Freiheit · 4-2
Assoziationsfreiheit und ⿻ Öffentlichkeit
(Assoziationsfreiheit, verstanden als das grundlegende Recht, sich frei zu versammeln, Gemeinschaften zu bilden und kollektiv zu handeln.)
Während die Kakophonie des Krieges durch die engen Straßen der Stadt im Nahen Osten hallte, hüllten ein unerbittliches Gewehrfeuer und der gespenstische Tanz der Flammen die Metropole in Staub und Rauch ein, und ein Stromausfall stürzte fast die Hälfte der Stadt in furchterregende Dunkelheit. Das digitale Rückgrat der Stadt, einst ein Leuchtturm der vernetzten Perfektion, lag in Scherben - die Datenbanken der Regierung lagen in Trümmern, die Kommunikationsnetze waren durch geschickte feindliche Hacker:innen durchtrennt worden, und die Wächter:innen der Stadt rangen um die letzten Strategien, um dem Chaos die Kontrolle wieder zu entreißen.
Inmitten des Chaos ruhte die Hoffnung einer ganzen Nation auf einer Gruppe von Hacker:innen. Sie waren die letzte Bastion der Verteidigung, die letzten Wächter:innen. Diese dezentralisierte Gruppe berief einen Hackathon mit dem treffenden Namen „Guard“ ein. Faisal war einer von ihnen. In einer Welt, die im Chaos versinkt, war die Gruppe durch ihre unerschütterliche Entschlossenheit und ihr Können ein Leuchtfeuer der Hoffnung.
Er setzte sein Headset auf und aktivierte seinen Assistenten, um eine nicht zurückverfolgbare Internetadresse einzurichten. Er schaltete die Datenschutzoption seiner digitalen Brieftasche ein und wies sich mit seinem Staatsbürgerschaftsnachweis und einer Vielzahl von Anmeldeinformationen aus vergangenen Hackathons aus. Solche Vorsichtsmaßnahmen waren in diesen dunklen Zeiten unerlässlich geworden.
Als Faisal die „Guard“-Schnittstelle betrat, wirkte sie wie jeder andere Online-Chatroom. Die Anonymität war greifbar, – niemand sprach oder tippte auch nur eine Nachricht. Alles, was man sehen konnte, waren stumme Avatare, die die Teilnehmer repräsentierten. Der Unterschied lag jedoch in der sicheren Grundlage, die verhinderte, dass jemand den Inhalt nach außen trug, und die gleichzeitig sicherstellte, dass alle Anwesenden genau hörten, was in dieser letzten Bastion der Hoffnung gesagt wurde.
Der Moderator, die einzige Stimme in dem stillen Raum, begann: „Auf Ihrem Bildschirm werden gleich einige Einführungen und Grundregeln angezeigt. Jedem von Ihnen werden Fragen gestellt, um Ihre Anwesenheit zu bestätigen.“ Es folgte eine Warnung, die auf die Gefahr eines Ausschlusses bei Nichteinhaltung oder Verdacht hinwies.
Bald erschien ein virtueller römischer Soldat auf dem Bildschirm, der die große Vision von „Guard“ erläuterte – ein dezentralisiertes Verteidigungssystem für die digitale Stadt zu errichten. Faisal ging die Fragen schnell durch, und als er in den Hauptraum zurückkehrte, stellte er fest, dass nur noch die Hälfte der ursprünglichen Teilnehmer anwesend war. Dieser Filterungsprozess schien das Eis zu brechen, denn der Raum belebte sich mit Gesprächen.
Die Wächter verschwendeten keine Zeit und begannen mit ihrer Mission. Faisal bevorzugte aufgrund seines Fachwissens die Gruppe für die Sicherheit des Stromnetzes. Doch ihr Gespräch wurde durch ein plötzliches Klingeln unterbrochen. Faisal nahm den Hörer ab, und die Stimme auf der anderen Seite rief: „Haben Sie etwas entdeckt? Wir müssen die restlichen Stromnetze abschalten.“
Die Dringlichkeit in der Stimme war greifbar. Faisal antwortete: „Ich kann keinen geheimen Weg hinein finden. Die Sicherheit ist durch die Protokolle gewährleistet. Ich kann um formellen Zugang bitten, aber alle müssen zustimmen.“ Er fuhr fort: „Wenn auch nur ein Teilnehmer widerspricht, könnte ich eine Kopie erhalten, aber ich wäre nicht in der Lage zu erkennen, ob sie authentisch ist.“
„Gibt es keine Möglichkeit, den Originalcode zu duplizieren?“, fragte die Stimme, deren Verzweiflung offensichtlich war.
„Ich werde es weiter versuchen“, versprach Faisal.
In seiner klassischen Zusammenfassung seiner Beobachtungen über die Demokratie in Amerika hob der französische Aristokrat und Reisende Alexis De Toqueville die zentrale Bedeutung der Bürgervereinigung für die amerikanische Selbstverwaltung hervor: „Nichts … verdient unsere Aufmerksamkeit mehr als die intellektuellen und moralischen Vereinigungen Amerikas.“ Darüber hinaus war er der Ansicht, dass solche Vereinigungen für politisches Handeln und sozialen Fortschritt notwendig seien, da die Gleichheit der Individuen ein umfassendes Handeln von Einzelpersonen allein unmöglich gemacht habe: „Wenn die Menschen zivilisiert bleiben sollen … muss die Kunst, sich zusammenzuschließen, in demselben Verhältnis wachsen und sich verbessern, in dem die Gleichheit der Bedingungen zunimmt.“[1]
Kein Einzelner hat jemals allein einen politischen, sozialen oder wirtschaftlichen Wandel bewirkt. Gemeinsame Anstrengungen durch politische Parteien, Bürgervereinigungen, Gewerkschaften und Unternehmen sind immer notwendig. Für ⿻ sind diese und andere weniger formale soziale Gruppierungen ebenso grundlegend für das soziale Gefüge wie der Einzelne. In diesem Sinne sind Vereinigungen das Yin zum Yang des Personseins in den grundlegendsten Rechten, und aus demselben Grund sind sie die Geißel der Tyrannen. Um noch einmal de Tocqueville zu zitieren: „Kein Charakterfehler eignet sich besser für den [Despotismus] als der Egoismus; ein Tyrann ist entspannt genug, um seinen Untertanen zu verzeihen, wenn sie ihn nicht lieben, vorausgesetzt, sie lieben sich nicht gegenseitig.“ Nur wenn wir die Fähigkeit zur Bildung neuer, sinnvoller Vereinigungen fördern und schützen, können wir auf Freiheit, Selbstverwaltung und Vielfalt hoffen.
