Demokratie · 5-6
⿻ Wahlen
Im meistverkauften Strategiespiel aller Zeiten, Civilization VI, verwalten die Spieler:innen eine Zivilisation von der Entstehung der ersten Siedlungen bis in die nahe Zukunft. Sie konkurrieren und kooperieren mit anderen Zivilisationen um den Sieg durch Kultur, militärische Eroberungen, diplomatische Missionen, wissenschaftliche Errungenschaften und/oder religiösen Einfluss. In der weit verbreiteten Erweiterung “Gathering Storm”, die sich mit dem Klimawandel befasst, werden weltweite diplomatische Entscheidungen auf einem „Weltkongress“ getroffen. Zivilisationen sammeln „diplomatische Gunst“ aus Allianzen, Infrastruktur usw. und können diese dann einsetzen, um die globale Politik zu beeinflussen – etwa bei der Regulierung fossiler Brennstoffe, der Kontrolle über Atomwaffen oder bei Einwanderungsregeln.
Beim Wahlverfahren können die Länder aus einer Reihe von Optionen wählen, z. B. welche Zivilisation von der Welt genauer unter die Lupe genommen werden soll. Jede Zivilisation erhält eine einzige kostenlose Stimme. Zusätzliche Stimmen kosten mehr diplomatische Gunst, und zwar in zunehmendem Maße. Die erste zusätzliche Stimme kostet 10 diplomatische Punkte, die zweite 20 und so weiter, wie in Abbildung A dargestellt. In der Regel gibt es in einem Kongress mehrere Abstimmungen zu verschiedenen Themen. Diplomatische Gunst kann über mehrere Kongresse hinweg gespart und für andere Zwecke verwendet werden, z. B. für die Nominierung spezieller Themen, die beraten werden sollen. Jede Zivilisation muss abschätzen, wie wichtig ihr die einzelnen Themen sind. Sie „kauft“ dann Stimmen mit diplomatischer Gunst, aber nur bis zu dem Punkt, an dem die steigenden Kosten ihr Interesse am Thema übersteigen – oder es lohnender wird, die Gunst für spätere Abstimmungen aufzusparen.
Diese Spielmechanik ist eine Variante des „quadratischen Abstimmungsverfahrens“, das einer von uns erfunden hat und das inzwischen auch außerhalb von Spielen weit verbreitet ist, wie wir weiter unten untersuchen werden.[1] Die beschriebene Logik ermöglicht es, nicht nur die Richtung individueller Präferenzen zu erfassen, sondern auch deren Intensität. Wenn die einzelnen Akteure unabhängig handeln, können so Entscheidungen entstehen, die nicht nur berücksichtigen, wie viele Menschen etwas wollen, sondern auch, wie wichtig es ihnen ist.
Ein Hauptthema dieses Teils des Buches ist, dass kollaborative Technologien und Demokratie viel mehr sind als die Institutionen, die wir normalerweise mit ihnen in Verbindung bringen. Die formalen Institutionen, die uns am ehesten in den Sinn kommen, wenn wir an „Demokratie“ denken, sind Systeme zur Durchführung von Abstimmungen und Wahlen. Abstimmungen werden nicht nur in demokratischen Systemen durchgeführt, sondern auch in Steuerungssystemen im weiteren Sinne: Unternehmensführung, Verwaltung von Genossenschaftswohnungen, Buchclubs, Spiele usw. Sie bieten einer großen und vielfältigen Gruppe die Möglichkeit, relativ schnell und zu relativ geringen Kosten eine endgültige Entscheidung über einen Streitpunkt zu treffen. Allerdings ist die Kommunikation, die Abstimmungen ermöglichen, weitaus begrenzter als bei den bisher beschriebenen Technologien. Zugleich kann der Prozess viel breiter angelegt und inklusiver sein und zu Entscheidungen über den „gemeinsamen Willen“ führen. Das Ergebnis wird in der Regel als legitimer angesehen (zumindest von der meist begrenzten Gruppe der Wahlberechtigten) als die Ergebnisse marktbasierter Verfahren. In diesem Kapitel werden wir untersuchen, wie Wahlen in den Bereichen, in denen sie heute am häufigsten angewandt werden, funktionieren und wie sie scheitern. Außerdem werden wir Innovationen wie quadratische Abstimmungen (QV) betrachten, die ein genaueres Abbild des „öffentlichen Willens“ erzeugen, und einen Blick auf die Möglichkeiten werfen, wie Forscher neue Konzepte für große Gruppen von Menschen entwickeln, die ihre Zukunft gemeinsam bestimmen wollen.
