Pluralität · 3-2
Vernetzte Gesellschaft
Industrie und technische Innovationen schaffen Instrumente, die die Formen des gesellschaftlichen Zusammenlebens grundlegend transformieren. Dabei entfalten sie eine dynamische Kraft, die weit über ihre ursprünglich beabsichtigten Wirkungen hinausgeht und unvorhersehbare Veränderungen in Struktur, Reichweite und Qualität gesellschaftlicher Prozesse auslöst (etwa wie das Telefon, das soziale Beziehungen, Wirtschaftsstrukturen und globale Vernetzung fundamental veränderte). Diese Veränderungen wirken von außen auf bestehende politische Strukturen ein, die, einmal etabliert, aus eigenem Momentum heraus fortbestehen. Die neu entstehende Öffentlichkeit bleibt lange unbestimmt und unorganisiert, weil sie die überkommenen politischen Institutionen nicht nutzen kann. Diese Institutionen – wenn sie ausgeklügelt und gut etabliert sind – behindern geradezu die Organisation dieser neuen Öffentlichkeit. Sie verhindern die Entwicklung neuer Staatsformen, die entstehen könnten, wäre das soziale Leben fluider und weniger in starre politische und rechtliche Schablonen gepresst. Um sich zu formieren, muss die neue Öffentlichkeit die bestehenden politischen Strukturen durchbrechen. Dies ist schwierig, weil eben diese Strukturen die regulären Instrumente zur Initiierung von Veränderungen sind. Die Öffentlichkeit, die diese politischen Formen ursprünglich hervorbrachte, verschwindet, während Macht und Besitzgier in den Händen jener Funktionäre und Institutionen verbleiben, die von dieser sich auflösenden Öffentlichkeit eingesetzt wurden. Daher werden Veränderungen der Staatsformen so oft nur durch Revolution möglich. – John Dewey, Die Öffentlichkeit und ihre Probleme, 1927[1]
Das zwanzigste Jahrhundert erlebte grundlegende Veränderungen in den Sozial- und Naturwissenschaften. Henry George, der einflussreiche Autor des meistverkauften Wirtschaftsbuchs der amerikanischen und vielleicht der Weltgeschichte, war ein scharfer Kritiker des Privateigentums an Grund und Boden. Georg Simmel, einer der Begründer der Soziologie, entwickelte die bahnbrechende Idee des gesellschaftlichen “Netzes” als Kritik am individualistischen Identitätskonzept. John Dewey, weithin als der bedeutendste Philosoph der amerikanischen Demokratie betrachtet, argumentierte, dass die üblichen nationalen und staatlichen Institutionen kaum die Tiefe dessen erfassten, was Demokratie wirklich erfordert. Norbert Wiener prägte den Begriff “Kybernetik” für ein Forschungsgebiet, das komplexe interaktive Systeme untersucht. Indem sie die Grenzen der Moderne erkannten und gleichzeitig mitgestalteten, wiesen diese Pioniere den Weg zu einer Vision einer verbundenen Gesellschaft, die das Potenzial der Zusammenarbeit über Vielfalt hinweg nutzt.
Grenzen der Moderne
Privateigentum, individuelle Identität und Rechte, nationalstaatliche Demokratie – dies sind die Grundlagen der meisten modernen liberalen Demokratien. Doch sie ruhen auf grundlegend monistisch-atomistischen Fundamenten. Individuen werden als Atome betrachtet; der Nationalstaat ist das Ganze, das sie verbindet. Jede:r Bürger:in erscheint in den Augen des Staates als gleich und austauschbar, anstatt als Teil eines Beziehungsnetzwerks, das das Gewebe der Gesellschaft bildet und in dem der Staat nur eine soziale Gruppierung unter vielen ist. Staatliche Institutionen unterhalten direkte, unvermittelte Beziehungen zu freien und gleichen Individuen – wobei in einigen Fällen föderale und andere untergeordnete Institutionen (wie städtische, religiöse oder familiäre) vermitteln können.
Drei grundlegende Institutionen der modernen gesellschaftlichen Organisation repräsentieren diese Struktur am deutlichsten: Eigentum, Identität und Abstimmung. Wir werden veranschaulichen, wie dies in jedem Kontext funktioniert, und uns dann den Wegen zuwenden, wie die ⿻-Sozialwissenschaft die Grenzen des atomistischen Monismus herausfordert und Wege darüber hinaus aufzeigt.