Das Potenzial von Computern und Netzwerken, solche Vereinigungen zu erleichtern, war der Kern von Lick und Taylors Vision des „Computers als Kommunikationsgerät“: „Es werden Gemeinschaften sein, die sich nicht an einem gemeinsamen Ort befinden, sondern gemeinsame Interessen haben.“[2] Tatsächlich definiert die Online-Version des populären englischen Wörterbuchs Merriam-Webster eine Vereinigung genau so: „eine Organisation von Personen, die ein gemeinsames Interesse teilen.“[3] Angesichts ihrer gemeinsamen Ziele, Überzeugungen und Neigungen glaubten Lick und Taylor, dass diese Gemeinschaften weitaus mehr erreichen könnten als vordigitale Vereinigungen. Die einzige Herausforderung, die die Autoren voraussahen, bestand darin, dafür zu sorgen, dass „‚online sein’… ein Recht“ und nicht „ein Privileg“ ist. Vieles von dieser Vision hat sich natürlich als unglaublich vorausschauend erwiesen, da viele der heute prominentesten politischen Bewegungen und Bürgerorganisationen online entstanden sind oder dort ihren größten Erfolg erzielt haben.[4]
Doch paradoxerweise hat der Aufstieg des Internets in gewisser Weise auch einige der wichtigsten Merkmale der Vereinigungsfreiheit bedroht. Wie Lick und Taylor betonten, erfordert die Bildung einer Vereinigung oder Gemeinschaft die Feststellung einer Reihe von gemeinsamen Überzeugungen, Werten und Interessen, die den Kontext für die Vereinigung und die Kommunikation innerhalb der Vereinigung bilden. Wie Simmel und Nissenbaum betonen, muss dieser Kontext außerdem vor externer Überwachung geschützt werden: Wenn Einzelpersonen glauben, dass ihre Kommunikation innerhalb ihrer Vereinigung von Außenstehenden überwacht wird, sind sie oft nicht bereit, den Kontext der gemeinsamen Gemeinschaft zu nutzen, weil sie befürchten, dass ihre Worte von denen missverstanden werden, für die diese Kommunikation nicht bestimmt war.
Das Internet ermöglicht zwar ein weitaus breiteres Spektrum an potenziellen Vereinigungen, hat aber die Feststellung und den Schutz des Kontexts erschwert. Da sich Informationen immer weiter und schneller verbreiten, ist es schwierig geworden zu wissen, mit wem man spricht und was man mit ihm teilt. Darüber hinaus ist es für neugierige Außenstehende leichter denn je geworden, Vereinigungen auszuspionieren oder als deren Mitglieder in unangemessener Weise Informationen außerhalb des beabsichtigten Kontexts zu verbreiten. Um den Traum von Lick und Taylor zu verwirklichen und damit die digitale Welt zu einer Welt zu machen, in der ⿻ Vereinigungen florieren, ist es daher erforderlich, den Informationskontext zu verstehen und ⿻ Systeme zu schaffen, die ihn unterstützen und schützen.
In diesem Kapitel werden wir daher eine Theorie der informationellen Anforderungen von Vereinigungen aufstellen. Anschließend werden wir bestehende Technologien erörtern, die bei der Feststellung des Kontexts und seinem Schutz bereits helfen oder helfen könnten. Wir werden dann eine Vision aufzeigen, wie diese Technologien kombiniert werden können, um nicht nur Privatsphäre oder öffentliche Aufmerksamkeit zu erreichen, sondern vielmehr „⿻ Öffentlichkeiten“: das Gedeihen vieler Vereinigungen mit gemeinsamem Interesse, die vor externer Überwachung geschützt sind**. Wir werden auch erläutern, warum dies so entscheidend für die Unterstützung der anderen digitalen Rechte ist.
Vereinigungen
Wie bilden Menschen „eine Organisation von Personen, die ein gemeinsames Interesse haben“? Eine Gruppe von Menschen, die zufällig ein gemeinsames Interesse haben, reicht natürlich nicht aus. Es kann sein, dass Menschen ein gemeinsames Interesse haben, sich aber nicht kennen, oder dass sie sich kennen, aber keine Ahnung von ihrem gemeinsamen Interesse haben. Wie Sozialwissenschaftler und Spieltheoretiker in jüngster Zeit betont haben, erfordert das kollektive Handeln, das durch „Organisation“ impliziert wird, eine stärkere Vorstellung davon, was es bedeutet, ein „Interesse“, eine „Überzeugung“ oder ein „Ziel“ gemeinsam zu haben. In der Fachsprache dieser Disziplinen wird der erforderliche Zustand als (ungefähres) „gemeinsames Wissen" bezeichnet.