Wahlen heute
Bei den gebräuchlichsten Wahlverfahren wählt jedes Mitglied einer Gemeinschaft eine von mehreren sich gegenseitig ausschließenden Optionen aus, und die Option mit den meisten Stimmen gewinnt. Manche führen diese Praxis auf antike Kriegsführung zurück: In den Phalanxkämpfen des antiken Griechenlands kämpften dicht geschlossene Infanterieformationen gegeneinander – und die zahlenmäßig stärkere Seite hatte meist bessere Chancen zu siegen. Statt zu kämpfen, konnte man also die Krieger auf beiden Seiten zählen und den Kampf vermeiden. Trotz seiner Einfachheit ist diese „Pluralitätsregel“ keine besonders überzeugende Darstellung von ⿻, so wie wir sie verstehen, und zwar aus mehreren Gründen:
- Sie neigt dazu, eine Situation des „kleineren Übels“ zu erzeugen (unter Politikwissenschaftlern als „Duverger’s Law“ bekannt), bei der die Menschen gezwungen sind, für eine der beiden führenden Alternativen zu stimmen, selbst wenn sie beide ablehnen. Scheinbar unterlegene Alternativen haben so keine Möglichkeit, breitere Unterstützung zu gewinnen.[2] Dies kann insbesondere in Ländern wie Australien der Fall sein, die eine Wahlpflicht haben (eine Politik, die das Wählen für verschiedene Bevölkerungsgruppen, d. h. wahlberechtigte oder registrierte Bürger:innen, verbindlich macht). Diese Politik kann zwar zu einer höheren Wahlbeteiligung führen[3], sie kann aber auch zu einem Umfeld beitragen, in dem die Wähler:innen gezwungen sind, das „kleinere Übel“ zu wählen.
- In vielen Kontexten ist die einfache Gleichheit, die bei einer solchen Wahl angenommen wird, nicht ausreichend legitimiert. Verschiedene Teilnehmer:innen an einer Abstimmung können ein unterschiedliches Maß an legitimem Interesse an einem Thema haben (z. B. weil sie verschiedene Bevölkerungsgruppen repräsentieren oder länger in einer Gemeinschaft gelebt haben, usw.).
- Selbst im besten Fall gibt das Abstimmungsergebnis nur die Richtung vor, für die sich die Mehrheit entschieden hat. Es bildet nicht den allgemeinen „Willen der Gruppe“ ab. Dazu sollte berücksichtigt werden, wie wichtig die verschiedenen Themen für die Menschen sind und wie viel sie darüber wissen. Dies wird oft als „Tyrannei der Mehrheit“ bezeichnet.