Eigentum
Die vorherrschende Eigentumsform in liberalen Demokratien ist privater Besitz, dessen Nutzung durch staatliche Vorschriften reguliert wird. Demnach gehören die meisten Häuser einer einzelnen Person oder Familie oder einem einzelnen Vermieter oder einer einzelnen Vermieterin. Das meiste nicht-staatliche kollektive Eigentum nimmt die Form einer Standard-Aktiengesellschaft an, die nach dem Prinzip “eine Aktie, eine Stimme” und der Maximierung des Aktionärswerts geführt wird. Obwohl es erhebliche Beschränkungen der Rechte von Privateigentümern aufgrund von Gemeinschaftsinteressen gibt, nehmen diese überwiegend die Form von Vorschriften einer kleinen Anzahl von national, staatlichen oder lokalen Regierungsebenen an. Diese Praktiken stehen in scharfem Kontrast zu den Eigentumsregimen, die in den meisten menschlichen Gesellschaften während des Großteils der Geschichte vorgeherrscht haben, in denen individueller Besitz selten absolut institutionalisiert war und eine Vielfalt von “traditionellen” Erwartungen regelte, wie Besitztümer rechtmäßig genutzt und getauscht werden können. Solche traditionellen Strukturen wurden von der Moderne und dem Kolonialismus weitgehend bei dem Versuch ausgelöscht, Eigentum zu einer handelbaren “Ware” zu formen, die Austausch und Wiederverwertung für eine viel breitere Palette von Zwecken ermöglichte.[2]
Identität
Vor der Moderne wurden Individuen in Familien hineingeboren, die in verwandtschaftsbasierten Institutionen verwurzelt waren und nahezu alles bereitstellten: Lebensunterhalt, Nahrung und Sinn – und denen man sich größtenteils nicht entziehen konnte. Keine “offiziellen Dokumente” waren nötig oder nützlich, da Menschen selten über die Grenzen ihrer unmittelbaren Gemeinschaft hinaus reisten. Solche Institutionen wurden durch das Römische Reich und die Ausbreitung des Christentums in seinem Gefolge erodiert[3]. Als europäische Städte in den ersten Jahrhunderten des zweiten Jahrtausends wuchsen, begann sich unpersönliches prosoziales Verhalten der Bürger:innen durch die Entstehung einer Vielfalt außerverwandtschaftlicher sozialer Institutionen wie Klöster, Universitäten und Zünfte zu entwickeln. Papierbasierte Ausweise der Zugehörigkeit zu solchen Institutionen begannen, das informelle Verwandtschaftswissen zu ersetzen. Insbesondere Kirchenaufzeichnungen über Taufen halfen dabei, das Fundament für das zu legen, was zur weit verbreiteten Praxis der Ausstellung von Geburtsurkunden wurde. Diese wiederum entwickelte sich zum grundlegenden Dokument, auf dem im Wesentlichen alle anderen Identifikationspraktiken in modernen Staaten basieren.[4]
Dies half dabei, die Abhängigkeit von persönlichen Beziehungen zu umgehen und baute das Fundament der Identität in einer Beziehung zum Staat auf, der wiederum als Vertrauensanker für viele andere Arten von Institutionen diente, von Kindersportvereinen bis zu Gesundheitsdienstleister:innen. Diese neuen abstrakten Beziehungen ermöglichten es Menschen, sich in der Welt zu bewegen – nicht mehr basierend auf persönlichen Beziehungen oder ihrer Stellung in einer kleinen Gemeinschaft, sondern aufgrund ihrer offiziellen, staatlich dokumentierten Identität als Bürger:innen. Dieser “WEIRD”-Universalismus (WEIRD = Western, Educated, Industrialized, Rich, Democratic/dt. westlich, gebildet, industrialisiert, reich, demokratisch) brach also mit der sozialen Einbettung der Identität und “befreite” dabei die Menschen. Während andere wichtige Dokumente wie Bildungsabschlüsse vielfältiger sind, folgen sie dennoch fast einheitlich einer begrenzten Struktur mit wenigen standardisierten “Abschlusstypen”. Dies steht im Gegensatz zu den vielfältigen Möglichkeiten, Lernleistungen anzuerkennen, wie die Abbildung A beispielhaft veranschaulicht. Zusammenfassend lässt sich sagen: Wie die Moderne das Privateigentum aus seinen sozialen Kontexten löste, so löste sie auch die persönliche Identität von ihrer ursprünglichen gesellschaftlichen Verwurzelung, die bis dahin Reisen und neue Beziehungen begrenzte.
Abbildung 3-2-A Flexible Taxonomie (Kategorisierungsschema) für ein breites Spektrum der Anerkennung. Quelle: Learning Agents Inc.
Abstimmung
In den meisten liberalen Demokratien wird das Prinzip “eine Person, eine Stimme” als heiliger Kern des demokratischen Prozesses betrachtet. Natürlich variieren verschiedene Repräsentationsschemata (Mehrpersonen-Verhältniswahlrecht oder Einpersonen-Wahlkreise), Checks and Balances (Mehr- vs. Einkammerparlamente, parlamentarisch vs. präsidial) sowie die Ausprägungsgrade des Föderalismus. Jedoch, sowohl in der allgemeinen Vorstellung als auch in formalen Regeln, ist die Idee, dass numerische Mehrheiten (oder in manchen Fällen Supermehrheiten) sich unabhängig von der sozialen Zusammensetzung der Wählergruppen durchsetzen sollten, der Kern dessen, wie Demokratie typischerweise verstanden wird[5]. Dies steht im Kontrast zu Entscheidungsstrukturen in den meisten Teilen der Welt und der Geschichte, einschließlich solcher, die eine weitreichende und vielfältige Repräsentation über verschiedene soziale Beziehungen wie Familie, Religion, Treueverhältnisse oder Beruf beinhalteten[6]. Wir sehen wieder dasselbe Muster: Liberale Staaten haben “Individuen” aus ihrer sozialen Einbettung “extrahiert”, um sie zu austauschbaren, losgelösten Bürger:innen eines abstrakten nationalen Gemeinwesens zu machen.