Um zu verdeutlichen, was dies für einen Spieltheoretiker bedeutet, kann es hilfreich sein, sich zu vergegenwärtigen, warum das bloße Teilen einer Überzeugung nicht ausreicht, um effektives gemeinsames Handeln zu ermöglichen. Stellen Sie sich eine Gruppe von Menschen vor, die zufällig alle eine gemeinsame zweite Sprache sprechen, von der aber keiner weiß, dass die anderen sie sprechen. Da sie alle unterschiedliche Erstsprachen sprechen, werden sie sich zunächst nicht leicht verständigen können. Die Kenntnis der Sprache allein wird ihnen nicht viel nützen. Vielmehr müssen sie lernen, dass auch die anderen die Sprache beherrschen. Das heißt, sie müssen nicht nur über Grundkenntnisse verfügen, sondern über das „übergeordnete“ Wissen, dass andere etwas wissen.[5]
Die Bedeutung eines solchen Wissens höherer Ordnung für kollektives Handeln ist eine solche Binsenweisheit, dass sie Eingang in die Folklore gefunden hat. In dem klassischen Märchen „Des Kaisers neue Kleider“ von Hans Christian Andersen gaukelt ein Schwindler dem Kaiser vor, er habe ihm ein wertvolles neues Gewand gesponnen, während er ihn in Wirklichkeit nackt gelassen hat. Die Zuschauer sehen zwar alle, dass er nackt ist, trauen sich aber nicht, dies zu bemerken, bis das Lachen eines Kindes nicht nur das Verständnis dafür weckt, dass der Kaiser nackt ist, sondern auch dafür, dass die anderen diese Tatsache erkennen, so dass sich jeder traut, dies zuzugeben. Ähnliche Effekte sind aus einer Reihe von sozialen, wirtschaftlichen und politischen Bereichen bekannt:
- Weithin sichtbare Erklärungen zur Beruhigung sind oft notwendig, um einen Ansturm auf Banken zu verhindern, denn wenn alle denken, dass die anderen stürmen werden, werden sie es auch tun.[6]
- Die Aufdeckung „offener Geheimnisse“ von Missständen (z. B. sexuellem Fehlverhalten) führt oft zu einer Flut von Anschuldigungen, da den Anklagenden bewusst wird, dass andere „hinter ihnen stehen“, wie in der „#MeToo“-Bewegung.[7]
- Öffentliche Proteste können Regierungen zu Fall bringen, die lange Zeit von der Bevölkerung abgelehnt wurden, indem sie ein allgemeines Bewusstsein für die Unzufriedenheit schaffen, welches sich in politische Macht umsetzt.[8]
Mathematisch gesehen ist „gemeinsames Wissen“ definiert als eine Situation, in der eine Gruppe von Menschen etwas weiß und weiß, dass alle es wissen, und weiß, dass alle wissen, dass alle es wissen, und so weiter ad infinitum. „Gemeinsame Überzeugung“ (oft durch einen Grad der Überzeugung quantifiziert) liegt vor, wenn eine Gruppe glaubt, und glaubt, dass alle glauben, und glaubt, dass alle glauben, dass … Zahlreiche spieltheoretische Analysen haben gezeigt, dass eine solche gemeinsame Überzeugung eine entscheidende Voraussetzung für koordiniertes Handeln in Situationen „riskanter kollektiver Maßnahmen“ wie den oben genannten ist, in denen Einzelpersonen ein gemeinsames Ziel erreichen können, wenn sie sich ausreichend koordinieren, aber Schaden nehmen, wenn sie ohne die Unterstützung anderer handeln.[9]
Während die gemeinsamen Überzeugungen einer Gruppe von Menschen offensichtlich mit den tatsächlichen gemeinsamen Überzeugungen ihrer durchschnittlichen Mitglieder zusammenhängen, sind sie konzeptionell unterschiedlich. Wir alle kennen Beispiele, in denen eine „konventionelle Weisheit“ oder Norm fortbestand, obwohl fast alle in einer Gruppe individuell und privat damit nicht einverstanden waren; tatsächlich war es genau diese Beobachtung, die den Ökonomen J.K. Galbraith dazu veranlasste, den Begriff „konventionelle Weisheit“ zu prägen.[10] Darüber hinaus können wir diesen Begriff der Gemeinschaft nicht nur auf Überzeugungen über Fakten beziehen, sondern auch auf moralische oder intentionale Überzeugungen. Wir können uns eine „gemeinsame Überzeugung“ (im moralischen Sinne) einer Gemeinschaft als etwas vorstellen, von dem alle glauben, dass alle anderen es als moralisches Prinzip halten und glauben, dass alle anderen glauben, dass alle es halten, usw. Ebenso kann ein „gemeinsames Ziel“ etwas sein, von dem alle glauben, dass es andere beabsichtigen, und glauben, dass alle glauben, dass alle es beabsichtigen, und so weiter. Solche „gemeinsamen Überzeugungen“ und „gemeinsamen Absichten“ sind wichtig für das, was oft als „Legitimität" bezeichnet wird, die allgemein verständliche Vorstellung davon, was angemessen ist.[11]
In der Spieltheorie ist es üblich, Individuen als eine Ansammlung von Absichten/Präferenzen und Überzeugungen zu modellieren. Dieser Begriff der Gemeinschaft ermöglicht es, über Gruppen ähnlich und doch anders als über die Individuen, aus denen sie bestehen, nachzudenken, da gemeinsame Überzeugungen und Absichten nicht unbedingt mit denen der Individuen, die Teil dieser Gruppe sind, übereinstimmen müssen (im Durchschnitt): Gruppenüberzeugungen und -ziele sind gemeinsame Überzeugungen und Ziele dieser Gruppe. In diesem Sinne kann die Freiheit, Vereinigungen zu gründen, als die Freiheit verstanden werden, gemeinsame Überzeugungen und Ziele zu schaffen. Die Schaffung von Vereinigungen reicht jedoch nicht aus. Genauso wie wir im vorherigen Kapitel argumentiert haben, dass der Schutz von Geheimnissen für die Wahrung der individuellen Identität von entscheidender Bedeutung ist, müssen sich Vereinigungen auch vor Überwachung schützen können, denn wenn ihre gemeinsamen Überzeugungen einfach zu den Überzeugungen aller werden, hören sie auf, eine eigenständige Vereinigung zu sein – genauso wie eine Person, die all ihre Geheimnisse preisgibt, aufhört, eine Identität zu haben, die es zu schützen gilt. Daher ist der Schutz der Privatsphäre vor externer Überwachung oder interner Weitergabe ebenso wichtig wie die Feststellung der Vereinigungen für ihre Freiheit.
Es ist daher wenig überraschend, dass viele der historischen Technologien und Räume, die uns in den Sinn kommen, wenn wir an die Assoziationsfreiheit denken, genau darauf ausgerichtet sind, gemeinsame Überzeugungen zu erreichen und gemeinsame Überzeugungen vor externen Einflüssen von Außenstehenden zu schützen. Sucht man in der Online-Bildsprache oder in den Schriften politischer Philosoph:innen nach „Assoziationsfreiheit“, so stößt man in der Regel auf Bilder von Protesten im öffentlichen Raum, Versammlungen im öffentlichen Raum wie in Parks und auf Plätzen und Gruppendiskussionen in privaten Clubs.[12] Wie oben dargestellt, sind Gruppentreffen und Erklärungen, die offen vor den Gruppenmitgliedern abgegeben werden, von entscheidender Bedeutung, um gemeinsame Überzeugungen und ein Verständnis innerhalb dieser Gruppe zu erreichen. Private Pamphlete mögen zwar einzelne Personen überzeugen, aber angesichts des Mangels an gemeinsamer Beobachtung haben Spieltheoretiker:innen argumentiert, dass sie Schwierigkeiten haben, öffentliche Überzeugungen auf die gleiche Weise zu schaffen, wie es eine gemeinsame Erklärung kann, etwa das öffentliche Lachen eines Kindes.