Eine Reihe von weit verbreiteten Wahlverfahren zielen darauf ab, diese Problematik in begrenztem Umfang zu lösen:
- Ranglistenwahl und Zustimmungswahl: Diese beiden in letzter Zeit populär gewordenen Systeme gehen teilweise auf Problem 1 ein. Bei Ranglistensystemen stellen die Teilnehmer:innen eine Reihe von Alternativen auf. Das Ergebnis hängt in gewisser Weise von dieser vollständigen Liste ab. Die einfachsten Beispiele sind Systeme vom Typ „Stichwahl“, bei denen die Zahl der Kandidaten allmählich verringert wird. Die erste Wahl jeder Person wird so für die verbleibenden Kandidaten zu ihrer neuen Stimme. Bei der Zustimmungswahl können die Wähler:innen so viele Optionen wählen, wie sie „billigen“ möchten. Die Option mit der höchsten Zustimmung wird dann ausgewählt. Beide Methoden haben eindeutig einen ⿻ Charakter, sowohl wörtlich, indem sie mehrere Stimmen zulassen, als auch ideell, indem sie sowohl einen größeren Konsens als auch eine größere Parteienvielfalt ermöglichen. Der Duverger-“Spoilereffekt“ wird so vermieden. Der Wirtschaftsnobelpreisträger Kenneth Arrow hat jedoch in seinem „Unmöglichkeitstheorem“ bewiesen, dass kein System mit derart einfachen Eingaben eine „vernünftige“ Repräsentation des gemeinsamen Willens erreichen kann.[4]
- Stimmabgabe mit Gewichtung: In Kontexten, in denen die Gleichheit der Wähler:innen offensichtlich nicht gegeben ist, werden gewichtete Abstimmungssysteme verwendet. Gängige Beispiele sind das „eine Aktie – eine Stimme“ Prinzip bei Unternehmen, Abstimmungen auf der Grundlage der Bevölkerungszahl in föderalen und konföderalen Gremien (z. B. in der Europäischen Union oder den Vereinten Nationen) und Abstimmungen auf der Grundlage von Machtverhältnissen (z. B. dem BIP) in Kontexten, in denen es wichtig ist, Machtunterschiede zu berücksichtigen. Diese Gewichtung ist jedoch oft Gegenstand erheblicher Auseinandersetzungen und führen zu eigenartigen Paradoxien, wie dem „51%-Angriff“ (auch bekannt als „Tunneling“), bei dem jemand 51% eines Unternehmens kaufen und dessen Vermögenswerte plündern kann, indem er die restlichen 49% enteignet.[5]
- Föderales, proportionales und konkordanzdemokratisches Wahlrecht: Wie wir oben erläutert haben, sind Wahlsysteme in der Regel formal „monistisch“ – sie folgen dem einfachen Mehrheitsprinzip. Es gibt jedoch wichtige Ansätze, um der Tyrannei der Mehrheit entgegenzuwirken, die daraus entstehen kann. In föderalen, konkordanzdemokratisches und funktionalen Systemen erhalten Untereinheiten ein stärkeres Gewicht, als es ihrer reinen Bevölkerungszahl entspricht. Dazu gehören geografische Einheiten (Bundesstaaten, Kantone), religiöse, ethnische oder berufliche Gruppen. Sie erhalten in der Regel eine Art besonderes Gewicht, unabhängig von ihrer Bevölkerungszahl, um eine Unterdrückung durch größere Gruppen zu vermeiden. Während diese Systeme also auf verschiedene Weise ⿻ Elemente enthalten, ist ihr Design typischerweise willkürlich und starr. Sie basieren oft auf historischen Konflikten, die möglicherweise nicht mehr den relevanten sozialen Fragen entsprechen oder verfestigen bestehende Spaltungen durch ihre formale Anerkennung; sie sind daher zunehmend unpopulär geworden.[6] Flexibler sind Systeme der „proportionalen Repräsentation“, bei denen so viele Vertreter:innen in ein Gremium gewählt werden, wie viele Stimmen sie erhalten haben. Dies trägt zu einer größeren Ausgewogenheit bei, auch wenn damit oft, zumindest teilweise, die Spannungen bei der Mehrheitsfindung auf die Koalitionsbildung des repräsentativen Gremiums übertragen werden.
So ist die Wahl zwar eine kanonische demokratische Technologie, aber auch eine, die mit Paradoxien, Starrheit und weithin erkannten ungelösten Problemen behaftet ist. Mit einer neuen Generation von Ansätzen wurde in jüngster Zeit versucht, die Möglichkeiten drastisch auszuweiten.
