Wirkung · 6-5
Lernen
Lernen wird grundsätzlich und weltweit als lebenslanger Prozess betrachtet. Er beginnt mit den prägenden Einflüssen von Familie, Kultur und sozialen Kreisen, wobei das formelle Bildungsumfeld eine kollektive Erfahrung auf dieser Reise darstellt. Unterschiedliche Lebensgeschichten formen die vielfältigen Kommunikationssprachen, Kooperationsmethoden und Wertesysteme, die Menschen in ihren Interaktionen miteinander und mit ihrer Umwelt anwenden.
Signifikante Unterschiede zeigen sich beispielsweise zwischen östlichen und westlichen Kulturen, insbesondere in Bezug auf den Wissenserwerb und die Integration von Gruppen. Die ⿻-Technologie der “Zusammenarbeit über soziale Unterschiede hinweg” fördert gemeinsames Schaffen, indem sie diverse Prozesse der Wissensübertragung aus verschiedenen Weltregionen zusammenführt und nutzbar macht.
Um das volle Potenzial der Lernenden und der Gesellschaft auszuschöpfen, ist es wichtig, von vornherein keine Grenzen zu setzen. Dies erfordert den Aufbau eines offenen, undogmatischen sozialen Lernsystems, in dem die einzigartigen Talente jedes Individuums angemessenen Raum zur angstfreien Entfaltung finden. ⿻-Technologien wie maschinelle Übersetzung, Teilhabe an Realitäten und grenzüberschreitende Gemeinschaften wie Wikipedia (siehe Kapitel Der verlorene Dao) ergänzen und hinterfragen traditionelle, starre Lernpfade und gehen über den Rahmen konventioneller Klassenzimmer und Lehrbücher hinaus.
Mit der Verbreitung des Internets haben sich kollaborative Lernumgebungen zunehmend etabliert. Für den Online-Lernmarkt wird eine durchschnittliche jährliche Wachstumsrate von über 10% prognostiziert.[1] Es wird erwartet, dass die Verbesserung kognitiver Fähigkeiten die langfristige Wirtschaftswachstumsrate der Entwicklungsländer um 2% steigern wird. Studien zufolge kann eine Gesellschaft mit solchen Fähigkeiten ein stabiles BIP-Wachstum von jährlich 0,6% erzielen.[2] Interaktive und personalisierte kollaborative Lernumgebungen können mehr Menschen dabei unterstützen, Lernziele zu erreichen, Schlüsselkompetenzen[3] zu erwerben und den gesellschaftlichen Bedarf zur Entwicklung von Ressourcen zu decken.[4].
Dieses Kapitel zeigt auf, wie Gemeinschaften befähigt werden können, starre Lehrmodelle zu überwinden und sich an das ⿻-Umfeld des lebenslangen Lernens anzupassen. Durch unterhaltsame, gemeinschaftliche Problemlösungen und zielorientierte Projekte können wir kulturelle Gräben überbrücken.
Resiliente Lernsysteme
Die globalen PISA[5]- und ICCS-Berichte[6] für 2022 zeigen, dass Taiwan, Japan, Südkorea und Litauen während der Pandemie entgegen dem Trend Fortschritte erzielten und als resiliente Bildungssysteme gelten[7]. In Taiwan sticht besonders das vielfältige Co-Creation-Lehrmodell des Lehrplans für die Grundbildung 2019 hervor. Es kombiniert erfolgreich physische und digitale Lernmittel und betrachtet “Spontaneität, Interaktion und Gemeinwohl” als neue Grundwerte, die ein Bewusstsein für globale nachhaltige Entwicklung fördern.[8].
Ein Beispiel für diesen innovativen Ansatz ist die “Chenyuluoyan”-Schriftart[9] auf dem Umschlag dieses Buches. Sie entstand als autonomes Lernprojekt zweier Gymnasiast:innen, das soziale Netzwerke und kollaboratives Teamlernen nutzte. Diese unabhängige Entwicklung verkörpert den Geist der Open-Source-Zusammenarbeit, die von individuellen Interessen ausgeht. Im offenen Austausch entfalten sich Wissen und Kreativität im Lernprozess und inspirieren weitere Teilnehmer:innen.[10].
