Demokratie · 5-1
Post-symbolische Kommunikation
Im Herzen Tokios, eingebettet in das Nationalmuseum für Wissenschaft und Innovation (Miraikan) befindet sich "The Park of Aging)“ – ein außergewöhnlicher Ort, der Besucherinnen und Besucher in ihre persönliche Zukunft versetzt.[1] Nach Jahren intensiver Forschung ist es nun möglich, seltene Einblicke in Geist und Körper des Alterns zu gewähren. Spezielle Visiere trüben die Sicht und simulieren den Grauen Star. Kopfhörer filtern hohe Frequenzen heraus und imitieren altersbedingten Hörverlust. In einer Fotokabine, die Wahrnehmungsprobleme im Alter verdeutlicht, erscheinen Gesichtsausdrücke verblasst und verschwommen. Das scheinbar einfache Abrufen einer Einkaufsliste aus dem Gedächtnis wird zu einer wahren Odyssee, wenn man dabei auf einem belebten Markt ständig unterbrochen wird. Das Gehen auf der Stelle mit Pedalen, Knöchelgewichten und der Stütze eines Einkaufswagens simuliert eindrücklich, wie die Zeit ihre Spuren am Körper hinterlässt und welches Gewicht das Alter auf die Körperhaltung ausübt. „The Park of Aging“ ist mehr als nur eine Ausstellung – es ist ein eindrucksvolles Gespräch, das die Zeit überbrückt. Es ermöglicht einen Dialog mit dem zukünftigen Ich über das Sehen, Hören und die körperlichen Herausforderungen des Alterns. Diese empathische Reise geht dabei über die Auseinandersetzung mit dem eigenen künftigen Selbst hinaus: Sie fördert auch eine tiefere Verbindung zu einer in der Gegenwart oft übersehenen Gruppe – den älteren Menschen unserer Gesellschaft. Der Park of Aging ist ein eindrückliches Beispiel für propriozeptive, postsymbolische Kommunikation, bei der die Teilnehmer Informationen durch eine intime, sensorische Erfahrung erhalten, die über die bloße Interpretation von Worten und Symbolen hinausgeht und alle Sinneswahrnehmungen des Körpers nutzt. Der Park lässt die Teilnehmer in die Empfindungen des Altseins eintauchen und ermöglicht die unmittelbare Erfahrung der nachlassenden Sinne, einschließlich des Sehens und Hörens von Worten und Symbolen.
Diese zeitlich begrenzte Begegnung mit dem Altern zeigt etwas, das wir alle kennen: Erfahrungen, bei denen wir über Körpergefühl und Sinneswahrnehmungen kommunizieren, ohne Worte zu verwenden. Solche Erfahrungen machen wir beim Meditieren, bei der Einnahme von Psychedelika, in religiösen Momenten, in der romantischen Intimität, beim Tanzen, im Yoga, beim Kampfsport und anderen Sportarten. Es ist kein Zufall, dass diese vielschichtigen Sinneserfahrungen („Kommunikation mit höherer Bandbreite“) oft zu tiefen menschlichen Bindungen führen – gerade weil Menschen sie gemeinsam erleben. Möglicherweise ist es genau die Vielfalt der Informationen, die gleichzeitig auf unsere Sinne einwirken (Tiefe), die diese Erfahrungen so bedeutsam macht und damit zur Stärke der Verbindung und „Vereinigung“ beiträgt.