⿻ Wahlen in der Zukunft
Die oben genannten Probleme scheinen zwar vielfältig zu sein, laufen aber auf zwei Hauptfragen hinaus: Wie lassen sich Grad und Gewichtung der Interessen angemessen repräsentieren und wie kann die Repräsentation flexibel und anpassungsfähig gestaltet werden? Wie der Nobelpreisträger Amartya Sen feststellte, verschwinden die Probleme mit dem Arrow’schen Theorem, sobald die Stärke und Gewichtung der Präferenzen berücksichtigt wird. Und offensichtlich geht es bei der gewichteten Stimmabgabe um genau solche Fragen.[7] Die Repräsentation von Untergruppen ist eine besondere Herausforderung, da es starke ⿻ Gründe dafür gibt, sie zu verwirklichen, doch viele Wege, sie zu erreichen, scheinen unzureichend oder zu starr und vorschreibend zu sein. Dies trifft den Kern des Problems, nämlich die extreme Vereinfachung der Wahlverfahren: Sie enthalten nur sehr begrenzte Informationen über die Gedanken und Präferenzen der Abstimmenden.
Zwei neuere Entwicklungen haben interessante, wenn auch unvollständige Ansätze zur Lösung dieser Probleme aufgezeigt. Den ersten haben wir zu Beginn des Kapitels angesprochen: die quadratische Stimmabgabe und andere verwandte Ansätze, durch die gewichtete Stimmen (Stimmgewichte) einbezogen werden. Die quadratische Stimmabgabe geht auf den Statistiker Lionel Penrose zurück, den Vater des bekannten Astrophysikers Roger Penrose. Penrose erkannte ein grundlegendes Problem: Es erscheint intuitiv richtig, einer Partei mit doppelt so hohem Interesse an einer Entscheidung auch doppelt so viele Stimmen zu geben. Doch das ist irreführend – denn dadurch erhält diese Partei in der Praxis mehr als doppelt so viel Einfluss. Warum? Bei unkoordinierten Wähler:innen heben sich die Stimmen statistisch weitgehend gegenseitig auf. Wenn 10.000 völlig unabhängige Menschen abstimmen, gehen ihre Stimmen in verschiedene Richtungen – ihr Gesamteinfluss bleibt begrenzt. Eine einzelne Person mit 10.000 Stimmen hat dagegen einen unverhältnismäßig großen Einfluss, weil alle ihre Stimmen in dieselbe Richtung gehen.[8]
Eine Analogie aus der Physik, die gleichzeitig mit Penrose von J.C.R. Licklider (unserem Helden aus „Der verlorene Dao“ oben) untersucht wurde, kann helfen, dies zu verstehen.[9] Man stelle sich einen lauten Raum vor, in dem man versucht, ein Gespräch zu führen. Oft ist die Gesamtlautstärke des Lärms viel höher als die Lautstärke der Stimme des Gesprächspartners. Trotzdem ist es oft noch möglich, das Gesagte zu verstehen. Das liegt zum Teil an der menschlichen Fähigkeit, sich auf eine Person zu fokussieren. Zum Teil liegt es aber auch daran, dass der Hintergrundlärm gerade dadurch entsteht, dass jeder Beitrag viel schwächer ist als die (nähere) Stimme, der man gerade zuhört. Da die Quellen all dieser Geräusche größtenteils nichts miteinander zu tun haben, neigen sie dazu, sich im Durchschnitt auszulöschen. Dadurch erscheint diese eine Stimme, die nur ein bisschen stärker ist, viel stärker. Ähnlich ist es bei der visuellen Signalverarbeitung, wenn viele Kritzeleien zu einem grauen oder braunen Hintergrund verschwimmen, so dass sich ein einzelnes Zeichen, das nur ein wenig stärker ist, klar davon abheben kann.
Wenn die Hintergrundsignale völlig unkorreliert sind und es viele davon gibt, lässt sich dies mathematisch abbilden: Eine Reihe unkorrelierter Signale wächst proportional zur Quadratwurzel ihrer Anzahl, während ein korreliertes Signal linear mit seiner Stärke wächst. Das bedeutet: 10.000 unkorrelierte Stimmen haben nur so viel Gewicht wie 100 korrelierte Stimmen. Daraus folgt: Das Stimmgewicht eines Interessenvertreters sollte mit der Quadratwurzel seines Anteils wachsen, damit er nur verhältnismäßig mehr Einfluss erhält. Dieses Prinzip wird oft als “degressive Proportionalität” bezeichnet.