Während Bildungseinrichtungen des letzten Jahrhunderts oft auf Auswendiglernen und detailliertem Erinnern basierten und der Mangel an offenen Inhalten Problemlösung und Teamarbeit fragmentierte, haben sich mit dem Aufkommen der experimentellen Bildung in verschiedenen Ländern selbstorganisierte Lernmodelle entwickelt. Diese fördern sowohl kritisches Denken als auch zwischenmenschliche Kommunikationsfähigkeiten. Diese Fähigkeiten schließen sich nicht gegenseitig aus, sondern ergänzen sich gegenseitig, und mithilfe der ⿻-Technologie überwinden sie ideologische Grenzen und stärken die soziale Resilienz.
Vielfältige und kollaborative Lernnetzwerke
Mit dem Übergang von landwirtschaftlich geprägten Modellen zu informationszentrierten sozialen Beziehungen werden Liberalisierung, Demokratisierung, vielfältige Wahlmöglichkeiten und pluralistische Identitäten zu sich gegenseitig unterstützenden ⿻-Säulen des Lernens. Diese Faktoren treiben auch Innovation und Fortschritt in demokratischen Systemen und der Zivilgesellschaft voran. Allerdings sind wir in diesem Prozess oft mit traditionellen Herausforderungen wie Wettbewerb, ungleich verteilten Ressourcen, unsicheren Arbeitsplätzen und Lücken in der politischen Bildung konfrontiert.
Die Pandemie hat die Verbreitung des selbstorganisierten Lernens und die Integration von Online- und Offline-Angeboten beschleunigt. Sie förderte die Digitalisierung von Bildungsressourcen und erweiterte die Möglichkeiten des autonomen Lernens. Beispielhaft dafür stehen die von der Open University of the UK unterstützte Plattform “FutureLearn” und das mobile Hochschulbildungssystem “Minerva”. Diese Initiativen überwinden traditionelle Grenzen und bieten Lernenden wie Lehrenden vielfältige Lernmethoden und Gelegenheiten zum interkulturellen Austausch.
“FutureLearn”, Europas größte Online-Kursplattform, bündelt Kursressourcen von Universitäten und professionellen Einrichtungen. Sie deckt mehrere Fachbereiche ab, darunter Sozial- und Geisteswissenschaften sowie Kunst und Programmierung. In Zusammenarbeit mit der UNESCO engagiert sich die Plattform in globalen Projekten für lebenslanges Lernen[11]. Darüber hinaus bietet “FutureLearn” kostenlose Kurse an, einschließlich solcher, die Englisch-Grundkenntnisse für Geflüchtete vermitteln[12]. Dies ermöglicht allen einen kostengünstigen oder kostenlosen Zugang zu hochwertiger Bildung, die Erreichung verschiedener Lernziele und bietet dabei maximale Flexibilität.
Das mobile Hochschulbildungssystem Minerva[13] sprengt die Grenzen des traditionellen Campus. Die Studierenden verbringen jedes Semester in einer anderen Stadt und lernen dort durch praktische Anwendung verschiedene Lehrmethoden und kulturelle Besonderheiten kennen. Minerva unterscheidet sich von traditionellen Universitäten durch innovative Ansätze bei der Studierendenauswahl und den Lernmethoden. Es setzt auf globale Rekrutierung und Online-Kleingruppenmodelle, fördert kritisches Denken sowie praktische, anwendungsorientierte Zusammenarbeit und hat dadurch Aufmerksamkeit für seine innovativen Konzepte auf sich gezogen.[14].
Die Zusammenarbeit im Bereich der Bürgertechnologien, die in der dynamischen taiwanesischen Technologiegesellschaft praktiziert wird (siehe Kapitel “Das Leben einer digitalen Demokratie”), hat auch das Open-Source-Projekt “Moedict” hervorgebracht[15]. An diesem Projekt sind Lehrende, Lernende und Eltern beteiligt, die durch praktische Anwendung lernen. Dieser Dienst hat: 160.000 Mandarin-Einträge, 20.000 Taiwanesisch-Einträge und 14.000 Hakka-Einträge. Es handelt sich dabei um ein mehrsprachiges interaktives Online-Wörterbuch, das ein globales und zugleich lokalisiertes Paradigma der “kollaborativen Katalogisierung” darstellt. Es unterstützt nicht nur den Kommunikationsraum einer breiten Community, sondern dient auch als Plattform für den Austausch zwischen verschiedenen Sprachen und Kulturen.