Aber rein öffentliche Räume haben wichtige Einschränkungen: Sie erlauben es Gruppen nicht, ihre Ansichten zu bilden und ihre Handlungen außerhalb der breiteren Öffentlichkeit zu koordinieren. Dies kann ihren Zusammenhalt, ihre Fähigkeit, nach außen hin geschlossen aufzutreten, und ihre Fähigkeit, unter Nutzung eines internen Kontextes effektiv zu kommunizieren, untergraben. Aus diesem Grund verfügen Vereinigungen so oft über abgeschlossene Versammlungsorte, die nur Mitgliedern zugänglich sind. Sie ermöglichen Geheimhaltung, die Simmel als entscheidend für die Wirksamkeit und den Zusammenhalt von Gruppen hervorhob.[13] Die entscheidende Frage, mit der wir uns daher konfrontiert sehen, ist, wie Systeme der Netzwerkkommunikation in der schönen neuen Welt der „Interessengemeinschaften“ dieselben oder sogar noch effektivere Möglichkeiten bieten können, um geschützte gemeinsame Überzeugungen zu schaffen.
Feststellung des Kontexts
In dem Maße, in dem Parks und Plätze Schauplatz von Protesten und kollektiven Aktionen sind, könnten wir durchaus nach einem digitalen öffentlichen Platz suchen, eine Funktion, die viele Plattformen angeblich erfüllen.[14] Websites im ursprünglichen World Wide Web haben einer Reihe von Menschen beispiellose Möglichkeiten geboten, ihre Botschaften zu verbreiten. Doch wie der Wirtschaftsnobelpreisträger Herbert Simon bekanntlich feststellte, führte diese Informationsflut zu einem Mangel an Aufmerksamkeit.[15] Bald wurde es schwierig zu wissen, ob, wer und wie eine Website mit proprietären Suchsystemen wie Google ein Publikum erreichte. Proprietäre soziale Netzwerke wie Facebook und Twitter wurden zu den bevorzugten Plattformen für die digitale Kommunikation, lösten das Problem jedoch nur teilweise, da sie nur begrenzte (und in der Regel kostenpflichtige) Möglichkeiten boten, das Publikum zu verstehen. Der digitale öffentliche Raum war zu einem privaten Konzessionsgebiet geworden, wobei die Geschäftsführer:innen dieser Unternehmen sich stolz zu öffentlichen Versorgungsunternehmen oder zum öffentlichen Raum des digitalen Zeitalters erklärten, während sie die Interaktionen der Nutzer:innen durch gezielte Werbung überwachten und monetarisierten.[16]
In jüngster Zeit wurden einige Anstrengungen unternommen, um dieses Problem anzugehen. Das World Wide Web Consortium (W3C) veröffentlichte dazu den ActivityPub-Standard von Christine Lemmer-Webber und Jessica Tallon. Er wird empfohlen, um ein offenes Protokoll für soziale Netzwerke zu ermöglichen, das offene Systeme wie Mastodon in die Lage versetzt, Millionen von Menschen auf der ganzen Welt zu vernetzten und dezentralisierte Dienste – ähnlich wie Twitter – anzubieten. Twitter selbst erkannte das Problem und startete 2019 die BlueSky-Initiative, die nach der Übernahme von Twitter (jetzt X) durch Elon Musk schnell an Aufmerksamkeit gewann. Der Philanthrop Frank McCourt hat stark in Project Liberty[17] und sein dezentrales soziales Netzwerkprotokoll als weitere, Blockchain-basierte Grundlage für dezentrale Netzwerke investiert. Es ist zwar schwer vorherzusagen, welche dieser Ansätze sich durchsetzen werden, wie sie sich konsolidieren werden und so weiter, aber die jüngsten Schwierigkeiten von X in Kombination mit der Vielfalt der lebendigen Aktivitäten in diesem Bereich lassen auf weitere Zusammenarbeit und Konvergenz bei einem offenen Protokoll für nutzbare digitale Veröffentlichungen schließen.
Öffentlichkeitsarbeit ist jedoch nicht dasselbe wie die Schaffung einer Gemeinschaft und einer entsprechenden Vereinigung. Das Posten im Internet ähnelt vielmehr der Verteilung einer Flugschrift als der Durchführung einer öffentlichen Protestkundgebung. Für diejenigen, die einen Beitrag sehen, ist es schwierig zu erkennen, wer und wie viele andere dieselben Informationen konsumieren, und sicherlich ist es schwierig, ihre Ansichten dazu einzuschätzen. Der Beitrag kann ihre Überzeugungen beeinflussen, aber es ist schwierig, gemeinsame Überzeugungen unter einer identifizierbaren Gruppe von Gleichgesinnten zu schaffen. Funktionen, die die Viralität und Aufmerksamkeit von Beiträgen hervorheben, können zwar etwas helfen, machen die Ansprache einer Zielgruppe mit einer Botschaft jedoch weitaus ungenauer, als es in physischen öffentlichen Räumen möglich ist.
Eine der interessantesten potenziellen Lösungen, um diese Herausforderung in den letzten Jahren anzugehen, waren Distributed-Ledger-Technologien (DLTs), einschließlich Blockchains. Diese Technologien führen ein gemeinsames Informationsprotokoll ein und fügen diesem Protokoll nur dann etwas hinzu, wenn ein „Konsens“ (ausreichende gemeinsame Anerkennung des einzufügenden Elements) darüber besteht, dass dies der Fall sein sollte. Dies hat Kryptograf:innen und Spieltheoretiker:innen zu dem Schluss geführt, dass DLTs besonders vielversprechend sind, wenn es darum geht, gemeinsame Überzeugungen unter den Maschinen zu schaffen, auf denen sie gespeichert sind.[18] Dies ist wohl der Grund, warum solche Systeme die Koordination neuer Währungen und anderer sozialer Experimente ermöglicht haben.
Doch selbst eine solche Gemeinschaft unter Maschinen bedeutet nicht direkt, dass dies auch für die Menschen gilt, die diese Maschinen bedienen. Dieses Problem (aus der Perspektive der Gemeinschaftsbildung) wird durch die finanziellen Anreize für die Pflege von Blockchains verschärft, die die meisten Teilnehmenden dazu veranlassen, aus Gründen des finanziellen Gewinns „Validator“-Software zu betreiben, anstatt die Aktivitäten direkt zu überwachen. Dies bedeutet auch, dass eher diejenigen teilnehmen, die davon profitieren können, als diejenigen, die an gemeinsamen, nicht kommerziellen Aktionen interessiert sind. Dennoch kann man sich vorstellen, wie wir weiter unten sehen werden, dass DLTs ein wichtiger Bestandteil einer zukünftigen Infrastruktur von Vereinigungen sein werden.