Dieses Regime begann sich während der Renaissance und Aufklärung zu entwickeln, indem traditionelle, gemeinschaftsbasierte Eigentums- und Identitätssysteme sowie multisektorale Repräsentationsformen im Namen von “Rationalität” und “Modernität” verdrängt wurden, die den Weg zum modernen Staat ebneten[7]. Dieses System festigte sich und eroberte buchstäblich die Welt während des industriellen und kolonialen neunzehnten Jahrhunderts und wurde im Werk Max Webers kanonisiert. Es erreichte seinen ultimativen Ausdruck in der “hohen Moderne” der Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts, als:
- Eigenschaften weiter in standardisierte, messbare und vergleichbare Kategorien gepresst wurden – ein Prozess der Vereinheitlichung, welcher die Vielfalt auf handhabbare Normgrößen reduzierte (etwa durch einheitliche Kleidungsgrößen oder standardisierte Bildungsabschlüsse);
- Identitätsdokumente mit biometrischen Daten verstärkt wurden;
- Eine-Person-Eine-Stimme-Systeme auf eine breite Palette von Organisationen ausgedehnt wurden.
Regierungen und Organisationen auf der ganzen Welt übernahmen diese Systeme aus guten Gründen. Sie waren einfach und somit skalierbar; sie erlaubten es Menschen aus sehr unterschiedlichen Hintergründen, einander schnell zu verstehen und damit produktiv zu interagieren. Früher bremsten gemeinschaftliche Eigentumssysteme die Innovation, weil Außenstehende und Unternehmer kaum durch die vielen lokalen Regeln durchblicken konnten. Das Privateigentum hingegen erleichterte Entwicklung und Handel, weil weniger Menschen Veränderungen blockieren konnten. Auch die staatlichen Sozialprogramme des 20. Jahrhunderts hätten ohne eine klare und einheitliche Datenbank für Ansprüche kaum Renten und Arbeitslosenhilfe breit zugänglich machen können.
Tatsächlich waren diese Institutionen zentral für den Aufstieg liberaler Demokratien und prägten, was Joseph Heinrich die “WEIRDesten Menschen der Welt” nennt. So wie die Einsichten der Newtonschen Mechanik und Euklidischen Geometrie diesen Zivilisationen die physische Macht gaben, die Erde zu erobern, verliehen ihnen liberale soziale Institutionen die soziale Flexibilität dazu. Doch so wie sich die Euklidisch-Newtonsche Weltanschauung als begrenzt und naiv herausstellte, wurde die ⿻-Sozialwissenschaft geboren, indem sie die Grenzen dieser atomistisch-monistischen sozialen Systeme aufzeigte.
Henry George und der vernetzte Wert
Vor allem Karl Marx und Adam Smith sind in unserer Erinnerung sehr präsent, aber der soziale Denker, der möglicherweise den größten Einfluss während und unmittelbar nach seiner Lebenszeit hatte, war Henry George.[8]. Als Autor des jahrelang meistverkauften Buchs in englischer Sprache nach der Bibel, “Fortschritt und Armut”, inspirierte George oder begründete wohl viele der erfolgreichsten politischen Bewegungen und sogar kulturellen Artefakte in den USA des frühen zwanzigsten Jahrhunderts, darunter[9]:
- die amerikanische Mitte-Links, mit einem beinahe erfolgreichen United Labor-Kandidat für das Bürgermeisteramt von New York City;
- die Progressive und Social-Gospel-Bewegungen, die beide ihre Namen auf sein Werk zurückführten;
- den Tridemismus, der, wie wir oben in unserem Kapitel “Ein Blick vom Yushan” sahen, sein wirtschaftliches Bein fest im Georgismus gegründet hatte;
- das “Landlord’s Game” als Vorgänger zu Monopoly, das als pädagogisches Instrument entstand, um zu veranschaulichen, wie ein alternatives Regelwerk Monopole vermeiden und gemeinsamen Wohlstand ermöglichen könnte.[10]
George schrieb über viele Themen und half beispielsweise dabei, die Idee der geheimen Wahl zu begründen. Am bekanntesten wurde er jedoch durch seine Befürwortung einer „Einheitssteuer“ auf Land, dessen Wert seiner Ansicht nach niemals rechtmäßig einer einzelnen Person gehören könne. Seine berühmteste Illustration bat die Leser, sich eine offene Savanne voll schönem, aber homogenem Land vorzustellen, auf dem ein Siedler ankommt und ein willkürlich gewähltes großes Grundstück für seine Familie beansprucht. Als zukünftige Siedler ankommen, wählen sie, sich nahe dem ersten niederzulassen, um Gesellschaft zu genießen, Arbeit zu teilen und gemeinsame Einrichtungen wie Schulen und Brunnen zu nutzen. Mit der Ankunft weiterer Siedler setzen sie ihre Versammlungen fort, wodurch der Wert des Landes steigt. In wenigen Generationen finden sich die Nachkommen des ersten Siedlers als Grundbesitzer eines Großteils des Zentrums einer geschäftigen Metropole wieder – reich über alle Vorstellung hinaus, durch wenig eigene Anstrengung, einfach weil eine große Stadt um sie herum gebaut wurde.
Der Wert ihres Landes, beharrte George, könne nicht rechtmäßig dieser Familie gehören: Er war ein kollektives Produkt, das besteuert werden sollte. Eine solche Steuer war nicht nur gerecht, sie war entscheidend für die wirtschaftliche Entwicklung, wie später besonders von Ökonomen hervorgehoben wurde, einschließlich eines Autors dieses Buchs. Steuern dieser Art, besonders wenn sie sorgfältig gestaltet sind wie in Taiwan, stellen sicher, dass Eigentümer:innen ihr Land produktiv nutzen oder anderen erlauben müssen, dies zu tun. Die Einnahmen, die sie erzielen, können gemeinsame Infrastruktur unterstützen (wie jene Schulen und Brunnen), die dem Land Wert geben – eine Idee, die das “Henry-George-Theorem” genannt wird. Wir kommen in unserem Kapitel über Soziale Märkte auf all diese Punkte zurück.