Neue Technologien wie neuronale Schnittstellen, erweiterte Realität und generative KI-Basismodelle eröffnen völlig neue Möglichkeiten für diese Art der Kommunikation jenseits von Worten. Sie ermöglichen es, dass tiefe Verbindungen zwischen Menschen nicht nur persönlich entstehen, sondern auch über große Entfernungen, Zeitgrenzen und soziale Barrieren hinweg – unterstützt durch Technologie. In diesem Kapitel stellen wir diese Technologien vor und erkunden ihre Grenzen. Wir untersuchen, wie sie zwischenmenschliche Beziehungen, Bildung und Zusammenarbeit revolutionieren könnten, indem sie es ermöglichen, Gedanken, Gefühle und Sinneserfahrungen direkt zu übertragen – ohne den Umweg über Wörter und Symbole. Wir betrachten auch die Möglichkeiten, kulturelle Missverständnisse und Konflikte zu überwinden, indem wir tiefes Einfühlungsvermögen und gemeinsame Erfahrungen fördern. In einer Welt, in der Ideen so nahtlos fließen wie Emotionen, müssen wir jedoch auch die Risiken dieser intensiven Konnektivität untersuchen: Überwachung, Vereinheitlichung des Denkens, gesellschaftliche Spaltung und Ignoranz gegenüber wichtigen Unterschieden.
Intimität heute
Die post-symbolische Kommunikation, ein von Jaron Lanier geprägter Begriff, geht über den Bereich von Sprache und Symbolen hinaus. Sie erforscht das Potenzial für direkte und intensive gemeinsame Erfahrungen, indem sie alle Sinne nutzt – einschließlich der Eigenwahrnehmung unseres Körpers (Propriozeption).[2] Bereits im Mutterleib machen wir unsere erste Erfahrung mit nonverbaler Kommunikation: Die Synchronisierung der Herzschläge zwischen einer Mutter und ihrem ungeborenen Kind, insbesondere wenn die Mutter rhythmisch atmet, deutet auf einen natürlichen Kommunikationsweg hin.[3] Im Laufe unserer Entwicklung vermitteln Menschen Informationen nonverbal durch Körpersprache, Gesichtsausdruck, Tonfall, Berührung, Lachen, Weinen, Erröten und Geruch. Biochemische Botenstoffe können emotionale Zustände vermitteln und bei anderen Reaktionen auslösen, oft unbewusst. So hat die Forschung beispielsweise gezeigt, dass menschlicher Schweiß Verbindungen enthält, die, wenn sie von anderen wahrgenommen werden, Stress oder Angst übertragen und die Wahrnehmung sowie das Verhalten des Empfängers beeinflussen können.[4] Wir sehen auch Vorformen des post-symbolischen Potenzials in seit langem etablierten Praktiken der Intimität zwischen Menschen:
- Tanz: Die Teilnehmenden treten tiefer in die Musik ein und synchronisieren ihre Bewegungen. Sie spüren ihren Körper und antizipieren die Bewegungen ihrer Partnerin oder ihres Partners, um eine gemeinsame Erfahrung zu schaffen. Traditionelle Tänze wie das Adumu-Ritual der Massai dienen ebenfalls dazu, durch Synchronität gemeinsame Erfahrungen zu ermöglichen.
- Kampf: In Kampfsituationen erleben Soldaten eine gesteigerte Wahrnehmung, Adrenalin und eine Vielzahl von Geräuschen, was zu einer intensiven Wahrnehmung ihrer Umgebung und ihrer Mitstreitenden führt. Nonverbale Signale werden überlebens- und strategisch entscheidend. Diese gemeinsame Situation unter extremem Stress schafft eine Bindung, und es entsteht ein tiefes Verständnis und Vertrauen zwischen denen, die sich gegenseitig ihr Leben anvertrauen.
- Sport: Bei Mannschaftssportarten entwickeln die Spielenden ein ausgeprägtes Gespür für die Anwesenheit und Bewegungen der anderen. Die Teammitglieder antizipieren oft die Handlungen der anderen und arbeiten als geschlossene Einheit, wobei sie sich auf Signale verlassen, die durch Geräusche, Bewegungen und Handgesten übermittelt werden. Diese Synchronität liegt irgendwo zwischen Tanz und Kampf und wird zusätzlich durch ein gemeinsames Ziel angetrieben.