Schutz des Kontextes
Wenn es bei der Feststellung des Kontextes in erster Linie darum geht, starke soziale Konzeptionen von Öffentlichkeit zu schaffen, geht es beim Schutz des Kontextes um starke soziale Konzeptionen von Privatsphäre. Und wie bei den Technologien für die Öffentlichkeit wurden auch die Technologien für die Privatsphäre in erster Linie in einer individuellen Richtung entwickelt als in einer, die ⿻ Gemeinschaftsbildung unterstützt.
Im Bereich der Kryptographie wird seit langem untersucht, wie Informationen sicher und privat übertragen werden können. Bei der herkömmlichen „Kryptographie mit öffentlichem Schlüssel“ (public key cryptography) veröffentlichen Einzelpersonen und Organisationen einen öffentlichen Schlüssel, während sie das dazugehörige Gegenstück geheim halten. Dadurch kann jede und jeder dem Schlüsselinhaber eine verschlüsselte Nachricht senden, die nur mit seinem oder ihrem privaten Schlüssel entschlüsselt werden kann. Außerdem kann der Schlüsselinhaber oder die Schlüsselinhaberin Nachrichten signieren, sodass andere die Authentizität der Nachricht überprüfen können. Solche Systeme bilden die Grundlage für die Sicherheit im Internet und in der gesamten digitalen Welt, schützen E-Mails vor Spionage und ermöglichen Ende-zu-Ende-verschlüsselte Nachrichtensysteme wie Signal und einen digitalen Handel. Aufbauend auf dieser Grundlage und davon abgeleitet wurden in den letzten Jahren eine Reihe leistungsfähiger Technologien zur Verbesserung des Schutzes der Privatsphäre (PET) entwickelt. Dazu gehören:
- Zero-Knowledge-Proofs (ZKPs) – diese ermöglichen den sicheren Nachweis einer Tatsache, ohne die zugrunde liegenden Daten offenzulegen. So kann beispielsweise nachgewiesen werden, dass eine Person ein bestimmtes Alter überschritten hat, ohne den vollständigen Führerschein vorzeigen zu müssen, auf dem diese Angabe basiert.
- Secure Multi-Party Computation (SMPC) und homomorphe Verschlüsselung: Diese ermöglichen es einer Gruppe von Individuen, eine Berechnung mit Daten durchzuführen, von denen jede Person Teile besitzt, ohne die Teile den anderen zu offenbaren, und ermöglichen es, dass der Prozess sowohl von ihnen selbst als auch von anderen verifiziert werden kann. So kann beispielsweise eine geheime Wahl durchgeführt werden, während gleichzeitig eine sichere Überprüfung der Wahlergebnisse möglich ist.[19]
- Unfälschbare und unbestreitbare Signaturen – Diese ermöglichen es den Schlüsselinhaber:innen, Erklärungen auf eine Weise zu unterzeichnen, die ohne Zugang zum Schlüssel nicht gefälscht werden kann und/oder nicht bestritten werden kann, außer durch die Behauptung, der Schlüssel sei kompromittiert worden.[20] Beispielsweise könnten Parteien, die einen („smarten“) Vertrag abschließen, auf solchen digitalen Signaturen bestehen, so wie bei analogen Verträgen physische Signaturen, die schwer zu fälschen und schwer zu widerlegen sind, wichtig sind.
- Confidential Computing – Diese Lösung für ähnliche Probleme wie oben ist weniger von der Kryptografie abhängig und erreicht stattdessen ähnliche Ziele mit voneinander isolierten („air gapped“) digitalen Systemen, die verschiedene physische Hindernisse für den Informationsabfluss vorsehen.
- Differential Privacy: Diese misst das Ausmaß, in dem die Offenlegung des Ergebnisses einer Berechnung unbeabsichtigt sensible Informationen preisgeben könnte, die in die Berechnung eingegangen sind.[21] Technolog:innen haben Techniken entwickelt, um sicherzustellen, dass solche Lecks nicht auftreten, in der Regel durch Hinzufügen von „Rauschen“ zu den Angaben. So ist die US-Volkszählung beispielsweise gesetzlich verpflichtet, sowohl zusammenfassende Statistiken als Richtschnur für die staatliche Politik zu veröffentlichen als auch die Quelldaten vertraulich zu behandeln; diese Ziele werden seit kurzem mit Hilfe von Mechanismen erfüllt, die Differential Privacy gewährleisten. Kooperatives Lernen – weniger eine grundlegende Datenschutztechnik als eine ausgeklügelte Anwendung und Kombination anderer Techniken – ist eine Methode, um große Modelle des maschinellen Lernens auf Daten zu trainieren und zu evaluieren, die physisch an verschiedenen Orten liegen.[22]
Es ist wichtig, zwei grundlegende Einschränkungen solcher Techniken zu beachten, die am meisten von der Kryptographie abhängen (insbesondere die ersten drei): Erstens müssen die Schlüssel im Besitz der gewünschten Person bleiben, ein Problem, das eng mit den Fragen der Identität und Wiederherstellung zusammenhängt, die wir im vorherigen Kapitel besprochen haben. Zweitens wird fast die gesamte heute verwendete Kryptografie durch das Aufkommen von Quantencomputern hinfällig, und in vielen Fällen werden ihre Garantien ausgehebelt, wenngleich die Entwicklung quantenresistenter Verfahren ein aktives Forschungsgebiet ist.
Darüber hinaus überschneiden sich diese technischen Lösungen zunehmend mit einer Reihe technischer Standards und öffentlicher Richtlinien, die den Datenschutz unterstützen. Sie werden auch in diese integriert. Dazu gehören von Regierungen festgelegte kryptografische Standards, Datenschutzbestimmungen und -rechte wie die EU-Datenschutz-Grundverordnung und Standards für die Interoperabilität von Verschlüsselung.