Moedict hat den öffentlichen Sektor dazu inspiriert, die “Creative Commons”-Lizenz[16] aktiv zu übernehmen, was wiederum zur Entwicklung von KI-Modellen wie TAIDE in Taiwan beigetragen hat [17]. Dieses Projekt zeigt, wie lokale Sprachen und öffentliches Wissen in kollaborative Netzwerke integriert werden können. Die Anwendung eines solchen Open-Source-Paradigmas wie “Moedict” hat bereits vor einem Jahrzehnt enge Verbindungen zu offiziellen Bildungseinrichtungen und Organisationen für soziale Innovation geknüpft. Dies zeigt die Interoperabilität zwischen der Open-Source-Co-Editing-Kultur und dem formalen Bildungssystem.
Online-Bibliotheken, Wikipedia und die in Kapitel “Der verlorene Dao” beschriebene gemeinsame Nutzung von Bildern und Texten unter CC-Lizenz sind allesamt wertvolle globale Güter. Sie sind vergleichbar mit Gemeingütern und entstehen auf der Grundlage von Open-Source-Zusammenarbeit. Wie in einem riesigen Weltpark können Werke, die von Bürger:innen aus verschiedenen Ländern und Sprachräumen gemeinsam geschaffen wurden, von einer breiteren Öffentlichkeit verstanden und aktiv gepflegt werden. Dies fördert die Demokratisierung des Wissens und trägt dazu bei, Lücken in der politischen Bildung zu schließen. Dies sind praktische Beispiele dafür, wie sich das Lernen in Richtung des ⿻ -Wegs entwickelt und wie die Öffentlichkeit gegenseitig davon profitiert.
Global vernetztes lebenslanges Lernen
In der menschlichen Gesellschaft haben ⿻-Lernnetzwerke einen innovativen Weg eröffnet und sich zu einem wirksamen Instrument für die Bewältigung komplexer Probleme entwickelt. Globale Herausforderungen wie Klimawandel, Pandemien und wachsende Wohlstandsunterschiede können nicht im Alleingang gelöst werden. Sie überschreiten geografische Grenzen, betreffen das Leben aller Menschen und fordern seit langem zwischen Menschen bestehende Spaltungen und Barrieren heraus.
Krisen bieten jedoch auch Chancen. In dem Bemühen, Schwierigkeiten gemeinsam zu überwinden, beginnen Menschen zu verstehen, wie wichtig es ist, Vorurteile abzubauen und voneinander zu lernen. Die gegenwärtige globale Vernetzung trägt die kulturellen Unterschiede und sozialen Barrieren in sich, die sich über Jahrhunderte und Jahrtausende angesammelt haben. Ihre Entwicklung hat einen tiefgreifenden Einfluss auf die nächste Generation. Angesichts großer existenzieller Krisen erscheinen diese Vorurteile jedoch klein. Nur durch Zusammenarbeit und gegenseitiges Vertrauen können wir neue Ideen entwickeln und innovative, bisher unbekannte Lösungen finden.
Die Weisheit verschiedener Gruppen wird durch offene Zusammenarbeit zu einer mächtigeren Kraft. Enzyklopädien und freie Software von globalen Nutzern:innen und Open-Source-Gemeinschaften entwickelt und aufgebaut sind Beispiele für ⿻ -Lernfelder, in denen die Menschheit zusammenarbeitet und Grenzen überwindet.