Damit haben wir einen Weg aufgezeigt, wie zwei der oben genannten Herausforderungen bewältigt werden können:
- Gewichtete Abstimmung zwischen Gruppen: Eine mathematische Formel verbindet das einfache Wahlverfahren mit gewichteter Abstimmung – die „Quadratwurzel-Abstimmungsregel" von Penrose. Sie wird in der Europäischen Union bei Abstimmungen der Mitgliedsstaaten verwendet.
- Präferenzstärke bei individuellen Abstimmungen: Wer seine Präferenz verdoppeln will, muss nicht doppelt, sondern viermal so viel „bezahlen“ – die Kosten steigen quadratisch. Dies ist die QV-Regel, die wir oben erörtert haben und die beispielsweise in der Legislative des Bundesstaats Colorado häufig zur Priorisierung von Ausgaben verwendet wird.
Es ist jedoch wichtig darauf hinzuweisen, dass diese klaren Regeln nur dann optimal sind, wenn die Wähler:innen intern vollkommen einheitlich und extern vollkommen unkorreliert/unkoordiniert sind. Das ⿻ Denken mahnt uns zur Vorsicht gegenüber solchen vereinfachenden Modellen. Es ermutigt uns aber auch, die sozialen Verbindungen zwischen Individuen und Organisationen wahrzunehmen. Sollen diese Verbindungen in einem Wahlsystem berücksichtigt werden, sind natürlich Systeme für deren Identifizierung erforderlich, die diese aufzeichnen und verwerten können.
Ein weiterer interessanter Ansatz, der in den letzten Jahren an Bedeutung gewonnen hat, ist die „Liquid Democracy“ (LD). Diese Idee geht auf die bahnbrechenden Arbeiten von Charles Dodgson zurück (alias Lewis Carroll, Autor des Kinderbuchklassikers „Alice im Wunderland“), der sich als Erster mit der Frage beschäftigte, wie Stimmen gewichtet werden sollten, wenn einzelne Personen unterschiedlich viele Stimmen kontrollieren – eine Überlegung, die später die Entwicklung der QV-Regel inspirierte.[10] Ein Beispiel verdeutlicht Dodgsons Problem: Stellen Sie sich eine Aktionärsversammlung vor, bei der Anna 50% der Aktien besitzt, Ben 30% und Clara 20%. Bei einer einfachen Abstimmung kann Anna allein jede Entscheidung durchsetzen – obwohl Ben und Clara zusammen genauso viel Eigentumsrecht haben, haben sie faktisch null Einfluss. Dodgson erkannte: Sollte jemand mit 50% Anteil wirklich 100% Macht haben? Seine Überlegungen zur fairen Gewichtung – dass mehr Anteile zwar mehr Einfluss bedeuten sollten, aber nicht linear – legten den Grundstein für spätere Entwicklungen wie die quadratische Abstimmung. LD erweitert die Idee der proportionalen Repräsentation, indem es jeder Wählerin und jedem Wähler erlaubt, seine Stimme(n) an andere zu delegieren, die sie dann weiterdelegieren können, was eine von unten nach oben wachsende Repräsentation ermöglicht.[11] Solche Systeme werden immer häufiger eingesetzt, insbesondere bei Abstimmungen in Unternehmen und anderen gewinnorientierten Organisationen (z. B. DAO) sowie in begrenztem Umfang im politischen Kontext wie z. B. in Island. Leider neigen diese Systeme oft dazu, das Gewicht übermäßig zu konzentrieren, da durch die Delegation die Stimmen oft auf wenige Hände übertragen werden. Diese Entwicklung hat die anfängliche Begeisterung etwas gedämpft.