Doch so attraktiv dieses Argument für Politiker und Intellektuelle von Leo Tolstoi bis Albert Einstein auch war, in der Praxis hat es viel mehr Fragen aufgeworfen, als es beantwortet hat. Schlichtweg zu sagen, dass Land nicht einer einzelnen Person gehört, sagt nichts darüber aus, wem oder wozu es gehört. Der Stadt? Dem Staat? Der Welt?
Da dies ein Buch über Technologie ist, bietet die San Francisco Bay Area eine besonders passende Illustration – dort verbrachten sowohl die Autor:innen dieses Buches als auch George selbst einen Teil ihres Lebens, und dort befinden sich einige der teuersten Grundstücke der Welt. Wem gehört der enorme Wert dieses Landes?
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Sicherlich nicht den Hausbesitzer:innen, die einfach das Glück hatten zu sehen, wie die Computerindustrie um sie herum wuchs.Dann vielleicht den Städten in der Region? Viele Reformer haben argumentiert, dass diese Städte, die ohnehin fragmentiert sind und dazu neigen, Entwicklung zu blockieren, kaum Anerkennung für die wundersame Wertsteigerung der Grundstücke beanspruchen können.
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Vielleicht der Stanford University und der University of California at Berkeley, denen verschiedene Gelehrte viel der Dynamik des Silicon Valley zugeschrieben haben?[11] Sicherlich spielten diese eine Rolle, aber es wäre seltsam, den vollen Wert des Bay Area-Landes zwei Universitäten zuzuschreiben, besonders wenn diese Universitäten mit der finanziellen Unterstützung der US-Regierung und der Zusammenarbeit anderer Universitäten im ganzen Land erfolgreich waren.
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Vielleicht dem Staat Kalifornien? Wohl spielten die nationale Verteidigungsindustrie, der Forschungskomplex, der das Internet schuf (wie wir unten diskutieren) und politische Institutionen eine weit größere Rolle als irgendetwas auf staatlicher Ebene.
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Dann den USA? Aber natürlich sind die Software-Industrie und das Internet globale Phänomene.
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Dann der Welt im Allgemeinen? Jenseits der wesentlichen Nicht-Existenz einer Weltregierung, die den Wert solchen Landes bedeutungsvoll empfangen und verteilen könnte, ist die Abstraktion allen Landwerts zu solchen Höhen absurd: Offensichtlich sind viele der oben genannten Entitäten relevanter als einfach “die ganze Welt” für den Wert der Software-Industrie.
Um die Sache noch komplexer zu machen, ist das Einkommen aus Eigentum nur ein Stück dessen, was es bedeutet “zu besitzen”. Rechtsgelehrte beschreiben Eigentum typischerweise als ein Bündel von Rechten:
- “usus” (Zugang zum Land);
- “abusus” (darauf zu bauen oder es zu veräußern);
- “fructus” (davon zu profitieren).
Wer sollte unter welchen Umständen Zugang zum Land der Bay Area haben können? Wem sollte es erlaubt sein, etwas darauf zu bauen oder exklusive Rechte dazu an andere zu verkaufen? Die meisten dieser Fragen wurden in Georges Schriften kaum erwähnt, geschweige denn geklärt. In diesem Sinne fordert sein Werk, über die einfachen Antworten hinauszugehen, die Privateigentum bietet. Das mag erklären, warum seine enorm einflussreichen Ideen nur teilweise in einer kleinen Anzahl von (zugegebenermaßen höchst erfolgreichen) Orten wie Estland und Taiwan umgesetzt wurden.
George lädt uns ein, eine ⿻-Welt zu denken, in der Wert nicht isoliert, sondern dynamisch und vernetzt entsteht. Eine Welt, in der verschiedene Entitäten auf unterschiedlichen Ebenen – Universitäten, Gemeinden, Nationalstaaten und mehr – alle in verschiedenen Graden zum Wertschöpfungsprozess beitragen. Dies ist vergleichbar mit Netzwerken von Wellen und Neuronen, die unterschiedlich zur Wahrscheinlichkeit beitragen, Teilchen an bestimmten Positionen zu finden oder Gedanken in einem Geist entstehen zu lassen. Sowohl für Gerechtigkeit als auch Produktivität sollten Eigentum und Wert in unterschiedlichen Graden zu diesen sich überschneidenden sozialen Kreisen gehören. In diesem Sinne war George ein Begründer der ⿻-Sozialwissenschaft.
Georg Simmel und das intersektionale (In)dividuum
Abbildung 3-2-B. Georg Simmel. Quelle: Wikipedia , gemeinfrei.
Aber wenn Netzwerkdenken in Georges Werk implizit war, brauchte es einen anderen Denker, jenseits des Atlantiks, um es explizit zu machen und dabei versehentlich diesem Denken einen Namen zu geben. Georg Simmel, in Abbildung B abgebildet, war ein deutscher Philosoph und Soziologe der Jahrhundertwende zum zwanzigsten Jahrhundert, der die Idee sozialer Netzwerke mitbegründete. Die ungenaue Übersetzung oder vielleicht die Fehlinterpretation, die Simmels Werk auf ein “Netz” (Web) reduzierte, setzte sich schließlich global durch. In seiner Übersetzung von Georg Simmels klassischer Soziologie (1908) aus dem Jahr 1955 entschied sich Reinhard Bendix dafür, Simmels zentrale These als ein “web of group-affiliations” zu beschreiben, anstelle der von Bendix als “fast bedeutungslos” abgetanen direkten Übersetzung “intersection of social circles” (“Überschneidung sozialer Kreise”)[12]. Auch wenn sich die genaue Entstehungsgeschichte schwer nachzeichnen lässt, ist es möglich, dass wir – hätte Bendix die entgegengesetzte Entscheidung getroffen – heute nicht vom “World Wide Web”, sondern vielleicht von “intersecting global circles” sprechen würden[13].