Eine grundlegende Einschränkung fast all dieser Bemühungen besteht jedoch darin, dass der Schwerpunkt auf dem Schutz der Kommunikation vor externer Überwachung und nicht vor interner Weitergabe liegt. Die Verhinderung externer Spionage ist natürlich die erste Verteidigungslinie, aber alle, die die Geschichte des US-amerikanischen National Security Agency-Informanten Edward Snowden verfolgt haben, wissen, dass interne Whistleblower:innen und undichte Stellen eine der größten Bedrohungen für die Informationssicherheit darstellen. Der militärische Geheimdienst ist zwar das dramatischste Beispiel, aber das Problem geht weit darüber hinaus, insbesondere im Internetzeitalter. Immer häufiger werden Phishing-Angriffe durch Social Engineering durchgeführt, und nicht durch die Fähigkeit der Angreifenden, den Code zu „knacken“. Wie in verschiedenen Werken, von Danah Boyds klassischer Studie „It’s Complicated“ bis hin zu Dave Eggers’ Buch und Film „The Circle“, hervorgehoben wird, hat die Leichtigkeit, mit der digitale Informationen glaubwürdig ausgetauscht werden können, die Gefahr des übermäßigen Teilens zu einer ständigen Bedrohung für die Privatsphäre gemacht.[23]
Das grundlegende Problem besteht darin, dass sich die meisten kryptografischen Verfahren und Vorschriften auf den Datenschutz von Einzelpersonen beziehen. Das meiste, was wir normalerweise meinen, wenn wir über Datenschutz sprechen, bezieht sich jedoch auf Gruppen. Schließlich gibt es fast keine natürlich vorkommenden Daten, die sich genau auf eine einzelne Person beziehen. Lassen Sie uns einige der Beispiele aus dem vorherigen Kapitel zum gesellschaftlichen Leben von Daten noch einmal betrachten.
- Genetische Daten: Gene werden natürlich in einer Familie in erheblichem Umfang geteilt, was bedeutet, dass die Offenlegung der genetischen Daten einer Person etwas über ihre Familie und in geringerem Maße über Personen, die mit ihr auch nur entfernt verwandt sind, verrät. Ähnliche Argumente gelten für viele medizinische Daten, z. B. im Zusammenhang mit genetischen Erkrankungen und übertragbaren Krankheiten.
- Kommunikations- und Finanzdaten: Kommunikation und Transaktionen sind naturgemäß mehrseitig und haben daher mehrere natürliche Bezugspersonen.
- Standortdaten: Die meisten Menschen befinden sich regelmäßig in der Nähe anderer, die dadurch ihren Standort kennen.
- Physische Daten: Es gibt viele Daten, die für niemanden persönlich sind (z. B. Boden-, Umwelt- und geologische Daten). Zu den wenigen wirklich individuellen Daten gehören die bürokratisch erstellten Identifikationsnummern, die im Rahmen von Identitätsregelungen bewusst zu dem Zweck erstellt werden, individuell zu sein, und selbst diese beziehen sich nicht auf die Einzelperson allein, sondern auf ihre Beziehung zur ausstellenden Behörde.
Dies impliziert, dass in fast jedem relevanten Fall die einseitige Offenlegung von Daten durch eine Einzelperson die legitimen Datenschutzinteressen anderer Einzelpersonen gefährdet.[24] Der Schutz der Privatsphäre erfordert daher den Schutz vor einseitiger übermäßiger Datenweitergabe. Dies wurde im Allgemeinen als von außen nicht durchsetzbar angesehen, da alle, die etwas wissen, diese Informationen mit anderen teilen können. Strategien haben sich daher in erster Linie auf Normen gegen übermäßiges Teilen, Klatsch und Tratsch und dergleichen konzentriert, auf Hilfsmittel, die Einzelpersonen dabei helfen, sich daran zu erinnern, was sie nicht teilen sollten, auf Versuche, heimliches übermäßiges Teilen zu erschweren, und auf Richtlinien, um diejenigen, die übermäßig teilen, nachträglich zu bestrafen. All dies sind wichtige Strategien: Literatur, Medien und Alltagserfahrung sind voll von Anprangerungen wegen übermäßigen Teilens und der Durchsetzung von Maßnahmen gegen Leaker:innen. Dennoch reichen sie bei Weitem nicht an die Möglichkeiten heran, die durch Kryptografie gewährleistet werden, die Spione nicht nur in die Schranken weist, sondern sie aus den Systemen aussperrt.
Gibt es eine Möglichkeit, etwas Ähnliches für das übermäßige Teilen zu tun? Ein gängiger Ansatz besteht darin, die dauerhafte Speicherung von Daten einfach zu vermeiden: SnapChat wurde durch seine verschwindenden Nachrichten bekannt, und viele Messaging-Protokolle haben seitdem ähnliche Ansätze übernommen. Eine weitere, ehrgeizigere kryptografische Technik sind „Designated Verifier Proofs“ (DVPs), die die Authentizität nur gegenüber einer einzigen empfangenden Person nachweisen, während sie für alle anderen potenziell gefälscht erscheinen.[25] Ein solcher Ansatz ist nur für Informationen nützlich, die nicht unabhängig verifiziert werden können: Wenn eine Person ein Community-Passwort zu häufig weitergibt, sind DVPs nicht sehr nützlich, da unbeabsichtigte Empfangende schnell überprüfen können, ob das Passwort funktioniert.
Die meisten Arten von Informationen sind jedoch schwieriger unabhängig und sofort zu überprüfen. Selbst die Lage eines vergrabenen Schatzes erfordert erhebliche Ressourcen, um ihn zu finden und auszugraben, sonst wären die vielen Abenteuergeschichten darüber nicht annähernd so interessant. Da überzeugende Täuschungen durch generative Basismodelle immer billiger werden, wird die Bedeutung der Verifizierung zunehmen. In einer solchen Welt könnte die Fähigkeit, die Verifizierung auf eine Einzelperson auszurichten und sich auf die Unzuverlässigkeit von zu häufig geteilten Informationen zu verlassen, immer wirksamer werden. Daher wird es zunehmend möglich, Informationen umfassender vor einer übermäßigen Weitergabe und vor Spionage zu schützen.
⿻ Öffentlichkeiten
Wenn diese Tools in einer neuen Generation von Netzwerkstandards richtig kombiniert werden, könnte eine solche Kombination die Möglichkeit bieten, die oberflächliche traditionelle Trennung zwischen „Öffentlichkeit“ und „Privatsphäre“ zu überwinden und eine echte Versammlungsfreiheit geben – im Sinne von sich im Internet authentisch zu organisieren und zu vernetzen. Während wir Öffentlichkeit und Privatsphäre normalerweise als eindimensionales Spektrum betrachten, ist leicht zu erkennen, dass eine weitere Dimension ebenso wichtig ist.