Baustellen der ⿻ Wahlverfahren
Das radikale und transformative Potenzial von QV und LD zeigt Wege auf, wie Wahlsysteme der Zukunft weitaus vielfältiger sein könnten als die, an die wir gewöhnt sind. Die Möglichkeiten sind nahezu endlos, aber einige vielversprechende Beispiele sind geeignet, diese Bandbreite zu veranschaulichen:
- Korrelationsbereinigung und Eigenvoting: QV und die Penrose-Regel wenden eine degressive Proportionalität (unter Verwendung der Quadratwurzel-Regel) auf die Stimmgewichte von Einzelpersonen und/oder sozialen Gruppen (wie Nationen) an. Doch beide behandeln Individuen innerhalb einer Gruppe als völlig unabhängig – was in der Realität selten stimmt. Ein Beispiel: Stellen Sie sich eine Abstimmung in einem Unternehmen vor. 100 Mitarbeiter aus der Marketing-Abteilung stimmen alle für Projekt A, weil ihr Chef das will. Diese 100 Stimmen sind nicht wirklich unabhängig – sie folgen faktisch einer gemeinsamen Quelle (dem Chef). Eine naive Zählung würde ihnen √100 = 10 gewichtete Stimmen geben. Aber wenn sie alle koordiniert abstimmen, sollten sie vielleicht eher wie eine einzige Person mit starkem Gewicht zählen. Die Idee der Korrelationsbereinigung: Eine erweiterte Methode würde berücksichtigen, wie stark verschiedene Wähler:innen miteinander verbunden oder koordiniert sind – etwa durch gemeinsame Chefs, politische Parteien, oder soziale Netzwerke[12]. Man würde diese Korrelationen statistisch analysieren und die „echten“ unabhängigen Faktoren identifizieren (in der Statistik „Eigenwerte“ genannt). Diese zugrunde liegenden Faktoren – nicht die einzelnen Personen – würden dann als die „echten“ unabhängigen Wähler:innen behandelt, auf die man degressive Proportionalität anwendet. Ein Verfahren ähnlich wie PageRank: So wie PageRank die Wichtigkeit von Websites anhand ihrer Verlinkungen bewertet, könnte man die „echte“ Unabhängigkeit von Stimmen anhand sozialer Verbindungen bewerten. Auf diese Weise entstünde eine dynamische, anpassungsfähige Version des Konsoziationsprinzips, die dessen Starrheit und die Verfestigung bestehender Spaltungen vermeidet.
- Angepasste Repräsentation: Ein anderer Ansatz für eine ähnlich angepasste Repräsentation wäre ein System mit einem einzigen Mitglied in einem Bezirk oder ein föderales System. In diesem System würden die Grenzen jedoch nicht (ausschließlich) geografisch sein, sondern auf aktuellen sozialen Unterschieden basieren, wie z. B. der geografischen Zugehörigkeit (Stadt/Land), ethnischen Zugehörigkeit oder dem Bildungsstand. Es ist klar, dass sowohl diese als auch die vorhergehende Idee stark auf ein ⿻ Identitätssystem angewiesen sind, damit diese Merkmale in das Wahlverfahren einfließen können.
- Prädiktives Wählen: Robin Hanson plädiert seit langem dafür, „Prognosemärkte“ (bei denen Menschen auf zukünftige Ergebnisse wetten) mit Wahlverfahren zu kombinieren. Während der von ihm entwickelte „Futarchy"-Vorschlag auf eine saubere Trennung zwischen diesen beiden Elementen abzielt, verwenden wir in der oben beschriebenen Governance dieses Buches eine solche Mischung. Dabei können die Teilnehmer:innen gleichzeitig abstimmen und das Ergebnis einer Entscheidung vorhersagen. Außerdem werden sie für eine richtige Entscheidung belohnt.[13] Solche Systeme können besonders nützlich sein, wenn es eine große Auswahl an Vorschlägen oder Optionen gibt: Wenn Teilnehmer:innen vorhersagen müssen, welche Vorschläge die besten Ergebnisse erzielen werden, kristallisieren sich die erfolgversprechendsten Ideen heraus. Über diese vorselektierten Vorschläge kann dann abgestimmt werden.
- Quadratische LD (liquid democracy): Wie bereits erwähnt, kann durch degressive Proportionalität die Machtkonzentration bei der LD vermieden werden. RadicalxChange, eine gemeinnützige Organisation, die sich für die Förderung von ⿻ einsetzt, hat ein ähnliches System für ihre interne Entscheidungsfindung eingeführt.