- Romantische Intimität: Durch Berührung, Augenkontakt und emotionale Offenheit schaffen Partnerinnen und Partner eine einzigartige, gemeinsame Erfahrung. Die Aufmerksamkeit für die innere Erfahrung der anderen Person ist entscheidend für eine gelingende Bindung und den Aufbau körperlicher Empathie, die vielleicht das tiefste gegenseitige Vertrauen und Verständnis ermöglicht, zu dem Menschen fähig sind.[5]
- Religiöse Erfahrung: In mystischen Praktiken wie dem Sufismus nehmen die Menschen gemeinsam an Ritualen wie dem Drehen und Singen teil. Diese gemeinsamen spirituellen Praktiken sprechen die Sinne in gleicher Weise an und schaffen ein Gefühl der Einheit und Verbundenheit mit etwas Größerem als dem eigenen Selbst. Dadurch entsteht Gemeinschaft nicht nur zwischen den Menschen, sondern auch mit einer größeren spirituellen Präsenz.
- Yoga: In einer Yogastunde führen die Teilnehmenden gemeinsam eine Reihe von Übungen aus, die vom Rhythmus ihres Atems geleitet werden. Trotz der individuellen Natur der Praxis entsteht eine kollektive Harmonie in den Bewegungen durch das gemeinsame Ziel von Gesundheit und innerem Frieden sowie die Stärkung des Nervensystems durch Dehnungen und Übungen. Diese gemeinsame körperliche und meditative Erfahrung fördert ein Gefühl gemeinschaftlicher Energie und Konzentration.
Jeder dieser Bereiche veranschaulicht, wie gemeinsame Erfahrungen, die über den Rahmen der verbalen Kommunikation hinausgehen, durch intensive, gemeinsame sensorische Eindrücke tiefe Bindungen und Verständnis zwischen den Teilnehmenden schaffen können. Kommunikation kann jedoch auch in uns selbst stattfinden (oder zwischen uns selbst und der spirituellen Welt), als eine Form der Selbstbeobachtung, die einige der tiefgreifendsten und transformativsten Erfahrungen hervorbringt.
- Meditation: Meditation ist eine Praxis der inneren Konzentration und Achtsamkeit und umfasst eine Vielzahl von Ansätzen aus verschiedenen Traditionen. Eine gängige Praxis besteht darin, die eigenen Gedanken und Gefühle ohne Wertung zu beobachten, um die eigenen mentalen und emotionalen Zustände besser zu erkennen und zu verstehen – und dadurch die Möglichkeit zu erhalten, innere Konflikte und Widersprüche zu überbrücken und zu integrieren.
- Psychedelika: Der Konsum von Psychedelika kann zu tiefgreifenden inneren Erfahrungen und veränderten Bewusstseinszuständen führen, die die üblichen Denk- und Wahrnehmungsmuster durchbrechen und alternative Sichtweisen eröffnen, um einen Sinn zu finden. Nutzende berichten oft von tiefen introspektiven Einsichten, einem Gefühl der Einheit mit dem Universum, der Konfrontation mit tiefsitzenden Emotionen und Erinnerungen oder der Kommunikation mit anderen – nicht-physischen – Bewusstseinsformen.