Angesichts der Durchbrüche in der KI-Technologie können wir aktiv anfangen, innovatives Denken auf Bereiche wie Deliberation, Arbeitswelt und Gesundheit anzuwenden. Durch Open-Source-Konzepte, neutrale Datensätze und Tools zur Erkennung von Verzerrungen kann KI uns helfen, flexiblere kulturübergreifende Kommunikationsmodelle zu entwickeln und die Fähigkeit von Organisationen zur Bewältigung komplexer Probleme zu verbessern. Taiwan hat auf Basis des Open-Source-Konzepts erweiterte Beratungstechnologien wie “Talk to the City”[18] eingesetzt, um die Auswirkungen der KI zu optimieren. Durch Beteiligung der Bürger:innen wird die Vollständigkeit der Informationen sichergestellt, werden kulturelle Barrieren überwunden und die soziale Resilienz gestärkt.
KI kann durch die Analyse kultureller Normen, sozialer Gepflogenheiten und Unterschieden sprachlicher Nuancen zur Entwicklung inklusiver, kulturübergreifender Kommunikationsmodelle beitragen. Werden diese Faktoren und Möglichkeiten verstanden, kann KI Individuen auch dabei helfen, potenzielle kulturelle Barrieren zu überwinden und Kommunikationsstile anzupassen, um gegenseitiges Verständnis zu fördern. Sie kann potenziell schädliche oder voreingenommene Sprache identifizieren und Lösungen anbieten. Neutrale Datensätze können als Referenz dienen, um Verzerrungen und Vorurteile in neuen Datensätzen zu erkennen und zu korrigieren. In Kombination mit verschiedenen kollaborativen Open-Source-Tools ermöglichen sie eine Echtzeitüberprüfung und -anpassung der Daten, um eine ausgewogenere und fairere Grundlage für KI-Systeme zu schaffen. Dies ist entscheidend, um zu verhindern, dass diese Datensätze künftige KI-Generationen korrumpieren oder negativ beeinflussen.
Diese Entwicklungen führen dazu, dass etablierte Lernmethoden anfangen, sich zu ändern. Dies stärkt nicht nur das Vertrauen in einen wichtigen Lernansatz mit breiterem Gedankenaustausch, sondern kann auch die Freude an der Teilnahme steigern und die Möglichkeiten des realen Lernens erweitern.
Wie sich Daten im Internet in Wissen verwandeln, hängt von unserer Beziehung zu uns selbst, zum Leben, zur Welt und zum Lernen ab. Verlieren wir diese Verbindungen, geht der Sinn verloren. Doch durch das breite Spektrum globaler Gemeinschaftsnetze können wir neue Energie schöpfen und zur Realität zurückfinden und wieder mehr Zukunftsperspektiven erkennen. Wir können fortwährend neue Sinnzusammenhänge schaffen: Lernen ist sowohl eine Fortsetzung bestehenden Wissens als auch die Geburt von Innovation. Stellen Sie sich vor, Sie könnten kollaborative Fähigkeiten und offene Inhalte nutzen, um Informationen zu verifizieren, wenn Sie mit komplexen Texten konfrontiert werden. In unserer Zeit rasanter technologischer Entwicklung wird die menschliche Weisheit nicht verschwinden. Im Gegenteil, sie wird aufgrund unseres tiefen Verständnisses von Wissen und Erfahrung sowie unserer vielfältigen Nutzung von Werkzeugen eine größere Vitalität entfalten.
Wenn es uns gelingt, reziproke Technologien geschickt mit kollektivem Wissen zu verknüpfen, können wir lebenslanges Lernen fördern und Menschen ermutigen, intellektuelle Risiken einzugehen und unbekannte Bereiche zu erforschen. Diese Lernenden können den Rahmen binärer Gegensätze überwinden und in interdisziplinären Prozessen vielfältige, grenzenlose Wissensnetzwerke der ⿻ schaffen. Dieses Ideal werden wir im Folgenden näher erläutern.
Unendliche Spiele und ⿻ Bürger:innen
Der Geist des “Edutainment” verwebt das Streben nach Wissen mit dem Teilen von Freude. Mit unendlichen Kombinationsmöglichkeiten eröffnen sich zahllose Chancen für die gemeinsame Schaffung innovativen Denkens. Übertragen wir diese Perspektive in den Kontext des kollaborativen Lernens, wird deutlich, dass wahrhaft freudvolles Lernen eher ein Prozess unendlicher Kombinationen ist. Es ist nicht auf enge Bewertungskriterien beschränkt, sondern ermutigt die Lernenden, sich von festgefahrenen Denkmustern zu lösen. Durch die Verflechtung vielfältiger Perspektiven entstehen kontinuierlich neue Erkenntnisse.
