaktive Weise zu erforschen.
- Gemeinsame Kreativräume: Diese digitalen Plattformen würden es Künstlerinnen und Künstlern, Musikerinnen und Musikern, Schriftstellerinnen und Schriftstellern und Kreativen aller Art ermöglichen, in Echtzeit und weltweit in gemeinsamen virtuellen Räumen zusammenzuarbeiten. Hier verschmelzen Ideen und Inspirationen in einem gemeinschaftlichen kreativen Fluss und führen zu Kunst und Innovation, die den kollektiven menschlichen Geist wirklich widerspiegeln und die individuellen Fähigkeiten übersteigen, wie wir im nächsten Kapitel näher erläutern werden.
Während wir uns auf diese Reise begeben, stehen wir kurz davor, die menschliche Erfahrung und Zusammenarbeit neu zu definieren. Die Technologien, die vor uns liegen, versprechen nicht nur Fortschritte in der Art und Weise, wie wir mit der Welt interagieren, sondern auch eine Revolution in der Art und Weise, wie wir wahrnehmen, uns verbinden und Neues schaffen. In diesem neuen Zeitalter werden die Barrieren zwischen individuellem Bewusstsein und kollektiver Erfahrung fließender und läuten eine Zukunft ein, in der unsere gemeinsamen Realitäten eine tiefere Einheit und noch kreativere Zusammenarbeit fördern.
Grenzen der immersiven gemeinsamen Realität
Im Gegensatz zum intimen, direkten Austausch von Gedanken und Emotionen, wie er in der postsymbolischen Kommunikation vorgesehen ist, eröffnet die immersive geteilte Realität neue Dimensionen für die menschliche Interaktion und Koordination, von der einfachen sozialen Interaktion bis hin zu Bildung, Arbeit und Unterhaltung – mit einer Reihe von Einschränkungen und ethischen Bedenken. Wenn „Die Matrix“ eine Dystopie der postsymbolischen Kommunikation ist, kann eine ähnliche und passende dystopische Parallele aus Neal Stephensons „Snow Crash“ und dem ähnlichen, aber bekannteren „Ready Player One“ von Ernest Cline gezogen werden, das von Steven Spielberg verfilmt wurde.[13] In beiden Geschichten ziehen sich die Menschen als Reaktion auf den sozialen und ökologischen Niedergang in ISR-Simulationen zurück („das Metaverse“ bei Stephenson, „die OASIS“ bei Cline), was diesen Niedergang weiter verstärkt, da sie das bürgerschaftliche Engagement in der physischen Welt aufgeben. Diese Geschichten veranschaulichen mehrere Risiken von ISR:
- Flucht in die virtuelle Realität: Die Abhängigkeit von ISR auf Kosten der realen Welt, von der sie abhängt, anstatt als Möglichkeit, ein effektiveres Verständnis und kollektives Handeln in ihr zu schaffen, birgt die Gefahr einer Abwärtsspirale. Diese Spirale sehen wir beispielsweise auch bei generativen Basis-Modellen, die minderwertigen Output produzieren, der ihr zukünftiges Training untergräbt, oder der industriellen Entwicklung, die die Umwelt zerstört, von der sie abhängt.
- Verschlechterung der psychischen Gesundheit: Das Eintauchen in alternative Realitäten über längere Zeiträume kann zu psychologischen Auswirkungen führen, wie etwa Schwierigkeiten bei der Unterscheidung zwischen virtuellen und physischen Erfahrungen oder das Gefühl, von den sozialen Bindungen der realen Welt abgeschnitten zu sein. Die ständige Verfügbarkeit einer idealisierten digitalen Flucht könnte sich auf die psychische Gesundheit auswirken und zu Isolation oder einer verminderten Fähigkeit führen, mit den Herausforderungen der realen Welt umzugehen.
- Digitale Kluft: Eine neue digitale Spaltung birgt die Gefahr, die Kluft zwischen denjenigen, die Zugang zu den neuesten Technologien haben, und denjenigen, die keinen Zugang haben, zu vergrößern. Da ISR immer mehr zu einem integralen Bestandteil des sozialen und beruflichen Lebens wird, könnte ein fehlender Zugang Einzelpersonen und Gemeinschaften ausgrenzen, es sei denn, der Zugang wird als Menschenrecht behandelt, so wie wir es oben für den Internetzugang gefordert haben.
- Auswirkungen auf die körperliche Gesundheit: Längeres Engagement in virtuellen Umgebungen wirft Bedenken hinsichtlich der körperlichen Gesundheit auf, einschließlich der Auswirkungen einer längeren Bildschirmzeit auf das Sehvermögen und des sitzenden Lebensstils, der mit immersiven digitalen Aktivitäten verbunden ist. Die Balance zwischen der Faszination virtueller Welten und dem Bedürfnis nach körperlicher Aktivität und Interaktion in der realen Welt wird zu einem entscheidenden gesundheitlichen Aspekt.