Nehmen wir zum Beispiel Informationen, die in einem Haufen irrelevanter Fakten untergehen, für alle verfügbar sind, aber von niemandem wahrgenommen werden – ein bisschen wie bei dem beliebten amerikanischen Kinderspiel „Wo ist Walter?“, bei dem Kinder einen Mann in einem gestreiften Hemd finden müssen, der in einem Bild versteckt ist. Im Gegensatz dazu wurde das Geheimnis um die Existenz des Manhattan-Projekts von etwa 100.000 Menschen gehütet, aber vor dem Rest der Welt streng geheim gehalten. Beide befinden sich in etwa in der Mitte des Spektrums „Privatsphäre“ vs. „Öffentlichkeit“, da sie in wichtigen Aspekten allgemein bekannt und dennoch undurchsichtig sind. Aber sie befinden sich an entgegengesetzten Enden eines anderen Spektrums: konzentriertes gemeinsames Verständnis vs. diffuse Verfügbarkeit.
Dieses Beispiel veranschaulicht, warum „Privatsphäre“ und „Öffentlichkeit“ viel zu vereinfachende Konzepte sind, um die Muster des gemeinsamen Wissens zu beschreiben, die der Assoziationsfreiheit zugrunde liegen. Da keine einfache Beschreibung den Facettenreichtum erfassen kann, den wir weiter erforschen sollten, könnte ein relevanteres Modell das sein, was wir an anderer Stelle als „⿻ Öffentlichkeiten“ bezeichnet haben. ⿻ Öffentlichkeiten sind das Bestreben, Informationsstandards zu schaffen, die es einer Vielzahl von Gemeinschaften mit starken internen gemeinsamen Überzeugungen, die von der Außenwelt abgeschirmt sind, ermöglichen, nebeneinander zu existieren. Um dies zu erreichen, muss das aufrechterhalten werden, was Shrey Jain, Zoë Hitzig und Pamela Mishkin als „kontextuelles Vertrauen“ bezeichnet haben, bei dem die Teilnehmer an einem System den Kontext ihrer Kommunikation leicht feststellen und schützen können.[26]
Glücklicherweise haben sich in den letzten Jahren einige der führenden Köpfe im Bereich der offenen Standards für Datenschutz und Öffentlichkeit diesem Problem zugewandt. Christine Lemmer-Webber, bekannt durch ActivityPub, hat in den letzten Jahren an Spritely gearbeitet, einem Projekt zur Schaffung selbstverwalteter und stark vernetzter privater Gemeinschaften im Sinne von ⿻ Öffentlichkeiten, die es einzelnen Nutzenden ermöglichen, Community-Kontexte in offenen Standards klar zu erkennen, zu navigieren und zu trennen. Eine wachsende Gruppe von Forschenden in den Web3- und Blockchain-Communities arbeitet daran, diese mit Datenschutztechnologien, insbesondere ZKPs, zu kombinieren.[27]
Eine der interessantesten Möglichkeiten, die sich aus dieser Forschung ergeben, ist die Erlangung formeller Garantien für Kombinationen von gemeinsamem Wissen bei gleichzeitiger Unmöglichkeit der Offenlegung. Man könnte beispielsweise mithilfe von DVPs verteilte Konten erstellen, die von den Mitgliedern einer Community-Gruppe genutzt werden. Dies würde eine Aufzeichnung von Informationen schaffen, die dieser Gemeinschaft allgemein bekannt sind, und sicherstellen, dass diese Informationen (und ihr Status als allgemein bekanntes Wissen) außerhalb dieser Gemeinschaft nicht verifizierbar – nicht überprüfbar – sind. Wenn das Verfahren des Protokolls zur Bestimmung des „Konsenses“ außerdem auf ausgefeilteren Abstimmungsregeln basieren würde, als sie derzeit verwendet werden, wie wir sie in unserem Kapitel über Abstimmungen weiter unten beschreiben, könnte es reichhaltigere und differenziertere Vorstellungen von gemeinsamem Wissen hervorbringen als die derzeitigen Blockchain-Ledger.
Darüber hinaus wird der gesamte Bereich rund um diese Themen von der Arbeit an Standards durchdrungen: für Kryptographie, Blockchains, offene Kommunikationsprotokolle wie ActivityPub usw. Es ist daher leicht vorstellbar, dass diese Standards zu einem dynamisch weiterentwickelten, aber allgemein akzeptierten technischen Konzept einer „Assoziation“ zusammenlaufen und somit allgemein anerkannte Standards ermöglichen, die es Assoziationen im Internet ermöglichen, sich zu bilden und zu erhalten. Eine solche Zukunft könnte das Recht auf digitale Assoziationsfreiheit verankern.
Gemeinschaft, Identität und Handel
1995 begann einer der prominentesten Erben von Tocqueville, der Politikwissenschaftler Robert Putnam, in seinem Essay „Bowling Alone“ den Niedergang des amerikanischen bürgerlichen Lebens ab den 1960er Jahren zu dokumentieren. Er führt dies auf eine entsprechende Verringerung der Beteiligung an Gemeinschaften wie Studentenverbindungen, religiösen Gruppen und Eltern-Lehrer-Vereinigungen zurück, was ihn zu der Bemerkung veranlasst, dass es mehr Menschen gibt, die bowlen, aber weniger Bowlingligen existieren. Er argumentiert, dass der Rückgang des Assoziationswesens sich direkt auf die Entwicklung von Sozialkapital und Vertrauen auswirkt, die „die Koordinierung und Zusammenarbeit zum gegenseitigen Nutzen erleichtern“.[28]
Putnam nennt mehrere mögliche Gründe, konzentriert sich jedoch insbesondere auf das Fernsehen und die „Privatisierung“ unserer Freizeit und stellt fest, dass „das Fernsehen unsere Gemeinschaften … breiter und oberflächlicher gemacht hat“. Sein Essay entstand vor dem modernen Internet, aber wir könnten einen Satz aus unserem heutigen digitalen Leben in seine Argumentation einfließen lassen: „Dafür gibt es eine App.“ Eine Herausforderung für die außergewöhnliche Reichweite der digitalen Technologie des 21. Jahrhunderts besteht darin, diese Kraft zu nutzen, um sinnvolle Gemeinschaften und tiefere soziale Interaktionen zu schaffen. Ein starkes Engagement in der Gemeinschaft fördert auch einen robusten gesellschaftlichen Diskurs, in dem soziale und politische Probleme von den Bürgerinnen und Bürgern erörtert werden können.