- Gebet: Auf ähnliche Weise öffnen Menschen durch Gebet, Kontemplation oder die Teilnahme an religiösen Ritualen die Kommunikation zu etwas, das über ihre Sinneserfahrung hinausgeht. Ob durch ein Gefühl der göttlichen Gegenwart oder ein inneres Gefühl der Klarheit und des Friedens – diese Erfahrungen können tiefgreifend und transformierend sein und eine stärkere Verbindung zu sich selbst und dem eigenen Platz im Universum fördern. Unsere heutigen intimen Erfahrungen bieten zahlreiche Beispiele, die an die Grenzen der postsymbolischen Kommunikation heranreichen. Von physiologischen Signalen bis hin zu chemischen Botenstoffen beginnen wir gerade erst, die nonverbalen, informationsdichten Kommunikationsformen zu verstehen, die die menschliche Erfahrung synchronisieren und die tiefsten menschlichen Bindungen schaffen können – sowohl zu uns selbst als auch zu anderen Menschen, Gruppen und dem Universum
Postsymbolische Kommunikation von morgen
Heute stehen wir an der Schwelle einer explosionsartigen Entwicklung von Technologien, die die postsymbolische Kommunikation vorantreiben und es den Teilnehmenden ermöglichen könnten, ihre physiologischen, psychologischen und sogar bewusstseinsbezogenen Seinszustände zu kommunizieren. Der „Park of Aging“ ist ein Beispiel für ein frühes Experiment, aber wir können tiefere, intensive, multisensorische Erfahrungen mit neuartigen Technologieintegrationen erwarten, die sich auf vielfältige Weise kombinieren lassen. Zu diesen Technologien gehören:
- Neuronale Schnittstellen und Brain-Computer-Interfaces (BCI): Geräte, die direkt mit dem Gehirn verbunden sind, erfassen neuronale Aktivitäten und bieten einen direkten Weg für die Kommunikation komplexer Gedanken und Emotionen.[6] BCIs ermöglichen bereits heute die direkte Kommunikation zwischen dem Gehirn und externen Geräten. Zukünftige Entwicklungen könnten den Austausch von Gedanken, Emotionen und Erfahrungen direkt von einem Menschen zum anderen ermöglichen und so ein bisher unbekanntes Maß an Interaktion schaffen.
- Haptisches Feedback und körperliche Anpassungsfähigkeit (homunkulare Flexibilität): Haptische Geräte bieten taktile Empfindungen, simulieren Berührungen und physische Interaktionen in virtuellen Umgebungen und ermöglichen es den Nutzenden, virtuelle Reize zu fühlen und darauf zu reagieren, als wären sie real. Ähnlich verhält es sich mit der körperlichen Anpassungsfähigkeit, durch die Menschen lernen können, virtuelle Körper zu steuern, die sich erheblich von ihrem eigenen unterscheiden, und so die Grenzen ihres physischen Körpers zu überwinden.[7] Ein eindrucksvolles Beispiel hierfür ist die nahezu universelle Fähigkeit des Menschen, – obwohl in der Evolution verloren gegangen – ein Gefühl der Kontrolle über einen Schweif „zu entwickeln“, wenn er oder sie in einer virtuellen Welt ausreichend Feedback und Kontrolle erhält.[8]
- 3D-Audio und immersive Klanglandschaften: Fortschrittliche Audiotechnologien, die dreidimensionale Hörerlebnisse schaffen, können das Gefühl des Eintauchens in einen virtuellen Raum erheblich verstärken und Emotionen sowie Atmosphäre auf eine Weise vermitteln, die mit herkömmlichem Stereoklang nicht möglich ist.
- Tragbare Sensoren für Emotionen und Körperfunktionen: Geräte, die Herzfrequenz, Hautleitfähigkeit und andere physiologische Werte überwachen, können Einblicke in den emotionalen und körperlichen Zustand einer Person geben und gemeinsame Erfahrungen ermöglichen, die auf diese Zustände reagieren.
- Projektionsverfahren und räumliche Datenverarbeitung: Diese Technologien ermöglichen die Umwandlung physischer Räume in interaktive, digital erweiterte Umgebungen. Sie können gemeinsame, multisensorische Erfahrungen schaffen, die die physische und die digitale Welt miteinander verbinden.
- Neurofeedback und Achtsamkeit: Diese Anwendungen nutzen Echtzeit-Darstellungen der Gehirnaktivität, um die Selbstregulierung der Gehirnfunktion zu vermitteln. Sie können für Meditation, psychotherapeutische Behandlungen und zur Steigerung des Selbstbewusstseins und der Empathie eingesetzt werden.[9]
- Neuromodulation: Neuromodulationstechniken wie die Tiefenhirnstimulation können zur Verbesserung der kognitiven Funktion, zur Behandlung neurologischer Störungen und sogar zur Steigerung menschlicher Fähigkeiten beitragen. Sie bringen jedoch auch neuroethische Herausforderungen mit sich, wie zum Beispiel das moralische Bio-Enhancement (MBE) – die Nutzung biomedizinischer Technologie zur moralischen Verbesserung des Menschen.