- Unternehmenskontrolle, Überwachung und Monopolisierung: ISR verwischt die Grenzen zwischen öffentlich und privat, wobei digitale Räume gleichzeitig intim und offen für ein breites Publikum sein können oder von Unternehmen beobachtet werden. Wenn ISR-Netzwerke nicht nach den oben genannten Grundsätzen der Rechte und Interoperabilität aufgebaut werden und den umfassenderen ⿻ Governance-Ansätzen unterliegen, denen ein Großteil des restlichen Teils dieses Buches gewidmet ist, werden sie zu den stärksten monopolistischen Käfigen, die wir kennen.
- Identität und Authentizität: Die Freiheit, in ISR beliebige Personas zu schaffen und anzunehmen, verschärft die Herausforderungen der Authentizität und Identität, die wir oben hervorgehoben haben. Sie veranschaulicht das Potenzial für Anonymität und fließende Identität in geteilten immersiven Realitäten, was Vertrauen und Beziehungen erschwert, sowie die Möglichkeit, das eigene Selbstgefühl zu verlieren.
Wir müssen daher verhindern, dass wir uns Hals über Kopf in ein monopolistisches und dystopisches „Metaversum“ stürzen und damit das sehr reale Potenzial dieser Technologien untergraben, eine umfassendere menschliche Verbindung zu ermöglichen, indem wir sie als Teil eines größeren Ökosystems von Technologien und Governance-Ansätzen verstehen, die ihre verantwortliche Entwicklung unterstützen müssen.
Cogburn Research Group. “1,000 Cut Journey,” n.d. https://cogburnresearchgroup.socialwork.columbia.edu/research-projects/1000-cut-journey. ↩︎
Alex Shashkevich, “Virtual Reality Can Help Make People More Empathetic,” Stanford News, October 17, 2018, https://news.stanford.edu/2018/10/17/virtual-reality-can-help-make-people-empathetic. ↩︎
Jas Brooks, Noor Amin, and Pedro Lopes, “Taste Retargeting via Chemical Taste Modulators,” In Proceedings of the 36th Annual ACM Symposium on User Interface Software and Technology (UIST '23), Association for Computing Machinery, New York, NY, USA, Article 106, (2023): 1–15, https://doi.org/10.1145/3586183.3606818. ↩︎
Zum Beispiel hat die Ausbildung von Krankenpflegekräften in VR signifikantes Potenzial zur Beschleunigung des taktilen Lernens gezeigt. Jeeyae Choi, Elise C. Thompson, Jeungok Choi, Colette Waddill und Soyoung Choi, „Effectiveness of Immersive Virtual Reality in Nursing Education“, Nurse Educator 47, Nr. 3: E57-E61. ↩︎
“Portals Policing Project,” The Justice Collaboratory, n.d., https://www.justicehappenshere.yale.edu/projects/portals-policing-project. ↩︎
Siehe www.treeofficial.com ↩︎
Paul M.G. Emmelkamp and Katharina Meyerbröker, “Virtual Reality Therapy in Mental Health”, Annual Review of Clinical Psychology 17 (2021): 495-519. ↩︎
Patricia Cornelio, Carlos Velasco, and Marianna Obrist, “Multisensory Integration as per Technological Advances: A Review,” Frontiers in Neuroscience (2021): 614. ↩︎
Judith Fernandez, Nirmita Merha, Bjoern Rasch, and Pattie Maes, “Olfactory Wearables for Mobile Targeted Memory Reactivation,” Proceedings of the 2023 CHI Conference on Human Factors in Computing Systems, Hamburg, Germany, Article 717, (2023): 1–20, https://doi.org/10.1145/3544548.35808922023. ↩︎
Michelle Carra, Adam Haarb, Judith Amoresb, Pedro Lopesc, et al., “Dream Engineering: Simulating Worlds through Sensory Stimulation,” Consciousness and Cognition 83 (2020): https://doi.org/10.1016/j.concog.2020.102955. ↩︎
Karen Konkoly, Kristoffer Appel, Emma ChabaniKonkoly et al., Real-time dialogue between experimenters and dreamers during REM sleep, Current Biology 32, 7 (2021): https://doi.org/10.1016/j.cub.2021.01.026 ↩︎
Han Huang, Fernanda De La Torre, Cathy Mengying Fang, Andrzej Banburski-Fahey, Judith Amores and Jaron Lanier, “Real-time Animation Generation and Control on Rigged Models via Large Language Models” (2024) at https://arxiv.org/abs/2310.17838. ↩︎
Ernest Cline, Ready Player One (New York: Crown, 2011). ↩︎