- Assistierte Stimmabgabe in Echtzeit: Eine weitere häufig diskutierte Idee ist, Abstimmungen mit Hilfe digitaler Assistenten durchzuführen. Diese Assistenten könnten lernen, die Perspektiven und Präferenzen der Wähler:innen zu modellieren und in ihrem Namen und unter ihrer Kontrolle abzustimmen. Dadurch könnten Abstimmungen viel häufiger und detaillierter erfolgen.[14]
Vielleicht das Faszinierendste: Diese Möglichkeiten lassen sich beliebig miteinander kombinieren. Aus jeder Kombination können wiederum neue entstehen – ein Prozess, der unendliche Vielfalt erzeugt.
Grenzen neuer ⿻ Wahlverfahren
Eine naheliegende Befürchtung bei diesen hochflexiblen und anpassungsfähigen Ansätzen ist, dass der Kompromiss selbst das Kind mit dem Bade ausschüttet – dass die Vielfalt verloren geht, wenn man versucht, sie zusammenzuführen. Doch Systeme wie „Eigenvoting“ oder ausgefeilte Formen der Liquid Democracy haben eine interessante Eigenschaft: Sie ermöglichen neue Arten von Koalitionen und Repräsentation. Der entscheidende Unterschied zur klassischen Demokratie: Die Regel „Eine-Person-Eine-Stimme“ zielte darauf ab, Konflikte zu vermeiden, indem der Seite mit mehrheitlicher Unterstützung ein gewaltfreier Weg zur Machtübernahme bereitet wurde. Das Problem: Immer dieselben Gruppen bilden Mehrheiten, immer dieselben bleiben in der Minderheit – soziale Spaltungen verfestigen sich. Die hier betrachteten Systeme funktionieren anders: Sie basieren auf einer ausgefeilteren Theorie, wie Konflikte entschärft werden können. Statt bestehende Spaltungen zu verstärken, ermöglichen sie wechselnde Mehrheiten. Je nach Thema bilden sich unterschiedliche Koalitionen – Gruppen, die bei einer Frage zusammenstehen, können bei der nächsten auf verschiedenen Seiten stehen. Dadurch werden alte Konfliktlinien überschritten und neue, themenspezifische Bündnisse entstehen. Das Ergebnis: Diese Systeme erzeugen fast so viel neue Vielfalt, wie sie durch Kompromisse aufgeben – und verhindern so, dass sich anhaltende Spaltungen verfestigen.
Doch trotz dieser Stärken haben Abstimmungen – selbst in ihrer reichhaltigsten Form – eine grundlegende Grenze: Sie bringen bereits bestehende Präferenzen zum Ausdruck und übersetzen sie in Entscheidungen. Die Präferenzen selbst werden jedoch durch andere soziale Prozesse geformt. Eine Kombination der oben genannten Methoden kann unser Verständnis von Wahlen völlig verändern und die heutigen Ansätze so weit hinter sich lassen wie der Computer den Abakus. Doch wir dürfen uns von diesem Potenzial nicht täuschen lassen: So fortschrittlich diese Abstimmungsmethoden auch sind – sie können niemals die umfassendere Kommunikation und Mitgestaltung ersetzen, die wir in den vorangegangenen Kapiteln beschrieben haben. Das würde den Reichtum unseres Menschseins fundamental untergraben. Kollektive Entscheidungen erhalten ihre sinnvolle Bedeutung nur im Zusammenspiel: durch kreative Kooperation, durch die Weiterentwicklung von Theorien und Ideen, und durch die Verwaltungssysteme, die wir skizziert haben. Abstimmungen sind das Finale – aber ohne den vorangegangenen demokratischen Prozess bleiben sie leer.
Es ist auch unwahrscheinlich, dass sich Wahlsysteme in naher Zukunft weit über die nationalen Grenzen hinaus erstrecken werden, in denen sie derzeit durchgeführt werden. Die Anforderungen der ⿻ Identitätssysteme, die einige der oben genannten Ansätze unterstützen, legen zwar nahe, dass Wahlen in neuen transnationalen Konfigurationen vorstellbar sind. Aber es ist unwahrscheinlich, dass derartige Abstimmungssysteme in absehbarer Zeit wirklich globale Legitimität erreichen. Um Vielfalt auf globaler Ebene wirklich zu erreichen, müssen wir uns deshalb einem anderen, grundlegenderen Substrat der Zusammenarbeit zuwenden: der Marktwirtschaft.