Simmels „intersektionale“ Theorie der Identität bot eine Alternative sowohl zu den traditionellen individualistischen bzw. atomistischen Ansätzen (charakteristisch etwa für die Soziologie Max Webers und einflussreich auf den Libertarismus) als auch zu den kollektivistischen bzw. strukturalistischen Darstellungen (charakteristisch für die Soziologie Émile Durkheims und prägend für die Technokratie). Aus einer Simmelschen Sichtweise erscheinen beide als extreme Reduktionen oder Projektionen einer reicheren zugrundeliegenden Theorie.
Seiner Ansicht nach sind Menschen zutiefst soziale Wesen und daher sind ihre Identitäten tief durch ihre sozialen Beziehungen geprägt. Menschen erlangen entscheidende Aspekte ihres Selbstverständnisses, ihrer Ziele und ihres Sinns durch die Teilnahme an sozialen, sprachlichen und solidarischen Gruppen. In einfachen Gesellschaften (z.B. isolierten, ländlichen oder Stammesgesellschaften) verbringen Menschen den größten Teil ihres Lebens in Interaktion mit den Verwandtschaftsgruppen, die wir oben beschrieben haben. Dieser Kreis definiert (vorrangig) kollektiv ihre Identität, weshalb die meisten Gelehrten für einfache Gesellschaften (zum Beispiel der Anthropologe Marshall Sahlins) dazu neigen, den methodologischen Kollektivismus als Erklärungsansatz zu bevorzugen[14]. Jedoch, wie wir oben bemerkten, diversifizieren sich soziale Beziehungen, wenn sich Gesellschaften urbanisieren. Menschen arbeiten mit einem Kreis, beten mit einem anderen, unterstützen politische Anliegen mit einem dritten, erholen sich mit einem vierten, feuern ein Sportteam mit einem fünften an, identifizieren sich als Minderheit mit einem sechsten, und so weiter. Diese vielfältigen Zugehörigkeiten zusammen bilden die Identität einer Person. Je zahlreicher und vielfältiger diese Zugehörigkeiten werden, desto unwahrscheinlicher ist es, dass jemand anderes genau die gleiche Schnittmenge von Zugehörigkeiten teilt.
Wenn dies geschieht, haben Menschen im Durchschnitt weniger Aspekte ihres vollen Selbstverständnisses mit den Menschen um sie herum gemeinsam; sie beginnen, sich “einzigartig” (positiv formuliert) und “isoliert/missverstanden” (negativ formuliert) zu fühlen. Dies schafft ein Gefühl dessen, was Simmel “qualitative Individualität” nannte. Dieses Konzept hilft zu erklären, warum Sozialwissenschaftler, die sich auf komplexe Gesellschaften fokussieren (wie z.B. Ökonominnen), dazu neigen, den Ansatz des methodologischen Individualismus zu bevorzugen. Jedoch, ironischerweise, betont Simmel, dass diese “Individuation” gerade deshalb und in dem Maße auftritt, wie das “Individuum” zwischen vielen Loyalitäten geteilt wird und somit “dividual” (geteilt/mehrfach zugehörig) wird. Während der methodologische Individualismus (und das, was er als den „egalitären Individualismus“ der Nationalstaaten bezeichnete, den wir oben hervorgehoben haben, und welchen er rechtfertigte) das Individuum als unteilbare Grundeinheit der sozialen Analyse betrachtet, schlägt Simmel dagegen vor, dass das Individuum erst als Ergebnis der Komplexität und Dynamik moderner, städtischer Gesellschaften entstehen kann.
Nationale Identitätssysteme versuchen zwar, das Individuum von den Fesseln der Gemeinschaften zu lösen, doch in Wirklichkeit entsteht dieses Individuum erst durch das Wachstum, die Ausbreitung und die Überschneidung eben dieser Gemeinschaften. So wie ein wirklich gerechtes und effizientes Eigentumssystem diese vernetzte Abhängigkeit anerkennen und berücksichtigen würde, müssten auch Identitätssysteme, die das moderne Leben tatsächlich stärken und unterstützen, seine ⿻-Struktur widerspiegeln.
John Deweys entstehende Öffentlichkeiten (emergent publics)
Wenn (In-)Dividualität so wandelbar und dynamisch ist, dann müssen ebenso die sozialen Kreise, die sich überschneiden, um sie zu bilden, wandelbar sein. Wie Simmel hervorhebt, bilden sich ständig neue soziale Gruppen, während ältere verschwinden. Drei Beispiele, die er für seine Zeit hervorhebt, sind die damals noch neuen Formationen sektorübergreifender Arbeitervereinigungen, die das allgemeine Interesse der Arbeit repräsentieren, die entstehenden feministischen Vereinigungen und die sektorübergreifenden Arbeitgeberinteressengruppen. Der entscheidende Weg zur Schaffung solcher neuen Kreise war die Einrichtung von Orten (z.B. Arbeiterhallen) oder Publikationen (z.B. Arbeiterzeitungen), wo diese neuen Gruppen sich kennenlernen und verstehen konnten. Diese Gruppen hatten somit Dinge gemeinsam, die sie nicht mit anderen in der breiteren Gesellschaft hatten. Solche Bindungen wurden durch Geheimhaltung gestärkt, da geteilte Geheimnisse eine distinktive Identität und Kultur ermöglichten sowie die Koordination in einem gemeinsamen Interesse auf eine Weise, die für Außenseiter nicht nachvollziehbar war[15]. Die Herausbildung dieses gemeinsamen, jedoch verborgenen Wissens, befähigt den entstehenden sozialen Kreis dazu, als kollektiver Akteur zu agieren.