In seinem Buch “Finite and Infinite Games” vergleicht James Carse den Lebensweg mit einem Spiel und führt in die Konzepte der endlichen und unendlichen Spiele ein. Diese Perspektive lässt sich auch auf den Kerngedanken des Edutainment anwenden: wählen wir auf unserer Lebensreise , entweder sozialen Zwängen zu folgen, das Win-Lose-Modell endlicher Spiele mit festgelegten Grenzen zu akzeptieren und kurzlebige Siege anzustreben, oder entscheiden wir uns dafür, aufgeschlossene Teilnehmende zu sein, die sich auf vielfältige Aspekte der Schöpfung einlassen – von zwischenmenschlichen Interaktionen bis hin zum kulturellen Austausch – und erleben die Freude am fortwährenden Engagement und Lernen.
In seinem Werk “Imagined Communities” untersucht Benedict Anderson eingehend, wie die Kommunikation durch eine gemeinsame Sprache ein Gefühl nationaler Identität formt. Er zeigt auf, wie die gemeinsame Sprache in Literatur und Erzählung die Bildung eines Gemeinschafts-Bewusstseins fördert. Anderson betrachtet die Entstehung nationaler Identität als sozialen Konstruktionsprozess, vermittelt durch den Printkapitalismus – also durch Zeitungen und Romane. Dieser Prozess ermöglicht es Menschen, sich als Teil einer größeren Gemeinschaft mit gemeinsamen Interessen und Identitäten zu sehen. Diese Dynamik ähnelt der Lernumgebung, in der Erzählungen, Sprachen und Symbole entscheidend die Identität der Lernenden und ihr Zugehörigkeitsgefühl zu lokalen, nationalen oder globalen Gemeinschaften prägen.
Andersons Analyse unterstreicht die Bedeutung von Narrativen und Diskursen bei der Konstruktion von Systemen, gemeinsamen Wissen und der Entwicklung von Gemeinschaften. Bildungsinhalte und Lehrmethoden, die unterschiedliche Narrative anerkennen und einbeziehen, können ein inklusiveres und pluralistischeres Lernumfeld schaffen. Dies fördert die Resilienz von Lernsystemen und globale Gemeinsamkeiten. Die Lernenden formen ihr Selbstbild und ihr Gemeinschaftsgefühl durch die Interaktion mit vielfältigen Geschichten.
Gesellschaftliche, staatliche und kapitalistische Werte basieren oft auf kollektiven Abhängigkeiten – elterliche Erwartungen, partnerschaftliche Ansprüche, Gruppendruck sowie rationale und irrationale Selbsteinschätzungen. Diese sollten jedoch nicht zum alleinigen Maßstab für persönliches Wachstum und Lernen werden. Taylor Swifts Botschaft in ihrer Rede an der New York University – mutig die Person zu werden, die man im Herzen sein möchte – ermutigt zu einer natürlichen Selbstentdeckung[19]. Sie befürwortet eine offene, vielfältige Lernreise, die die Freude am Lernen bewahrt und Menschen zur Erkundung antreibt.
Die im Gruppenleben erworbenen Kenntnisse und Fähigkeiten, wie zum Beispiel schulische Etikette, sind wesentliche Werkzeuge für zwischenmenschliche Interaktionen, die Achtung der Menschenrechte, das Verständnis von Freiheit und Vielfalt sowie die Bewältigung verschiedener Situationen nach dem Schulabschluss, am Arbeitsplatz und im Leben allgemein. Dies verdeutlicht, dass Lernen nicht nur ein Prozess der Wissensanhäufung ist, sondern auch ein komplexer Vorgang zur “Identitätsfindung und des Aufbaus eines Gemeinschaftsgefühls”. Ein anschauliches Beispiel hierfür ist die Amateurfunk-Gemeinschaft. Ihre bedeutenden Beiträge zur Wissenschaft, Industrie, zu sozialen Diensten und zur Satellitenkommunikation basieren auf der Freude am Lernen und einem ausgeprägten Gemeinschaftssinn.