The Economist, “The Mathematical Method that Could Offer a Fairer Way to Vote”, December 18, 2021. ↩︎
Maurice Duverger, Les Partis Politiques (Paris: Points, 1951). ↩︎
Für weitere Informationen über die Wahlpflicht in Australien, siehe Tim Evans, Compulsory Voting in Australia, 16.Januar 2022, unter https://www.aec.gov.au/about_aec/publications/voting/files/compulsory-voting.pdf. ↩︎
Kenneth J. Arrow, Social Choice and Individual Values (New York, John Wiley & Sons, 1951). See also Kenneth O. May, “A Set of Independent Necessary and Sufficient Conditions for Simple Majority Decision” 20, no. 4 (1952): 680-684, Allan Gibbard,“Manipulation of Voting Schemes: A General Result”, Econometrica 41, no. 4 (1973): 587-601 and Mark A. Sattherthwaite, “Strategy-Proofness and Arrow’s Conditions: Existence and Correspondence Theorems for Voting Procedures and Social Welfare Functions”, Journal of Economic Theory 10, no. 2 (1975): 187-217. ↩︎
Simon Johnson, Rafael La Porta, Florencio Lopez-de-Silanes and Andrei Shleifer, “Tunneling”, American Economic Review 90, no. 2 (2000): 22-27. ↩︎
Für vertiefte Ausführungen siehe E. Glen Weyl, “Why I am a Pluralist” RadicalxChange Blog, 10. Februar 2022 unter https://www.radicalxchange.org/media/blog/why-i-am-a-pluralist/. ↩︎
Amartya Sen, Collective Choice and Social Welfare, (Cambridge, Massachusetts: Harvard University Press, 1970). ↩︎
L. S. Penrose, “The Elementary Statistics of Majority Voting”, Journal of the Royal Statistical Society 109, no. 1 (1946): 53-57. ↩︎
J. C. R. Licklider, “The Influence of Interaural Phase Relations upon the Masking of Speech by White Noise”, Journal of the Acoustic Society of America 20, no. 2 (1948): 150-159. Thus, deeply ironically, Lick may be seen as one of the fathers of QV as well. ↩︎
Charles L. Dodgson, The Principles of Parliamentary Representation (London, Harrison and Sons, 1884). ↩︎
Dividuale Demokratie alias „Divokratie“ wurde von Ken Suzuki begründet. Im Gegensatz zu LQ umfasst Divokratie nicht nur die Delegation der eigenen Stimme an andere, sondern auch die Aufteilung der Stimme auf verschiedene politische Themen. Divokratie ist eine politische Erweiterung des Konzepts „dividuell“ des einflussreichen französischen Philosophen des 20. Jahrhunderts, Gilles Deleuze, der diverse und potenziell widersprüchliche Ideen innerhalb einer Person zulässt, im Gegensatz zum Konzept der „Individualität“. Suzuki führte das Konzept in den 2000er Jahren ein und erarbeitete es in seinem Buch im Jahr 2013. Ken Suzuki, „The Nameraka Society and its Enemies“, Keiso Shobo Publishing (2013). ↩︎
Ohlhaver, Weyl and Buterin, op. cit. Joel Miller, E. Glen Weyl and Leon Erichsen, “Beyond Collusion Resistance: Leveraging Social Information for Plural Funding and Voting” (2023) at https://papers.ssrn.com/sol3/papers.cfm?abstract_id=4311507. ↩︎
Robin Hanson, “Shall we Vote on Values but Bet on Beliefs?”, Journal of Political Philosophy 20, no. 2: 151-178. ↩︎
Nils Gilman and Ben Cerveny, “Tomorrow’s Democracy is Open Source”, Noema September 12, 2023 at https://www.noemamag.com/tomorrows-democracy-is-open-source/. ↩︎