In Kombination mit generativen Basis-Modellen werden diese Technologien es uns ermöglichen, visuelle Darstellungen unserer Gedanken in einem Tempo zu erzeugen, das der Geschwindigkeit unserer Vorstellungskraft sehr nahekommt. Diese Technologien schaffen gemeinsam reaktionsfähige, anpassungsfähige Umgebungen oder Charaktere in virtuellen Räumen, die in Echtzeit auf die Emotionen, Handlungen oder Entscheidungen der Nutzenden reagieren können – und dabei weit über die einfache Interpretation von Eingaben in natürlicher Sprache hinausgehen[10]. Forscher haben bereits gezeigt, wie Gehirnimplantate die Absichten einer gelähmten Person in körperliche Bewegungen übersetzen können, und damit das bemerkenswerte Potenzial neuronaler Schnittstellen zur Überbrückung der Kluft zwischen Denken und Handeln demonstriert.[11]
Diese Entwicklungen zusammen ermöglichen die Übertragung von Ideen und Emotionen, die direkt und nahtlos erfolgen kann und tiefgreifende Auswirkungen darauf hat, wie wir die inneren Erfahrungen, kreativen Visionen, Wünsche und sogar vergangenen Traumata anderer Menschen teilen und verstehen, um Versöhnung, Heilung und Vergebung zu fördern. Stellen Sie sich zum Beispiel vor, ein Kind taucht in die Sinneserfahrungen seiner Eltern aus deren Kindheit ein. Oder zwei verfeindete Gruppen erleben den Schmerz und den Verlust von Familienmitgliedern der jeweils anderen Seite.
Neue Dimensionen der post-symbolischen Kommunikation
In der ferneren Zukunft verspricht die Entwicklung der post-symbolischen Kommunikation, unser Verständnis von Intimität und das Wesen grundlegender Lebenserfahrungen wie der Kindheit und von Beziehungen grundlegend zu verändern. Stellen Sie sich eine Welt vor, in der die Grenzen persönlicher Erfahrungen verschwimmen und Intimität nicht mehr als physische oder emotionale Nähe, sondern als tiefes, nahtloses Teilen des Bewusstseins verstanden wird. Telepathie, einst ein Bereich der Science Fiction oder religiöser Praxis, wird zu einer wissenschaftlichen Realität, die die direkte Übertragung von Gedanken, Gefühlen und Sinneserfahrungen von Mensch zu Mensch ermöglicht. Menschliche Beziehungen entwickeln sich zu tieferen, bedeutungsvolleren Verbindungen, in denen Missverständnisse eine Wahl sind und Empathie im Überfluss vorhanden ist. Kinder wachsen in diesem neuen Paradigma nicht nur durch das Lernen aus den Worten anderer oder das Beobachten von Handlungen, sondern auch durch das Eintauchen in die gelebten Erfahrungen anderer aus jeder Kultur oder Epoche, einschließlich ihrer Vorfahren (Wie in Lois Lowrys klassischem Jugendroman The Giver aus dem Jahr 1993 anschaulich dargestellt wird). Diese erfahrungsbasierte Aufnahme von Wissen beschleunigt Empathie und Weisheit und fördert eine Gesellschaft, in der Lernen ebenso sehr das Aufnehmen direkter Erfahrungen umfasst wie auch traditionelle Bildung.
Auch Fernbeziehungen können mit einer radikalen Veränderung rechnen. Die physische Distanz wird dann nur noch eine Frage der Verbindungsgeschwindigkeit, sodass Gedanken, Emotionen und Sinneserfahrungen unabhängig von der geografischen Trennung in Echtzeit ausgetauscht werden können. Liebende, Freunde und Familienmitglieder können die Freuden, Sorgen und alltäglichen Momente anderer so erleben, als wären sie im selben Raum, und so eine Form von Intimität schaffen, die über die physische Anwesenheit hinausgeht. Dieser Paradigmenwechsel bringt tiefgreifende Veränderungen in den gesellschaftlichen Strukturen mit sich – die traditionelle Kernfamilie könnte durch flexiblere, global vernetzte familiäre Netzwerke ersetzt werden. Während wir auf diesen Horizont zusteuern, steht das Gefüge menschlicher Verbindungen und Kommunikation kurz vor einer Metamorphose, die das neu definieren wird, was es bedeutet, eng verbunden und „menschlich“ zu sein.