Die Globalisierung hat dazu geführt, dass sich Subkulturen rasch von Nischenkreisen zu einer Art imaginärer Gemeinschaft entwickelt haben. Funkamateure, interaktive Online-Gemeinschaften und die kulturelle Verbreitung von ACG (Animation, Comics und Spiele) zeigen, wie die Grenzen von Wissen, Bildung und Lernen neu definiert werden. Diese kollaborative Innovation überschreitet traditionelle Grenzen und bricht die Interaktion herkömmlicher Identitäten auf. Sie ermöglicht es, die Einzigartigkeit und das Potenzial der individuellen Lernreise eingehend zu erforschen und zu respektieren, wodurch die Landschaft des gemeinsamen Lernens unterschiedlicher Bürger:innen weiter bereichert wird.
Der Bereich der digitalen Spiele, insbesondere Multiplayer-Spiele, eignet sich hervorragend als Lernumgebung. Minecraft und die “Civilization”-Spielereihe sind eindrucksvolle Beispiele hierfür. Spieler:innen können Themen wie soziale Entwicklung, globale Erwärmung, Wahlgerechtigkeit, Weltraumforschung und künstliche Intelligenz erkunden. Diese Spiele fördern nicht nur Zusammenarbeit, Kreativität und Problemlösungsfähigkeiten unter den Teilnehmenden, sondern sind auch frei von Alters- oder Berufsgrenzen. Mit der Weiterentwicklung der virtuellen Realität werden sich die Lernwege erweitern, wobei Sinn und Zweckmäßigkeit wichtiger sein werden als formale Qualifikationen.
Gamifizierte Lernumgebungen durchbrechen die traditionellen Grenzen zwischen Lehrenden und Lernenden und schaffen immersive, interaktive Erfahrungen. In solchen Umgebungen wird jede:r Teilnehmende zum Schöpfer und Teilhaber von Wissen. Dieses Gefühl der Beteiligung und des Erreichens macht den besonderen Reiz des gamifizierten Lernens aus.
Jede Zusammenarbeit und jedes Projekt wird zur Fortsetzung eines Spiels, in dem individuelle Einzigartigkeit hervorgehoben und kollektive Weisheit gesammelt werden kann. Es ist ein Tanz mit sich selbst, mit anderen und mit der Welt in einem unendlichen Spiel. In diesem Spiel entsteht das Konzept des Edutainment aus dem Engagement bei der Teilnahme, und der Sinn ergibt sich aus dem Prozess der Erkundung.
Lassen wir uns auf diese unendlichen Möglichkeiten ein, damit Lernen nicht länger ein endliches, ergebnisorientiertes Spiel ist, sondern ein ⿻-unendliches Spiel voller Überraschungen und freigesetzter Potenziale, bei dem jede:r Teilnehmende unverzichtbar zur Mitgestalter:in wird.
Eric A. Hanushek und Ludger Woessmann untersuchten in ihrer 2008 im Journal of Economic Literature veröffentlichten Arbeit den Zusammenhang zwischen kognitiven Fähigkeiten und Wirtschaftswachstum in 50 Ländern und fanden eine signifikante positive Korrelation zwischen beiden. ↩︎
Die Forschung des Ökonomen Eric Hanushek zeigen, dass in Entwicklungsländern jede Standardabweichung bei den kognitiven Fähigkeiten die langfristige Wirtschaftswachstumsrate um 2 Prozentpunkte erhöhen kann. Dies bedeutet, dass die Auswirkungen einer Verbesserung der Bildungsqualität auf das Wirtschaftswachstum noch größer sind als die Anzahl der Schuljahre. ↩︎
https://www.oecd-ilibrary.org/education/oecd-skills-outlook-2023\_27452f29-en ↩︎
https://www.oecd.org/pisa/ & https://focustaiwan.tw/culture/202312060017 ↩︎
https://www.futurelearn.com/courses/collections/refugees-displaced-people ↩︎
https://language.moe.gov.tw/001/Upload/Files/site\_content/M0001/respub/index.html ↩︎
https://moda.gov.tw/major-policies/alignment-assemblies/2023-ideathon/1459 ↩︎