In John Deweys Werk aus dem Jahr 1927, das seine politische Philosophie definierte (“Die Öffentlichkeit und ihre Probleme”), betrachtete er (dem wir in “Ein Blick vom Yushan” begegnen) die politischen Implikationen und Dynamiken dieser “entstehenden Öffentlichkeiten” (emergent publics), wie er sie nannte[16]. Deweys Ansichten entstanden aus einer Reihe von Debatten, die er als Anführer des “demokratischen” Flügels der progressiven Bewegung nach seiner Rückkehr aus China mit dem linken Technokraten Walter Lippmann führte, dessen Buch von 1922 “Public Opinion” Dewey als “die wirksamste Anklage gegen die Demokratie, wie sie gegenwärtig konzipiert wird” betrachtete[17]. In der Debatte strebte Dewey danach, die Demokratie neu zu gestalten und dabei Lippmanns Kritik an den starren Institutionen aufzugreifen, die seiner Ansicht nach der dynamischen Realität nicht mehr entsprachen.
Während er verschiedene Kräfte gesellschaftlicher Dynamik anerkannte, konzentrierte sich Dewey besonders auf die Rolle der Technologie. Sie schuf neue Formen der Interdependenz und machte dadurch neue Öffentlichkeiten notwendig. Eisenbahnen verbanden Menschen kommerziell und sozial, die sich sonst nie begegnet wären. Das Radio ermöglichte einen gemeinsamen politischen Gedankenaustausch und Handeln über tausende Kilometer hinweg. Industrielle Verschmutzung verdeutlichte, wie technologische Entwicklungen Flüsse und Städte gleichermaßen veränderten. All diese Technologien beruhten auf Forschung, deren Nutzen sich meist ohne Rücksicht auf lokale oder nationale Grenzen verbreitete.
Die zunehmende Vernetzung durch neue Technologien schuf komplexe soziale Herausforderungen, die weder durch traditionelle Märkte noch durch bestehende demokratische Institutionen angemessen bewältigt werden konnten – etwa die Verwaltung von Eisenbahntarifen, Sicherheitsstandards, Krankheitsausbreitung oder Fragen der Fairness beim Zugang zu knappen Radiofrequenzen. Am Beispiel der Eisenbahnentwicklung wird deutlich, wie schwierig es ist, gemeinsame Infrastrukturen gerecht und effizient zu gestalten.
Diese neuen Technologien erzeugten besondere ökonomische Dynamiken: Sie schufen Netzwerkeffekte, bei denen der Wert eines Systems exponentiell mit dessen Vernetzungsgrad steigt. Ein Eisenbahnnetz wird beispielsweise umso wertvoller, je mehr Strecken und Anschlüsse es gibt – das Gesamtsystem ist mehr als die Summe seiner einzelnen Teile (siehe das Kapitel zu Sozialen Märkten.
Rein marktwirtschaftliche Ansätze versagen hier aus mehreren Gründen: Private Unternehmen konzentrieren sich auf kurzfristige Gewinnmaximierung und vernachlässigen gemeinschaftliche Wertschöpfungen, z. B. durch “Supermodularität”. Sie neigen dazu, Marktmacht zu konzentrieren, Preise zu erhöhen und bestimmte Teilnehmer systematisch auszuschließen. Dadurch verhindern sie gerade jene Entwicklungspotenziale, die in vernetzten Systemen angelegt sind. Die Folge sind strukturelle Ungleichheiten: Kommunikations- und Verkehrsnetze werden nicht flächendeckend und gerecht ausgebaut, sondern folgen primär Renditeerwartungen. Zentrale gesellschaftliche Entwicklungschancen werden so systematisch blockiert – mit langfristigen Konsequenzen für soziale Teilhabe und wirtschaftliche Entwicklung.
Dewey verehrte die Demokratie als das grundlegende Prinzip seines Denkens. Kaum ein Absatz in seinen Werken vergeht, ohne dass er darauf zurückkommt. Er war überzeugt, dass demokratisches Handeln die Versäumnisse der Märkte ausgleichen könnte. Gleichzeitig erkannte er auch die Grenzen bestehender “demokratischer” Institutionen und bewertete sie als ebenso problematisch wie die des Kapitalismus. Für ihn entsprachen diese Institutionen nicht dem wahren Wesen der Demokratie, insbesondere angesichts der durch Technologie geschaffenen neuen Herausforderungen.
“Demokratisch” bedeutet für Dewey mehr als nur formale Beteiligung und Abstimmungsverfahren. Viele Oligarchien kannten diese Formen, schlossen aber die meisten Bürgerinnen und Bürger systematisch aus und waren daher nicht wirklich demokratisch. Ebenso wenig würde er eine globale “Demokratie”, die direkt die Angelegenheiten eines lokalen Dorfes regelt, als authentisch demokratisch betrachten.