Grenzen der postsymbolischen Kommunikation
Die Reise in die postsymbolische Kommunikation ist nicht ohne Gefahren. Die Werkzeuge, die eine tiefere Verbindung versprechen, könnten auch zu einem Verlust der Individualität führen. Schlimmer noch: Die Teilnehmenden könnten überwacht werden, wodurch unsere Gedanken, Emotionen und Motivationen manipuliert werden könnten. Jedes Fenster in unseren Geist ist auch ein Fenster der Einflussnahme. Im Extremfall besteht die Gefahr, dass die Teilnehmenden keine private Innenwelt mehr haben und sich gleichzeitig von der Außenwelt abkoppeln – eine Dystopie, vor der wir spätestens seit E. M. Forster gewarnt werden und die in den letzten Jahren durch den Film The Matrix[12] aus dem Jahr 1999 am anschaulichsten dargestellt wurde. Eine uneingeschränkte Sichtbarkeit unserer Gedanken ermöglicht ein beispielloses Maß an Manipulation und Kontrolle, möglicherweise durch Technologieunternehmen oder Regierungen, die die Menschheit mit einer alternativen Realität oder Simulation ablenken. Wenn Menschen den Bezug zur Realität der physischen Welt verlieren, könnte ein übermäßiges Vertrauen in telepathische Kommunikation dazu führen, dass traditionelle Kommunikationsfähigkeiten und kulturelle Praktiken verkümmern und Menschen von direkten mentalen Verbindungen abhängig werden. Darüber hinaus könnte in einer Welt, in der die Grenzen zwischen dem Selbst und anderen verschwimmen, die Unantastbarkeit des individuellen Denkens und Erlebens bedroht sein. Kommunikation mit hoher Bandbreite könnte zu einer Homogenisierung von Gedanken und Erfahrungen führen, da individuelle Perspektiven in das kollektive Bewusstsein übergehen und unsere Unterschiede verwischen.
Um Privatsphäre, Autonomie, Vielfalt und menschliche Kontrolle in der Zukunft zu bewahren, ist es unerlässlich, telepathische Kommunikation mit strukturierten Kommunikationsformen mit geringerer Bandbreite in Einklang zu bringen. Herkömmliche Kommunikation, wie Sprache und Text, ist weniger direkt und unmittelbarer als Telepathie, aber strukturiert und bewusst. Sie erfordert, dass Sendende ihre Gedanken in Worte oder Sätze fassen, was ein Maß an Kontrolle und Reflexion bietet, das der unmittelbaren telepathischen Kommunikation fehlt. Märkte und Wahlsysteme sind ebenfalls typische Beispiele für strukturierte Kommunikationsformen mit geringerer Bandbreite und bieten ein Gegengewicht. Auf Märkten werden die unzähligen Entscheidungen von Verbraucherinnen und Verbrauchern sowie Produzierenden über den Preismechanismus kommuniziert. Dieses System ist zwar weniger unmittelbar und detailliert als telepathische Kommunikation, bietet jedoch eine strukturierte und zusammengefasste Möglichkeit, Präferenzen und Werte auszudrücken. Es ermöglicht Privatsphäre bei der Entscheidungsfindung, da Einzelpersonen nicht das gesamte Spektrum ihrer Gedanken und Motivationen offenlegen müssen. Ähnlich verhält es sich mit Wahlen – sie sind eine bewusste, strukturierte Form der Kommunikation, bei der Einzelpersonen ihre politischen und sozialen Präferenzen zu einem festgelegten Zeitpunkt zum Ausdruck bringen. Im Gegensatz zu kontinuierlichen und invasiven telepathischen Datenströmen erfasst die Abstimmung den Willen der Bevölkerung auf eine Weise, die sowohl handhabbar als auch interpretierbar ist, und bewahrt die Autonomie der Wählenden. Dieser strukturierte Ansatz ist entscheidend, um ein Gleichgewicht zwischen effizienter Kommunikation und dem Schutz der persönlichen Autonomie, der Privatsphäre und demokratischer Prozesse zu schaffen und so als wichtige Kontrolle gegen die Überhandnahme einer allumfassenden telepathischen Matrix zu fungieren.