Die digitale Freiheit der Assoziation ist eng mit den anderen Freiheiten verbunden, die wir in diesem Teil des Buches erörtern. Wie wir im vorherigen Kapitel gesehen haben, ist „Privatsphäre“ der Kern der Integrität von Identitätssystemen. Bedenken, die in der Regel als solche bezeichnet werden, hängen jedoch eher mit der Vielfalt der Kontexte zusammen, in denen sich ein Individuum bewegt, als mit der Privatsphäre im individualistischen Sinne. Daher sind das Recht auf Assoziationsfreiheit und das Recht auf die Integrität der Persönlichkeit untrennbar miteinander verbunden: Wenn es unsere Verflechtung in einer Vielzahl sozialer Gruppen ist, die unsere Besonderheit als Person ausmacht, dann ist eine besondere Persönlichkeit nur durch den Schutz der Integrität dieser Vielfalt möglich. Und da Gruppen aus Menschen bestehen, gilt natürlich auch das Gegenteil: Ohne Menschen mit klar artikulierten Identitäten gibt es keine Möglichkeit, Gruppen zu bilden, die durch gemeinsames Wissen dieser Personen definiert sind.
Darüber hinaus ist das Recht auf freie Assoziation die Grundlage, auf der Handel und Verträge aufbauen. Transaktionen gehören zu den einfachsten Formen der Assoziation, und wie digitale Transaktionssysteme die Privatsphäre nachbilden können, die oft als zentraler Vorteil von Bargeld angepriesen wird, hängt eng davon ab, wer welche Transaktionen in welcher Auflösung einsehen kann. Verträge sind komplexere Formen der Assoziation und Unternehmen sogar noch komplexere. Alle basieren in hohem Maße auf Informationsintegrität und einem gemeinsamen Verständnis von Verpflichtungen. In diesem Sinne sind die Assoziationsfreiheit, die wir in diesem Kapitel beschrieben haben, und die Identität, die wir im letzten Kapitel behandelt haben, die Grundpfeiler für alles, was im Rest des Buches folgt.
Alexis De Tocqueville, Democracy in America, (Lexington, Ky: Createspace, 2013), also available at https://www.gutenberg.org/files/815/815-h/815-h.htm. Auf deutsch unter Über die Demokratie in Amerika bei Hoffmann und Campe und unter Die Demokratie in Amerika beim Ullstein Verlag erhältlich. ↩︎
Joseph Licklider, and Robert Taylor, “The Computer as a Communication Device,” Science and Technology, April 1968, also available at https://internetat50.com/references/Licklider_Taylor_The-Computer-As-A-Communications-Device.pdf. ↩︎
See https://www.merriam-webster.com/dictionary/association. ↩︎
Der japanische Philosoph Kojin Karatani untersucht dieses Konzept in seinem Buch „Das Prinzip der NAM“. Karatani argumentiert, dass Individuen nicht nur geografischen Regionen angehören, sondern auch globalen „Regionen“ basierend auf ihren Interessen. Er nennt dies die „rhizomatische Assoziation“ und stellt es als ein Netzwerkbildungssystem dar, das aus verschiedenen „Regionen“ besteht. Dieses Konzept ähnelt der Netzwerkstruktur, in der kleine, eng verbundene Gemeinschaften miteinander vernetzt sind. Kojin Karatani (2000). „NAM原理“ [NAM-Prinzip] 太田出版 (Veröffentlicht auf Japanisch. Nicht ins Englische übersetzt). In diesem Jahr gründete Karatani die New Associationist Movement in Japan. Es war eine antikapitalistische, antinationalstaatliche Vereinigung, die von Experimenten mit lokalen Tauschhandelssystemen inspiriert wurde. ↩︎
Die Tatsache, dass gemeinsames Wissen genau die Grundlage des Kontexts ist, gegen den Kommunikation optimiert werden muss, wird von Zachary Wojowicz in seinem Werk „Context and Communication“ (2024) elegant formal bewiesen, verfügbar unter https://papers.ssrn.com/sol3/papers.cfm?abstract_id=4765417. ↩︎
Stephen Morris and Hyun Song Shin, “Unique Equilibrium in a Model of Self-Fulfilling Currency Attacks”, American Economic Review 88, no. 3 (1998): 587-597. ↩︎
Ing-Haw Cheng and Alice Hsiaw, “Reporting Sexual Misconduct in the #MeToo Era”, American Economic Review 14, no. 4 (2022): 761-803. ↩︎
Timur Kuran, Private Truth, Public Lies: The Social Consequences of Preference Falsification (Cambridge, MA: Harvard University Press, 1998). ↩︎
Stephen Morris and Hyun Song Shin, “Social Value of Public Information”, American Economic Review 92, no.5 (2002): 1521-1534. ↩︎
John Kenneth Galbraith, The Affluent Society (New York: Houghton Mifflin, 1958). ↩︎
Vitalik Buterin, “The Most Important Scarce Resource is Legitimacy” March 23, 2021 at https://vitalik.eth.limo/general/2021/03/23/legitimacy.html. ↩︎
Der pragmatistische Politikphilosoph Richard Rorty schrieb: „Wir können den Aufbau einer Weltordnung befürworten, deren Modell ein Basar ist, der von zahlreichen exklusiven Privatclubs umgeben ist.“ Richard Rorty, „On ethnocentrism: A reply to Clifford Geertz“ Michigan Quarterly Review 25, Nr. 3 (1986): 533. ↩︎
George Simmel. “The Sociology of Secrecy and of Secret Societies.” American Journal of Sociology 11, no. 4 (January 1906): 441–98. https://doi.org/10.1086/211418. ↩︎
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Elena Burger, Bryan Chiang, Sonal Chokshi, Eddy Lazzarin, Justin Thaler, and Ali Yahya, “Zero Knowledge Canon, Part 1 & 2,” a16zcrypto, September 16, 2022, https://a16zcrypto.com/posts/article/zero-knowledge-canon/.https://a16zcrypto.com/posts/article/zero-knowledge-canon/. ↩︎
Robert Putnam, “Bowling Alone: America’s Declining Social Capital,” Journal of Democracy 6, no. 1 (1995): 65–78 and Bowling Alone: The Collapse and Revival of American Community (New York: Simon & Schuster, 2000). Auf deutsch erhältlich unter: Robert Putnam,„Bowling Alone: Der Verfall und Aufbau amerikanischer Gemeinschaften“ (Frankfurt/New York: Campus Verlag, 2000). ↩︎