Zentral für wahre Demokratie ist für Dewey die “relevante Öffentlichkeit”. Damit bezeichnet er diejenige Gruppe von Menschen, deren Leben tatsächlich von einem bestimmten Phänomen unmittelbar geprägt wird und die deshalb diese Herausforderung selbst regeln muss. Da Technologie ständig neue Formen von Interdependenz hervorbringt, die fast nie mit bestehenden politischen Grenzen übereinstimmen, muss wahre Demokratie ermöglichen, dass immer wieder neue Öffentlichkeiten entstehen und bestehende Zuständigkeiten neu geordnet werden.
Dewey sah außerdem eine wichtige Rolle für das, was er “Sozialwissenschaftsexperten” nannte. Wir könnten sie heute auch Unternehmer:innen, Anführer:innen, Gründer:innen, Pionier:innen – oder, wie wir es bevorzugen, “Spiegel” – bezeichnen. Denn die meisten Menschen nehmen neue Interdependenzen in ihrem Alltag nicht wahr. Spiegel dagegen erkennen sie, machen sie sichtbar und erklären sie.
So wie George Washingtons Führung den Vereinigten Staaten half, sich sowohl als Nation zu begreifen als auch als eine Nation, die nach seiner Amtszeit ihr Schicksal demokratisch wählen musste, besteht die Rolle solcher „Spiegel“ darin, eine neue Form von wechselseitiger Abhängigkeit zu erkennen (z. B. Solidarität unter Arbeiter:innen oder die Verbindung zwischen Kohlenstoff und globaler Erwärmung), sie den Beteiligten durch Wort und Tat zu vermitteln und so eine neue Öffentlichkeit ins Leben zu rufen. Beispiele dafür sind Gewerkschaftsführer:innen, Gründer:innen von Elektrizitätsgenossenschaften oder die Initiatoren der Vereinten Nationen. Sobald diese neue Öffentlichkeit in der Lage ist, ihre Abhängigkeiten selbständig zu gestalten, tritt der Spiegel zurück – so wie Washington sich nach Mount Vernon zurückzog.
Deweys Konzept von Demokratie und entstehenden Öffentlichkeiten spiegelt Simmels Philosophie der (in)dividuellen Identität. Es ist zugleich zutiefst demokratisch und stellt dennoch unsere gewöhnliche Vorstellung von Demokratie in Frage. In dieser Auffassung ist Demokratie nicht das starre Repräsentationssystem eines Nationalstaats mit festgelegten Grenzen. Sie ist ein Prozess, dynamischer noch als ein Markt, getragen von einer vielfältigen Gruppe unternehmerischer Spiegel:innen. Diese nutzen die Tatsache, dass sie selbst Schnittpunkte ungelöster sozialer Spannungen sind, um soziale Institutionen radikal zu erneuern und neu zu gestalten. Nationalstaatliche Abstimmungsinstitutionen sind für einen solchen Prozess nur ein blasser Schatten, so wie die Newtonsche Mechanik ein blasser Schatten der tieferen quanten- und relativitätstheoretischen Realität ist. Wahre Demokratie muss ⿻ sein und sich ständig weiterentwickeln.
Norbert Wieners kybernetische Gesellschaft
Viele dieser Überlegungen deuten zwar in interessante Richtungen, doch sie bleiben oft abstrakt und liefern kaum konkrete Wege zu praktischen Schritten oder wissenschaftlicher Weiterentwicklung. Könnte das Verständnis der ⿻-Natur sozialer Organisation selbst zum Motor für neue Formen sozialer Ordnung werden? Aus dieser grundlegenden Frage entwickelte Norbert Wiener das Feld der “Kybernetik”, das später den Begriff “Cyber” für digitale Technologien prägte und vermutlich auch die Benennung der “Informatik” wesentlich beeinflusste. Wiener definierte Kybernetik als “das ganze Gebiet der Regelung und Nachrichtentheorie, ob in der Maschine oder im Tier.” Heute versteht man darunter meist die “Wissenschaft der Kommunikation innerhalb von Netzwerken und ihrer Steuerung”[18]. Der Begriff stammt aus dem Griechischen und verweist auf ein Schiff, das durch die koordinierten Eingaben vieler Ruderer gelenkt wird.
Wieners Forschung galt fast ausschließlich physischen, biologischen und technischen Systemen. Er untersuchte, wie Organe und Maschinen Gleichgewichtszustände (Homöostase) erreichen und erhalten können, wie Informationen übertragen werden und welche Rolle diese Prozesse für Stabilität spielen. Politisch war er entschiedener Pazifist und ein scharfer Kritiker des Kapitalismus, dem er vorwarf, die fundamentalen Grundlagen stabiler Systeme systematisch zu untergraben[19]. Er forderte einen verantwortungsvolleren Umgang mit Technologie und fürchtete, dass ohne tiefgreifende gesellschaftliche Reformen seine Wissenschaft ins Gegenteil umschlagen würde. In der Einleitung zu Cybernetics schrieb er 1947, er habe nur “sehr geringe Hoffnung”, dass das neue Wissen mehr zur Verbesserung des Menschen und der Gesellschaft beitragen werde als zur Konzentration von Macht in den Händen der Skrupellosesten. Entsprechend suchte er gezielt den Austausch mit Sozialwissenschaftler:innen und Reformer:innen, die große Hoffnungen in die gesellschaftliche Wirksamkeit seiner Ideen setzten – Hoffnungen, die er jedoch überwiegend für “trügerisch” hielt.