Die künstliche Insel Odaiba, auf der das Miraikan steht, ist so etwas wie ein Monument für ⿻. Sie enthält ein Denkmal für Doraemon, eine Manga-Roboterkatze aus der Zukunft, die in japanischen Zeichentrickfilmen der 1970er Jahre in die Gegenwart zurückkehrte, um die Vorstellungskraft von Kindern zu leiten und die in Taiwan eine große Inspiration war. Das größte Einkaufszentrum auf der Insel heißt DiverCity und ist der Rolle der Vielfalt in der Innovation gewidmet. ↩︎
Jaron Lanier, You Are Not a Gadget a Manifesto, (London [Etc.]: Penguin Books, 2011). ↩︎
P. van Leeuwen, D. Geue, Michael Thiel, Dirk Cysarz, S Lange, Marino Romano, Niels Wessel, Jürgen Kurths, and Dietrich Grönemeyer, “Influence of Paced Maternal Breathing on Fetal–Maternal Heart Rate Coordination,” Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America 106, no. 33 (August 18, 2009): 13661–66. https://doi.org/10.1073/pnas.0901049106. ↩︎
Judith Fernandez, “Olfactory interfaces: toward implicit human-computer interaction across the consciousness continuum,” Diss. Massachusetts Institute of Technology, School of Architecture and Planning, Program in Media Arts and Sciences, 2020. ↩︎
In her 2024 Playing With Reality, physicist and neuroscientist Kelly Clancy speculates that Homo sapiens’ large pre-frontal cortex evolved not to manage large numbers of social relationships, as is commonly believed, but rather to manage a single highly complex relationship with a romantic partner. That the larger brain was ultimately useful for managing large numbers of secondary relationships was, to Clancy, a happy accident. ↩︎
Rao et al., op. cit. ↩︎
Andrea Won, Jeremy Bailenson, Jimmy Lee, and Jaron Lanier, “Homuncular Flexibility in Virtual Reality,” Journal of Computer-Mediated Communication, Volume 20, Issue 3, 1 May 2015, Pages 241–259, https://doi.org/10.1111/jcc4.12107 ↩︎
William Steptoe, Anthony Steed and Mel Slater, “Human Tails: Ownership and Control of Extended Humanoid Avatars” IEEE Transactions on Visualization and Computer Graphics 19, no. 4 (2013): 583-590. ↩︎
Hengameh Marzbani, Hamid Reza Marateb and Marjan Mansourian, “Neurofeedback: A Comprehensive Review on System Design, Methodology and Clinical Applications”, Basic Clinical Neuroscience 7, no, 2: 143-158. ↩︎
Han Huang, Fernanda De La Torre, Cathy Fang, Andrzej Banburski-Fahey, Judith Amores, and Jaron Lanier. “Real-Time Animation Generation and Control on Rigged Models via Large Language Models,” arXiv (Cornell University, February 15, 2024), https://arxiv.org/pdf/2310.17838.pdf (Originally at the 37th Conference on Neural Information Processing Systems (NeurIPS) Workshop on ML for Creativity and Design in 2023). ↩︎
Henri Lorach, Andrea Galvez, Valeria Spagnolo, et al., Walking naturally after spinal cord injury using a brain–spine interface, Nature 618, 126–133 (2023), https://doi.org/10.1038/s41586-023-06094-5 ↩︎
E. M. Forster, “The Machine Stops”, Oxford and Cambridge Review November 1909. ↩︎