Zwar sah er ein solches Programm als “notwendig”, hielt es aber nicht für “möglich”. Mit Verweis auf die Quantenphysik argumentierte er, dass präzises Wissen auf Teilchenebene unmöglich sei. Naturwissenschaftlicher Fortschritt sei nur möglich, weil wir oberhalb dieser Ebene leben. In Gesellschaften aber gelte das Prinzip der Unschärfe ebenfalls, weshalb echte “Sozialwissenschaft” nach Wiener kaum machbar sei. So sehr er also den Arbeiten von George, Simmel und Dewey eine naturwissenschaftliche Grundlage geben wollte, so skeptisch blieb er gegenüber überhöhten Erwartungen.
Gemeinsam ist all diesen Denkern die Einsicht in die vielschichtige und verflochtene Struktur der Gesellschaft, oft noch komplexer als in den Naturwissenschaften. Während ein Elektron nur ein Atom umkreist, eine Zelle zu einem Organismus gehört oder ein Planet einen Stern umkreist, sind Menschen und Organisationen stets Teil mehrerer, sich überschneidender größerer Einheiten, ohne dass eine klar in die andere eingebettet wäre. Doch wie lassen sich diese Fortschritte im Verstehen von Gesellschaft in ebenso fortschrittliche soziale Technologien übersetzen? Diese Frage wird im nächsten Kapitel behandelt.
John Dewey, The Public and its Problems (New York: Holt Publishers, 1927): p. 81. ↩︎
Karl Polanyi, The Great Transformation. Politische und ökonomische Ursprünge von Gesellschaften und Wirtschaftssystemen (Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 1978 [engl. Orig. 1944]). ↩︎
Joseph Henrich, The WEIRDest People in the World How the West Became Psychologically Peculiar and Particularly Prosperous, (New York Macmillan, 2010). ↩︎
Es ist jedoch zu beachten, dass eine universelle Geburtenregistrierung ein sehr junges Phänomen ist, das in den USA erst 1940 erreicht wurde. Eine allgemeine Registrierung für Sozialversicherungsnummern begann sogar erst 1987, als das Programm „Enumeration at Birth“ (Geburtenzählung) auf Bundesebene in Zusammenarbeit mit den Bezirksbehörden eingeführt wurde. ↩︎
Es gibt allerdings begrenzte Ausnahmen, die gewissermaßen die Regel bestätigen. Die beiden wichtigsten Beispiele sind die „degressive Proportionalität“ und das „Konkordanzprinzip bzw. der Konsoziationalismus“. Viele föderale Systeme (z. B. die USA) wenden das Prinzip der degressiven Proportionalität an, auf das wir später zurückkommen werden: Kleinere Teilgebiete (z. B. Bundesstaaten bei nationalen Wahlen) sind im Verhältnis zu ihrer Bevölkerung überrepräsentiert. Manche Länder haben zudem konkordanzdemokratische Strukturen, in denen bestimmte gesellschaftliche Gruppen (z. B. Religionsgemeinschaften oder Parteien) vereinbaren, Macht in einer bestimmten Weise zu teilen. Dadurch behalten diese Gruppen einen Teil ihrer historischen Macht, selbst wenn ihr Stimmenanteil sinkt. Solche Gegenbeispiele sind jedoch selten, oft umstritten und regelmäßig dem politischen Druck zur „Reform“ in Richtung des Prinzips „eine Person – eine Stimme“ ausgesetzt. ↩︎
David Graeber and David Wengrow, Anfänge. Eine neue Geschichte der Menschheit (Stuttgart: Klett- Cotta, 2022 [engl. Orig. 2021]). ↩︎
Andreas Anter, Max Webers Theorie des modernen Staates. Herkunft, Struktur und Bedeutung (Berlin: Duncker & Humblot, 2007 [engl. Ausgabe: Palgrave Macmillan, 2014]). ↩︎
Christopher William England, Land and Liberty: Henry George and the Crafting of Modern Liberalism (Baltimore, MD: Johns Hopkins University Press, 2023). ↩︎
Henry George, Fortschritt und Armut. Eine Untersuchung der Ursache von Wirtschaftskrisen und Arbeitslosigkeit (Frankfurt a. M.: Campus, 1986 [engl. Orig. 1879]). ↩︎
Mary Pilon, The Monopolists: Obsession, Fury and the Scandal Behind the World’s Favorite Board Game (New York: Bloomsbury, 2015). ↩︎
AnnaLee Saxenian, The New Argonauts: Regional Advantage in a Global Economy (Cambridge, MA: Harvard University Press, 2007). ↩︎
Georg Simmel, Soziologie: Untersuchungen Über Die Formen Der Vergesellschaftung, Prague: e-artnow, 2017. ↩︎
Miloš Broćić, and Daniel Silver, “The Influence of Simmel on American Sociology since 1975,” Annual Review of Sociology 47, no. 1 (July 31, 2021): 87–108, https://doi.org/10.1146/annurev-soc-090320-033647. ↩︎
Marshall Sahlins, Stone Age Economics (Chicago: Aldine-Atherton, 1972). ↩︎
Georg Simmel, “The Sociology of Secrecy and of Secret Societies,” American Journal of Sociology 11, no. 4 (January 1906): 441–98, https://doi.org/10.1086/211418. ↩︎
John Dewey, op. cit. ↩︎
Robert Westbrook, John Dewey and American Democracy (Ithaca, NY: Cornell University Press). ↩︎
Norbert Wiener, Cybernetics, Or Control and Communication in the Animal and the Machine (Paris: Hermann & Cie, 1948). ↩︎
Norbert Wiener, Human Use of Human Beings (Boston: Houghton Mifflin, 1950). ↩︎